Von Steuererklärungen und Flüchtlingskosten

Es ist Mai – Zeit für die Einkommensteuererklärung. Da nimmt die Lust in der Bevölkerung am Rasenmähen, Bügeln und Aufräumen rapide zu! Dabei kann die Last sich in Lust verwandeln, wenn man es nur geschickt anstellt. Die Städte, Kommunen und Kreise in den bundesdeutschen Ländern machen es uns vor. Die Genauigkeit von Zahlen wird überbewertet, Kostenermittlung kann ja so einfach sein. Unter zwei Voraussetzungen. Erstens, Geheimhaltung von Verträgen und Abmachungen. Zweitens, schätzen statt wissen. Wozu soll man sich die Mühe des genauen Verbuchens machen? Zeit ist schließlich Geld, was so viel heißt wie: wenn die Zeit für ein ordnungsgemäßes Controlling in den verschiedenen Ämtern nicht zur Verfügung steht, bedeutet das Geld für andere. Viel Geld.  Aber von Anfang an.

In der ZEIT vom 12.05.16 findet sich folgender Artikel:                                            http://www.zeit.de/2016/21/fluechtling-kosten-haushalt-bundeslaender-unterbringung

Hier haben Journalisten ein halbes Jahr lang recherchiert, um herauszufinden, wie viel uns ein Flüchtling  in Deutschland  kostet. Getrennt nach Unterbringung und Kosten wie Verpflegung, Betreuung, Bewachung(!).  Wir Deutschen sind für unsere Gründlichkeit bekannt. In diesem Fall scheinen die Zuständigen sich jedoch alle Mühe gegeben zu haben, um zu zeigen, dass wir es auch ganz ungründlich können. Daten über die Ausgaben waren jedenfalls kaum zu kriegen. Zunächst erschwert die Tatsache, dass jedes Land sein eigenes System der Unterbringung pflegt, das Datensammeln und -vergleichen. Wer ist für welche Kosten zuständig und wenn ja, warum? Wer übernimmt was? Und – auch spannend – wer verantwortet was? All das unterscheidet sich von Land zu Land, von Gemeinde zu Gemeinde. Man könnte sagen, es herrscht ein gewisses Chaos. Es will sich wohl auch niemand so recht in die Karten gucken lassen. Antworten der Behörden an die Reporter, wie zum Beispiel  die aus Bayern, „wir bitten um Verständnis, dass die von Ihnen erbetenen Zahlen in dieser Form statistisch weder vom Sozialministerium noch von den Bezirksregierungen erfasst werden“ lassen tief blicken. (Das erinnert mich an die Mitteilungen aus der Grundschule: „Liebe Eltern, wir bitten um Verständnis, dass der Unterricht am morgigen Mittwoch ausfällt. Wir Lehrer machen eine Fortbildung“. Dieses Schreiben habe ich damals regelmäßig mit dem Vermerkt „Verständnis verweigert“ zurückgeschickt.) Transparenz jedenfalls sieht anders aus.

Häufig hieß es, die Verträge mit den Heimbetreibern seien geheim. Da stellt sich doch die Frage nach dem Warum. Wird gemauschelt? Haben die Zuständigen schlicht keine Lust, sich mit dem Thema auch betriebswirtschaftlich auseinander zu setzen? Wenn Gelder fehlen, kann man ja den Bund um Unterstützung bitten. Also uns, die Steuerzahler. Wie es übrigens gerade geschieht, obwohl keiner auch nur den Schimmer einer Ahnung hat, was die Flüchtlinge nun tatsächlich an Kosten verursachen. Aber nach mehr Geld zu schreien ist ja viel einfacher, als bei sich selbst nach Sparmöglichkeiten zu gucken.

Schön ist auch, dass es keine übergreifenden Informationen untereinander gibt. Die rechte Hand ist mal wieder völlig planlos, weil sie die linke Hand nicht leiden kann – und daher auch nicht nachfragt. Sonst käme es nicht zu so merkwürdigen Unterschieden in der Bezahlung der Heimbetreiber. Wie zum Beispiel bei European Homecare. Der Laden hat seinen Umsatz in den letzten zwei Jahren von 17 auf 100 Millionen Euro gesteigert. Klar, es sind auch mehr Flüchtlinge angekommen. Komisch ist aber, dass die Kosten in manchen Gemeinden verhältnismäßig gering, in anderen unverhältnismäßig hoch sind. Warum? Es scheint clevere Gemeinden zu geben, die lieber Planen statt Pennen, dann bei der Vertragsgestaltung nicht so erpressbar sind und vernünftige Preise aushandeln. Andere jedoch, die von der  „huch,  Überraschung, wir kriegen auch Flüchtlinge“ – Fraktion, müssen schnelle Lösungen finden, die dann, logisch, auch mehr kosten. Das kräftige Zulangen der Anbieter (teilweise müssen vertragsgemäß auch nicht benötigte Betten monatelang bezahlt werden) kann einem ja letztendlich auch wurscht sein, wenn man´s nicht aus der eigenen Tasche bezahlen muss.

Jetzt könnte man doch auf den revolutionären Gedanken kommen, eine allgemein zugängliche Datenbank zu schaffen, die das Vergleichen der verschiedenen Verträge mit verschiedenen Betreibern an verschiedenen Orten möglich macht. Um so eine einheitliche Preisstruktur und bessere Verhandlungsbasis zu bekommen. Das würde aber eine Zusammenarbeit der Bundesländer, der Gemeinden und Kreise bedingen -und damit haben wir es ja nicht so sehr in unserem schönen Lande.

Zur weiteren Erbauung empfehle ich das Lesen des Artikels. Was hat das nun alles mit meiner Steuererklärung zu tun? Ganz einfach. Ich orientiere mich an der Politik – schließlich gibt die ja die Richtschnur vor. Und wenn ganze Landkreise Kosten schätzen dürfen, statt sie genau aufzuführen, zu kalkulieren und zu verbuchen, dann darf ich als kleiner unbedeutender Bürger das wohl schon lange. In diesem Jahr werde ich meine Steuererklärung also Pi mal Daumen machen. Denn mir fehlt, ganz wie dem Fachmann für Finanzen des Deutschen Städtetages, „… der Überblick, welche Kosten …tatsächlich anfallen“. Da runde ich also sicherheitshalber meine Werbungs- und sonstigen Kosten ein wenig nach oben auf. Da die Städte mit ihrer Vorgehensweise ordentlich Geld fordern und erhalten, wird mir das sicher auch gelingen. Das spart mir Unmengen an Zeit und bringt Geld. Womit wir wieder am Anfang des Artikels wären: Zeit ist Geld.

 

 

Der Shanty-Chor fängt an zu graben

Am Samstag, den 30.04.16, trat der zweite AfD Vorsitzende Jörg Meuthen vor seine Deutschtümler und sagte den vermutlich folgenschwersten Satz seiner Laufbahn: „Wir wenden uns nicht gegen die Menschen. Aber wir wenden uns gegen die Massenzuwanderung, durch die wir das Land nicht mehr wiedererkennen können“.

Dies hörte der Shanty Chor „De Jungs von de Fischköppküste“ aus Hamburgs Nobelviertel Harvestehude bei ihrer Monatsendprobe. Bereits am Sonntag traf man sich zu einer Sondersitzung mit dem Thema, „Wir lassen uns doch nicht die Butter bei die Fische klauen“ und diskutierte darüber, wie man den Flüchtlingsmassen bei der Veränderung unseres Landes zuvorkommen könne. Der Leiter des Chores, Hein Böd, beteuerte, dass „wir Deutschen durchaus nicht der Hilfe von irgendwelchen Hergelaufenen bedürfen, um unser Land so nachdrücklich verändern zu können, dass es nicht mehr wiederzuerkennen ist. Das schaffen wir problemlos ganz alleine“.

Da es unter den Mitgliedern naturgegebener maßen etliche, sich im Ruhestand befindliche Anwälte, Architekten und Ingenieure gibt, so dass sich Know How mit genügend freier Zeit aufs Trefflichste verbinden konnten, nahm ein Plan rasch Gestalt an. Die Nordsee sollte umziehen! Auf das genaue Endziel konnte man sich zwar noch nicht einigen, aber dass es in den Süden gehen sollte war doch schnell klar.

Inzwischen hatten mehrere andere Shanty Chöre ihr Interesse bekundet und so entstand die heute bekannte Flutwelle der Grabenden. Gegenüber von Wilhelmshaven, am unteren Ende des Jadebusens, wechseln sich zur Zeit verschiedene Chöre der Hansestädte, unterstützt von kleinen Dorfchören aus der Gegend ab, um einen breiten Kanal Richtung Süden zu schaufeln. Ermutigt von der erfolgreichen Handhabung der Bauprobleme des Berliner Flughafens lautet ihr Credo „planing while doing“. In guter deutscher Mannschaftsmanier gräbt die Gruppe schwung- und taktvoll zu dem altbekannten Shanty: „What shall we do with the drunken sailor“ in geänderter Textform. Hier ein Abdruck des Bauarbeiterliedes:

Das wolln wir nich den Flüchtlingen überlassen,                                                                 das wolln wir nich den Flüchtlingen überlassen,                                                                   das wolln wir nich den Flüchtlingen überlassen,                                                             Somaliern oder Syrern.                                                                                                       Hebt aus, auf ihr Männer,                                                                                                    hebt aus, auf ihr Männer,                                                                                                    hebt aus, auf ihr Männer,                                                                                                      Die Nordsee zieht inn Süden“

Der etwas holperige Reim ist der Spontaneität und dem Zeitdruck geschuldet und daher verzeihlich.

Unbestätigten Meldungen zufolge sind die hessischen Grüne-Soße-Kräuter Anbauer, sowie die Apfelwein Kelterer inzwischen dabei, das Kinzigtal auszuheben und zu erweitern, um der anrückenden Nordsee in guter Willkommenskultur eine neue Heimat bieten zu können. Die Bürgermeister der umliegenden Gemeinden planen bereits den Umzug ihrer Städte auf die angrenzenden Hügel des Vogelsberges und freuen sich auf eine neue Flutwelle von Touristen.

Auch aus Bayern ist zu hören, dass die Alphornbläser und die Trachtenvereine ein gemeinsames Vorgehen überlegen, wie sie das Schloss Neu-Schwanstein an den Rhein umziehen könnten. Das würde die dortigen Burgruinen erheblich aufwerten und den Preußen mal zeigen, was ein „echtes deutsches Schloss ist“, so ein Mitglied der Tölzer-TölpelTruppe.

„Es sieht ganz so aus, als hätten wir durch unser beherztes Eingreifen eine deutschlandweite Bewegung in Gang gesetzt“, freut sich Hein Böd, “ da zeigt sich doch ganz deutlich, dass wir Deutschen niemanden brauchen, der uns sagt, wie wir unser Land zu verändern haben. Wir schaffen das. Ganz alleine!“

 

 

Liberale Abfallregelung für Flüchtlinge

http://www.zeit.de/politik/deutschland/2016-02/sichere-herkunftsstaaten-algerien-tunesien-marokko

Die klassische freudsche Fehlleistung gibt`s ja auch beim Lesen. Im Bericht über sichere Herkunftsstaaten ist immer wieder von der liberalen Altfallregelung die Rede. Mein Unbewusstes liest aber hartnäckig „Abfallregelung“. Und da ich mich bereits seit Langem darin übe, auf mein Unbewusstes zu hören, frage ich mich natürlich, warum es mir dieses Wort so penetrant vor die Füße wirft.

Vielleicht, um mir mal ein Gedankenspiel vorzuschlagen. Könnte es sein, dass die Politik eigentlich Abfallregel meint, wenn sie von Altfallregel spricht? Ich möchte hier wahrlich niemandem Böses unterstellen, aber wenn ich genau darüber nachdenke, zeigen sich doch gewisse Parallelen. Und wenn ich ehrlich bin, war das mit dem „niemand etwas Böses unterstellen wollen“ glatt gelogen. Wahr ist, dass ich niemandem etwas Böses unterstellen wollen würde, mich die tägliche Berichterstattung jedoch in diesem „wollen würden“ nicht gerade unterstützt!

So sollen laut diesem Artikel, auf Wunsch der SPD, für etwa 20.000 Menschen aus dem Maghreb, die sich vor dem 31.12. 2013 bei uns eingefunden haben, Ausnahmen zugelassen werden. Auch wenn die Maghreb Staaten nun zu sicheren Herkunftsländern erklärt werden und den Menschen aus diesen Ländern bei uns keine Bleibeperspektive (seltsames Wort) gewährt werden kann, so sollen doch diejenigen, die bereits seit mehr als 2 Jahren bei uns sind eine Aufenthaltserlaubnis erhalten.

Kling für  mich nachvollziehbar. Die Wahrscheinlichkeit, dass diese Menschen sich inzwischen hier integriert haben, die Sprache gelernt, vielleicht einen Schulabschluss oder Ausbildung gemacht oder zumindest begonnen haben, dass sie in einem Verein Fußball spielen oder sich zum Stricken treffen, dass sie deutsche Freunde gefunden und sich, wie man so schön sagt, ein neues Leben aufgebaut haben, diese Wahrscheinlichkeit ist doch nicht von der Hand zu weisen. In jedem Fall könnte man eine erfolgte Integration ja wohlwollend mit erwägen.

Jenseits der Frage, die in diesem Artikel von Pro-Asyl aufgeworfen wird, mit welcher Berechtigung man denn überhaupt auf den seltsamen Gedanken käme, Staaten, in denen gefoltert wird und Menschenrechte keine Geltung haben, zu sicheren Herkunftsstaaten zu erklären beschäftigt mich, wie sich ein klar denkender Politiker dafür entscheiden kann, Menschen, die seit längerem hier bei uns sind, so ruck zuck wieder vor die Tür zu setzen. Es braucht ja nun wahrlich nicht so furchtbar viel Phantasie, um sich vorzustellen, wie es sich anfühlen muss, über Monate und Jahre in Ungewissheit über die eigene Zukunft leben zu müssen – und dabei noch zu versuchen, halbwegs mit Begeisterung Vokabeln zu pauken. Begeisterung deshalb, weil wir die fürs Lernen brauchen, wie mittlerweile allgemein bekannt sein sollte.

Interessieren würde mich auch, wie SPD und Grüne auf eine Zahl von „etwa“ 20.000 kommen. Ich denke dabei auch an das Kontingent von den ominösen 60.000, die die EU Griechenland abnehmen und verteilen will. Das wurde  im September letzten Jahres festgelegt, und laut der Sendung „Kontraste“ vom 21.04.16 sind immerhin 769  bereits verteilt worden. Wahnsinn! Oder eben doch liberale Abfallregelung?

Frau Merkel, ich hab` sie…

… die Antwort auf die Frage, wie wir das schaffen. Wir Deutschen müssen einfach nur angstfreier werden! Und damit meine ich gar nicht die Angst vor Neuem und Fremden. Nein, nein, mir geht es um die Angst vor Fehlern. Der Angst davor, sich im deutschen Gesetzesdschungel zu verirren und irgendwie unwissentlich etwas falsch zu machen. Und die Angst davor, dass dieses Unwissentliche dann aufs Heftigste bestraft wird. Ich möchte das anhand einer wahren Geschichte und des dazugehörigen Märchens erläutern.

In einer kleinen Stadt gibt es ein paar Hundert Flüchtlinge. Und es gibt viele Helfer, die sich um alle Belange dieser Menschen kümmern. Als da sind: Kleidung, Sprachkurse, Behördengänge, Arzt- und Krankenhausbesuche, Ausflüge, Wohnungseinrichtung, Koch- und andere Events, Hausaufgabenbetreuung und, und, und.

Für einen dieser Flüchtlinge, einem jungen Mann von 20 Jahren, der zur Zeit hier in Deutschland die Realschule besucht, hat sich der Betreuer, ein älterer Herr von 83 Jahren, gemeinhin bekannt als „Opa von Ahmed“, nun dafür eingesetzt, für seinen Schützling ein Praktikum während der Osterferien zu organisieren.

Mit der Unterstützung seiner Tochter gelang es ihm, eine Stelle in einem örtlichen Handwerksbetrieb zu finden. Soweit also so gut.

Der Handwerksmeister, der sich gerne bereit erklärte, Ahmed erste Einblicke in den Schreinerberuf zu geben, führte ein längeres Gespräch mit der Tochter, worin er ihr erklärte, auf welche Gesetzesbestimmungen für Praktikanten im Allgemeinen und Flüchtlinge im Besonderen er achten müsse. Mindestlohn, Arbeitserlaubnis, Schülerstatus, Versicherungen, Sicherheitsschuhe …. Es war ein ganzes Bündel. Die Tochter versprach, sich um alles zu kümmern und legte los.

  1. Anruf bei der Ausländerbehörde, wo der junge Mann gemeldet war, und Nachfrage, ob ein Orientierungspraktikum möglich sei. Antwort a la Radio Eriwan „Im Prinzip ja, aber…“ Es brauche eine Bestätigung der Firma, die müsse geprüft werden und könne dann vermutlich ohne Einbeziehen des Arbeitsamtes (was bei längeren Praktika nötig ist um sicher zu stellen, dass der Platz nicht einem urdeutschen Bewerber weg genommen würde) genehmigt werden.
  2. Information an Ahmed, sich in der Schule bitte eine Schulbescheinigung geben zu lassen.
  3. Anruf bei einem Versicherungsmakler mit der Bitte, zu prüfen, ob es die Möglichkeit einer einmonatigen Unfallversicherung gäbe.
  4. Frage bei Freunden und Kollegen, ob jemand Sicherheitsschuhe Größe 42 habe.

Somit waren schon 8 Leute mit der Sache beschäftigt!

Erstaunlicherweise war die Erlaubnis der Ausländerbehörde – nach anfänglich mehrfach geführten Telefongesprächen – am einfachsten zu erlangen. Kurz vor Beginn des Praktikums klärte sich auch die Unfallversicherungspflicht, die über die Berufsgenossenschaft – nach wieder mehrfachen Telefonaten – laufen konnte.

Das, was man für das Unproblematischste gehalten hatte, die Schulbescheinigung, wurde zu einem Dauerthema. Erst hieß es, die könne man Ahmed nicht ausstellen. Auf Nachfrage des Opas beim Schulsekretariat wurde dann aber doch eine Bescheinigung ausgegeben. Nichtsdestotrotz führte die Tochter ein paar Tage später noch ein längeres Gespräch mit Ahmeds Klassenlehrer (der dessen Einsatz übrigens sehr lobte und sich freute, dass er ein Praktikum machen wollte), der ihr erklärte, die Schulleitung brauche, um eine endgültige Schulbescheinigung genehmigen zu können, Unterlagen von der Ausländerbehörde, der Firma und der bestehenden Versicherung. Auf Nachfrage konnte jedoch auch der Lehrer nicht erklären, wozu die Leitung alle diese Belege brauche, da das Praktikum ja in den Ferien und somit in Ahmeds Freizeit fiele. Aber brauchen tue man es!

Die Tochter willigte ein, alles zu besorgen und der Schule zukommen zu lassen.

Fünf Tage vor Beginn des Praktikums war alles beisammen, sogar die Sicherheitsschuhe. Der Handwerksmeister war sehr froh darüber, noch rechtzeitig vor den Osterfeiertagen zu erfahren, dass Ahmed kommen würde, so dass er ihn in seine Arbeitsplanung aufnehmen konnte. Tochter und Opa lehnten sich nach den Wochen des Organisierens und Rumtelefonierens erleichtert zurück und Ahmed begann, die Vorfreude auf eine Tätigkeit jenseits der Schule zu genießen.

Märchenhafte Kurzfassung:

In einer Welt, die nicht so sehr von der Angst vor Fehlern und behindernden Gesetzen geprägt wäre, ginge die Geschichte so:

Ein junger Flüchtling möchte ein Praktikum machen und fragt seinen deutschen Paten, ob der ihm behilflich sein könnte. Der ruft seine Tochter an. Die ruft einen örtlichen  Handwerksmeister an. Der sagt: „Prima Idee. Wann will er kommen?“

Die Insel der Glückseligen

In den Zeitungen ist zu lesen, dass die Sorgen vor der Zukunft und die Angst vor den Flüchtlingen in Deutschland auf über 50 Prozent gestiegen sind. Das heißt, mindestens jeder zweite Deutsche schleppt solche Ängste mit sich herum. Wo sind die? Es muss Städte geben, die sozusagen die gesamte Angst eines Landkreises tragen, mit gebeugten Schultern und sorgenvoll gerunzelter Stirn (oder, um im Bild zu bleiben, mit geknickten Laternenpfählen und löcherigen Straßen) in der Landschaft stehen und verzweifelt in einen trüb grauen Himmel stieren. Das ist sehr lobenswert und ich bedanke mich herzlich bei den Bürgern all dieser Städte, die laut klagend all diese niederdrückenden Probleme schultern.

Denn nur dadurch erscheint es mir möglich, dass mein Erleben in meiner Stadt ein so ganz anderes ist. Offenbar haben sich die restlichen Prozente unter anderem hier niedergelassen. Ich habe mit vielen Menschen über dieses Thema gesprochen, keiner zeigte angstbehaftete Reaktionen. Im Gegenteil, offene Arme und Unverständnis über die Obergrenzendebatte allenthalben. vielleicht lebe ich ja auf der Insel der Glückseligen. Verfolgt man die Diskussionen im Fernsehen hat es den Anschein, als gäbe es noch weitere solche Inseln und manchmal frage ich mich, wo diese über fünfzig-Prozentigen alle sind. Irgendwo müssen sie ja sein, steht doch neulich wieder zu lesen, dass der Umsatz von Pfefferspray gegenüber dem Vorjahreswert um 700 in Worten: siebenhundert! Prozent gestiegen ist. Das Zeug muss ja irgendwer gekauft haben. Und die Nachfrage nach Waffen steigt ebenso. Wer, zur Hölle, braucht in Deutschland eine Knarre? Da regen wir uns über die Amis mit ihrem idiotischen und gefährlichen WaffenUNgesetz auf und kaum lesen wir was über (angebliche) Überfälle von (angeblich) den Flüchtlingen, rüsten wir auf. Also natürlich nicht wir, auf unserer Insel, sondern die da, die über fünfzig-Prozentigen, wo auch immer sie sein mögen.

Ich verstehe das nicht. Unsere Insel-Flüchtlinge sind hilfsbedürftige, traumatisierte, dankbare und auch manchmal anspruchsvolle oder unverständige Menschen. Ist eben alles dabei, bunte Palette. Klar, nicht alle sind gleich sympathisch, aber Angst habe ich vor keinem. Oder jedenfalls nicht mehr, als ich sonst vor anderen Menschen habe.

Wobei, wenn ich genau darüber nachdenke, stimmt das nicht so ganz. Neulich zum Beispiel: ich gucke leidenschaftlich gern Talkshows. Da saß vor kurzem Beatrix von Storch drin, offensichtlich auch eine von Sorgen und Ängsten arg Geplagte, ihr Gesichtsausdruck erinnerte mich vage an das Volk der Klingonen. (Für alle Enterprise Unkundigen, die haben so Sorgenrunzeln auf der Stirn). Nachdem ich ihr eine Weile zugehört hatte, musste ich aber den Fernseher ausschalten, es packte mich das kalte Grauen. Diese Frau mit ihren Anschauungen macht mir mehr Angst als sämtliche Flüchtlinge zusammen es je könnten.

Ähnliches passiert mir neuerdings immer öfter auf Facebook, auch hier spinnt das Grauenhafte immer dickere Fäden, durchzieht scheinbar mühelos immer mehr posts, likes und ähnliches, so dass ich mir jedes Mal schon ein Schlückchen Tequila genehmigen muss, bevor ich mich traue, die Seite aufzurufen. Das mit dem Tequila ist übrigens ein guter Tipp, es schränkt die Zeitspanne auf FB extrem ein. Wenig-Trinkern reicht ein Gläschen am Tag und die Schnapsdrosseln sacken alsbald über der Tastatur zusammen.

Selbst meine geliebte ZEIT scanne ich mit Argusaugen, ob mir nicht wieder ein Satz über Deutsche, die Asylheime anzünden oder die Grenzen schließen wollen ins Auge sticht. Denn das macht mir Angst

Neid, Missgunst, Hass und Abschottungswahn machen mir Angst. Dummheit und Borniertheit machen mich gruseln und Egoismus und Konkurrenzdenken lassen mich verzweifeln.  Dagegen helfen allerdings weder Pfefferspray noch 9mm Geschosse. Und ich stelle fest, auf meiner glückseligen Insel gibt es auch Ängste, Sorgen, Unmut und Verzweiflung. Nur eben anders gelagert. Probates Mittel gegen solche unliebsamen Erscheinungen ist das Einschalten des Denkapparates, das Betrachten der Fakten, das Bilden einer EIGNEN möglichst fundierten Meinung und das Erkennen, dass Konflikte nicht dadurch weggehen, dass wir „weg, weg mit dir, du Konflikt, du blöder“ denken sondern akzeptieren, dass Konflikte zum Leben gehören wie Lebkuchen im Supermarkt im September. Man muss sie ja da noch nicht kaufen. Stattdessen betrachtet man sie jede Woche, wählt einige aus und vernichtet sie dann erfolgreich bis Weihnachten. Es folgt eine kurze Pause, bis Ende Januar die nächsten Probleme in Form von Osterhasen um die Ecke kommen…Mit denen verfahre man dann auf gleiche Weise.

Vielleicht entstehen so noch ein paar mehr Inseln, die am Ende die Größe eines Kontinents erreichen. Wer weiß.

9 von 10 meiner Patienten kriegen Ohrenschmerzen…

… na, wenn das mal kein „Qualitäts“urteil ist. Oder eher die Gabe der Weissagung?

Was ficht Ärzte an, ihren Patienten solche „Wahrheiten“ um die Ohren zu hauen? Es gibt heute nur wenig Zweifel darüber, dass Worte wirken. Manchmal wahre Wunder, öfter aber  Ungewolltes. Ein wenig mehr Offenheit, Neugier und die Bereitschaft, sich auch mal bisher Ungewohntem zuzuwenden, würde diesen Menschen in Weiß gut zu Gesicht stehen. Und ihren Patienten vermutlich gut tun!

Anlass für diesen Artikel ist folgende Geschichte: meine Tochter musste sich mit 17 die Mandeln entfernen lassen. Wir hatten es lange genug hinaus gezögert. Letztes Jahr im September begann das Ärztekarussell. Zuerst zum HNO. Der hat ihr erklärt, dass es in der Tat nötig ist. Und nicht so ohne. Aber sie bekäme Schmerzmittel für die zwei Wochen nach der OP. Die würden ganz gut helfen. Also, wehtun würde es dann zwar immer noch, aber es wäre erträglich.

Ich saß daneben und war entsetzt. Als Hypnotherapeut reagiere ich allergisch auf solche Aussagen.  Meine relativierende Bemerkung, das würde schon nicht so schlimm werden und die Medikamente zeigten ja allgemein doch eine gute Wirkung quittierte der Arzt mit einem, nun ja, eine Mandel OP in dem Alter sei eben schwieriger und Schmerzen würde sie schon haben. Als ich ihn dann fragte, ob ihm klar sei, was Worte so bewirken könnten antwortete er lapidar: „Ich muss meinen Patienten doch die Wahrheit sagen“. Bitte, lieber Gott, nimm den Dottores doch endlich diese Ausreden!

Das war im September, die OP war für Januar angesetzt und ich dachte bei mir, bis dahin hätte ich noch genügend Zeit, hypnotherapeutisch für gute Gesundung meiner Tochter zu sorgen.

Im Januar, am Tag vor der OP, war die  Voruntersuchung. Mit der Bemerkung des Arztes, die wären ja ganz schön groß, die Mandeln, aber das ginge schon. Es gäbe ja Schmerzmittel!

Nach der OP kam abends der Operateur noch mal ins Krankenzimmer, blickte meine Tochter an und sagte: „Die OP ist gut verlaufen. Du wirst mich sicher hassen in den nächsten zwei Wochen aber die Mandeln waren so groß, die mussten raus. Und da musst du jetzt durch, das tut mir leid. Aber in vier Wochen ist alles wieder ok.“

Am nächsten Tag Nachuntersuchung. Mittlerweile bei Arzt Nummer 4. Der meinte, sähe alles gut aus. Dann hörte ich, wie er sagte, „in der fünften Nacht wirst du starke Ohrenschmerzen bekommen. Ein paar Tage später nochmal.“  Ich dachte, ich höre nicht richtig. „Meine Tochter nicht“, sagte ich laut und deutlich zu ihm. „Doch, natürlich, Ihre Tochter auch. Neun von zehn meiner Patienten kriegen Ohrenschmerzen. Nach Tausenden von OP´s weiß ich das.“ „Nun“, entgegnete ich, „meine Tochter wird keine Ohrenschmerzen haben.“  Was ihn nicht weiter beeindruckte.

Am nächsten Tag gleicher Arzt, gleicher Kommentar. Auch von mir. Ich erzählte ihm, dass ich Hypnotherapeutin bin und ob ihm nicht klar sei, welche Wirkung seine Worte auf das Unbewusste haben könnten. Die Antwort, die er mir gab, kannte ich schon. „Ich muss meinen Patienten doch die Wahrheit sagen.“ Das ginge auch anders, entgegnete ich, stieß aber nicht auf eine irgendwie geartete Neugier.

Bei der Entlassung aus dem Krankenhaus sahen wir Arzt Nummer 5. Der fragte, ob wir noch genügend Schmerzmittel für zu Hause hätten. Auf meine Antwort, meine Tochter nähme bereits seit dem Tag nach der OP keine Medikamente mehr meinte er nur, dass es jetzt erst richtig schlimm werden würde, wenn die Beläge anfingen, sich abzulösen. Danke für dieses Gespräch.

Fazit:

Ich habe mit meiner Tochter vor der OP, direkt danach und in den Folgetagen mit verschiedenen Trancen gearbeitet. Das hatte ich im Vorfeld bereits vorbereitet. Die Ohrenschmerzen kamen da etwas überraschend. Wir improvisierten. Da ich da zum Glück bei besagtem Termin anwesend war, konnte ich sofort mit einer Geschichte über Dampfmaschinen (hatte sich meine Tochter in Anlehnung an die Feuerzangenbowle gewünscht) aufwarten. Am Ende hat sie nach dem zweiten Tag keine Schmerzmittel mehr gebraucht, die Wunden sind gut verheilt, sie konnte bereits am dritten Tag feste Nahrung zu sich nehmen und abgesehen von Langeweile und Genervt sein war alles gut auszuhalten. Ohrenschmerzen bekam sie übrigens auch nicht!

Beim letzten Termin, vier Wochen später, habe ich dem Ohrenschmerzenarzt unser Krokodilbuch geschenkt. Mit der Bitte, ob wir uns nicht mal zusammen setzen könnten, um gemeinsam zu überlegen, wie den restlichen neun Patienten zu helfen wäre. Das war vor 2 Monaten. Leider habe ich bis heute nichts von ihm gehört…

 

Lieber ein pädophiler Pauker als gar kein Abi!

In der ZEIT vom 18.2.16 gibt es in der Rubrik „Chancen“ den Artikel: „Wer war dieser Mann“ über Gerold Becker, der die Odenwald Schule nicht nur lange leitete, sondern auch Schüler lange missbrauchte. Über das wie, wann und warum will ich hier gar nicht reden. Es gibt aber neben all den Widerlichkeiten, die in diesem Artikel auftauchen, einen Satz, der an Furchtbarem in meinen Augen gar nicht zu überbieten ist. Ich möchte zuerst aber ganz klar stellen, dass ich nicht die Eltern furchtbar finde, sondern die gesellschafts- und vor allem schulpolitischen Umstände, die uns alle so prägen!

Zitat: „Manche Kinder haben sich sehr wohl ihren Eltern anvertraut, hörten dann aber: „Du willst dein Abitur machen? Dann hab dich nicht so.“

Dieser Satz, in seiner Schlichtheit und logischen Konsequenz ist für mich eine entsetzlichere Aussage, als alles andere, was ich da gelesen habe. Wie weit sind wir mit unserem Leistungsgedanken in unserer Leistungsgesellschaft, wo nichts anderes als Erfolg, Knete und Aufstieg zu zählen scheinen gekommen, dass Eltern der Abschluss der Schule wichtiger ist, als die körperliche und seelische Unversehrtheit ihrer Kinder? (Hier wäre, glaube ich, das inflationäre Nutzen des Frage-  und Ausrufezeichens durchaus angebracht!)

Und welchen Blick wirft dieser Satz auf unser Schulsystem, so dass für diese Eltern ein Wechsel auf eine staatliche Schule offensichtlich überhaupt keine Option darstellte?

Ich habe selbst einige kurze Erfahrungen mit der Odenwaldschule, allerdings zu einer Zeit, bevor die Missbrauchsskandale an die Öffentlichkeit kamen. Ich habe die Schule zweimal besichtigt und wenn mein Sohn nicht klar gesagt hätte, dass er sich dort überhaupt nicht wohlfühlt, hätte ich ihn vielleicht angemeldet. Trotz hoher Kosten und weiter Wege. Warum? Ganz sicher nicht aus Begeisterung für Internate und elitäres Gehabe. Sondern weil Kinder, die nicht in die üblichen Schubladen passen, in unseren typischen Regelschulen versickern. Sie gehen erzwungenermaßen dorthin, Jahre um Jahre, und verlieren sich dabei. Erst kommt ihnen ihr Lachen abhanden, dann ihre Identität.

Und gerade diese Kinder, die permanent erleben müssen, dass sie „irgendwie anders“ sind, dass sie „nicht passen“, diese jungen Menschen landen dann in Einrichtungen wie der Odenwaldschule. Wo es ein Leichtes ist, sie zu Opfern von Begehrlichkeiten, welcher Art auch immer, zu machen.

Nach der Lektüre eines solchen Artikels überkommt mich ab und an Verzweiflung ob unserer gesellschaftlichen Unfähigkeit. Wir wissen, wie es anders und besser sein könnte. Wissenschaftler zu Hauf schreiben Bücher, geben Interviews, rufen Institutionen und Stiftungen ins Leben, um nicht nur unsere Schullandschaft, sondern unsere Lebenslandschaft zu verändern.  Um sie den veränderten Umweltbedingungen anzupassen, die der Rest der Menschheit partout nicht wahrnehmen  will. Weggucken und Nicht-Denken ist ja auch immer einfacher, nicht wahr? Es geht aber nicht mehr hierarchisch, linear, kausal. Es geht nur noch, wenn wir endlich anfangen, auf Augenhöhe miteinander umzugehen.

Ich wünsche mir, dass zumindest wir Eltern lernen – mich eingeschlossen -, hinzugucken und unsere Kinder so wahrzunehmen, wie sie sind und nicht als zu klein (oder zu groß!) geratener Inhalt für fragwürdige aber gesellschaftlich anerkannte Schablonen. Dann wäre das Abi im Vergleich zu einer glücklich-geglückten (Er-) Wachsenzeit nämlich scheißegal!

Aus der Abteilung: schräge Typen. Oder…

…habt ihr sie noch alle am Sträußchen?

Meine Sammlung von unvorstellbar denkenden und handelnden Mitmenschen wird immer schöner. In der ZEIT vom 4.2.16, Ressort Politik, Artikel „Böse Onkels“ wird, unter anderem,  ein Ehepaar in USA beschrieben. Es lebt beschaulich im ländlichen Idyll in der Mitte des Landes, dem sogenannten „Heartland“ der Vereinigten Staaten. Die Eheleute nannten eine hübsche kleine Steinkirche ihr Eigen, wo sie ein Cafe führten und Hochzeiten ausrichteten. Beide sind strengst gläubig (von christlich will ich hier allerdings absichtlich nicht sprechen), heilig, heilig, heilig ist ihnen die Ehe. und alles war wunderbar, sozusagen puderosarot. Bis, ja, bis eine übermächtige Gefahr über sie hereinbrach wie eine Naturgewalt. Entsetzlich, bedrohlich und genauso fremdartig und unverständlich wie r2d2. Oder  vielleicht eher wie c3po, der hat ja zumindest eine menschliche Gestalt und sprechen kann er auch.

Der c3po dieses Ehepaares hieß anders, genauer gesagt waren es sogar zwei. Zwei schwule Männer, die heiraten wollten. Und gern den Hochzeitsservice des gläubigen Paares in Anspruch genommen hätten. Welch Frevel. Das heilige Sakrament der Ehe derart mit Füßen (oder etwas anderem?) getreten zu sehen, dieser Sünde konnten die beiden nicht Vorschub leisten und verweigerten ihre Dienste.

Nun könnte man denken, damit habe die Geschichte ein Ende aber nein, weit gefehlt. Die beiden Verschmähten begaben sich stracks zum Gericht und klagten. Denn im Heartland hatte man auch ein Herz für Homosexuelle – zumindest mancherorts –  und die Homoehe ist dort seit  2009 legal. Auch jetzt könnte man sich wieder fragen, warum tun die das? Wozu der Aufwand. Geht man zum Feiern halt woanders hin. Ich habe jedoch ein großes Verständnis dafür, dass Menschen, die lange, sehr lange, zu lange diskriminiert wurden und die nun endlich eine gesetzliche Handhabe dagegen haben, dass diese Menschen von ihrem Recht Gebrauch machen. Das ist auch sehr gut so, andernfalls würden viele solcher – leider immer noch mehr oder weniger alltäglicher – Situationen im Dunkeln des runtergeschluckten Frusts bleiben. Und das wäre für alle Beteiligten schwer verdaulich, würde zu Koliken, Verstopfung und am Ende überfallartigem Übergeben führen, was ja bekanntlich kein Mensch braucht.

Es wurde also geklagt. Nun ging es besagtem Ehepaar zwar ganz gut, aber sie brauchten das Hochzeitsgeld für die Rückzahlung der Hypothek. Also zum Erhalt von home und castle oder hier besser „church“. Das Angebot der Heiratswilligen, die Klage zurück zu ziehen, wenn sie dafür zukünftig auch bereit wären, Ho-Ho`s auszurichten (homosexuelle Hochzeiten :-)), schlugen sie aus. Das war jetzt nicht so ganz schlau, denn, wie oben beschrieben, brauchten sie das Geld. Also, sie hätten es gebraucht. Im Artikel wird das nicht so ganz klar aber es scheint, als wären sie jetzt pleite. Denn der gläubige Göttergatte wird zitiert mit dem Satz: „Die Schwulen haben mit ihrem Recht, zu heiraten, etwas bekommen, aber uns hat man damit etwas weg genommen.“

Naja, in meiner Welt hast du dir das selbst weg genommen, mein Lieber. Aber, tröste dich, dafür hast du auch ´ne Menge Rechtschaffenheit erhalten. Du bist standhaft geblieben wider der Versuchung, für den schnöden Mammon zu sündigen. Sicher wird dir das dereinst mit einer vergoldeten Harfe vergolten. Oder so ähnlich.

Einen Labello vom Bund.

Der Kollege meines Nachbarn hat einen Freund, der hat eine Tochter. Die Tochter hat einen Klassenkameraden, der im gleichen Verein ist wie ein Mädchen, deren Cousine neulich eine alte Freundin aus Grundschultagen getroffen hat. Da haben sich die beiden gefreut und ein wenig miteinander geplaudert. Und die Geschichte, die die Grundschultagefreundin erzählt hat, ist auf diese, total gut nachzuvollziehende Weise, bei mir gelandet. Ich verbürge mich also fast für den Wahrheitsgehalt.

Besagte junge Dame, kurz vor dem schulischen Abschluss stehend, hat sich für eine Ausbildung bei der Bundeswehr beworben. Für welche, weiß ich nicht. Aber das spielt hier auch nur eine wenig tragende Rolle. Jedenfalls lud man sie offensichtlich zu einem Beratungsgespräch ein. Wie informativ das war, weiß ich auch nicht. Aber auch das ist für den Fortgang der Geschichte nicht entscheidend.

Entscheidend ist, dass der Bundeswehrberater ihr zum Abschied nicht nur einen Werbekugelschreiber, sondern auch einen Werbe-Labello überreicht hat. Und zwar mit den Worten: „Da können Sie sehen, wohin Ihre Steuergelder fließen“.

Nun hat sicher nicht jeder einen Lippenpflegestift, der in Tarnfarben gestaltet ist. Die Hülle. Nicht das Innere. Und bestimmt wäre der eine oder andere durchaus bereit, ein paar Euro für so ein besonders, hm, individuelles Stück auszugeben. Ich muss gestehen, ich wäre es nicht, aber ich bin modisch auch nicht so ganz auf dem Quivive.

Bei meiner Recherche nach weiteren Werbeartikeln der Bundeswehr  im Netz stieß ich auf so feine Sachen wie zum Beispiel die „TOP GUM Gummibärchen. Haribo macht Kinder froh, und Soldaten ebenso“, verpackt in eine nette Camouflage Tüte mit hübschen Panzern, Jeeps, Fregatten und ähnlichem Verteidigungsgerät garniert. Auch schön ist der Herr Bert,  ein knuffiger kleiner Gummimann, erinnert ein wenig an die Mainzelmännchen. Der steht  gleich für mehrere öffentliche Dienste bereit. „Zum Knautschen, Schmusen und Erinnern“.  Da passt so ein Lippendings prima ins Programm.

Der Spiegel schrieb am 23.11.2014, dass der Werbeetat der Bundeswehr für 2015 um 18% auf 35,3 Millionen Euro steigen sollte. Nimmt man einen ungefähren Einkaufspreis von 1 Euro an, so könnten 35,3 Millionen Lippenpflegestifte in Tarnmontur verteilt werden. Da auch ich einen Beitrag zum deutschen Steueraufkommen leiste, lässt mich das hoffen. Vielleicht kriege ich ja mal irgendwo einen zu Gesicht. Und wer weiß, am Ende erstreckt sich das „Tarnen und Täuschen“ gar nicht nur auf die Plastikhülle, sondern die Pflege im Lippenstift tarnt meine Fältchen und täuscht ein jugendlicheres Alter vor? Dann wären meine Steuergelder echt gut angelegt.

Schieflage in Studentenköpfen

Oder: Halloween…grusel, Teil 2

Im Dezember 2015 habe ich hier über amerikanische Studenten geschrieben, die sich von bestimmten Halloween Kostümen in ihrer Psyche verletzt fühlen und fordern, nur politisch, eth(n)isch und sonst wie korrekte Kostüme auf dem Campus zuzulassen. Die Professorin, um die es bei diesen Protesten ging, hat sich übrigens inzwischen von ihrem Lehramt verabschiedet.

Es folgt nun in der ZEIT vom 14.Januar 2016 eine Erweiterung dieser untypischen Studentenrevolten. Unter dem Titel, „Die Debatten-Polizei“ beschreibt ein Professor, welche Auswüchse die Ängste und Unsicherheiten der Studenten annehmen. Und das tut er anonym, da er um seinen Arbeitsplatz fürchtet! Was mir wiederum Angst macht. Er führt unter anderem folgende Beispiele auf:

Studenten erwirken ein Disziplinarverfahren gegen eine Professorin, die der Meinung war, man solle vorsichtig mit dem Vermischen von Liebesgeschichten und Missbrauch sein.

Ein Mensa-Chef, der internationale Küche servierte, erntete Wut und Beschwerden, da das Essen nicht der Güteklasse des entsprechenden Landes entsprach und somit die dortige Kultur verfälsche. Eine Anmaßung des Chefs und eine Abwertung der jeweiligen Ethnien.

Studenten verlangen von ihren Professoren, sie sollen Warnhinweise bei bestimmter Lektüre formulieren. Sonst könne es beim Lesen zu Traumata kommen.

Für Letzteres gibt es einen Begriff im Englischen. „Trigger – warning“, was so viel heißt wie, jeder Text, jeder Film, jede unterrichtsrelevante Äußerung soll, fragt man die beteiligten Studenten, mit einem Warnhinweis versehen werden, der, bevor überhaupt ein Wort gelesen wird, darauf hinweist, dass der Text irgendwie verstörende Inhalte enthalten könnte. (Im Grunde finde ich die Idee gar nicht schlecht, würde sie aber gern im Besonderen auf die Trivialliteratur und diverse Fernsehsender ausweiten. „Achtung: der Inhalt dieses Buches/dieser Sendung ist so inhaltsleer, dass die Tatsache, dass es Mitmenschen gibt, die dies lesen oder sehen, verstörend auf Sie wirken könnte“. Oder so ähnlich.)

Auch schön ist der Begriff „microagression“, also Miniagression. Das bezieht sich auf Bemerkungen, die meist gar keinen ethischen, politischen, kulturellen oder gender Hintergrund haben, denen dies aber unterstellt wird. Wie zum Beispiel: „Der qualifizierteste Bewerber soll den Job erhalten“. Hier wird unterstellt, dass Hautfarbe oder Geschlecht niemals nicht eine Rolle spielen. Was, wie wir alle wissen, nur bedingt stimmt und daher ist ein solcher Satz ein no-go und universitär verpönt.

Das mag ja alles ganz lustig klingen, es stellt sich jedoch die Frage wie es kommt, dass die studentische Landschaft in den USA sich auf solch frappierende Art und Weise verengt hat. Sollte man doch davon ausgehen, dass die Universitäten eher Brutstätten von Freiheit, Weite, Quer- und Andersdenkertum sind. Was geht in den Köpfen – und in der Psyche – dieser jungen Leute vor, dass sie solche Angst vor einer untypisch gewürzten, glutamatfreien Frühlingsrolle haben? Woher kommen Angst vor Offenheit und Freizügigkeit? Haben heutige Studenten Panik vor einer eigenen Meinung? Und geht damit nicht Angst vor Verantwortung und also Verlust derselben einher? Andererseits, rufen wir nicht alle im Gegenzug nach mehr Verantwortung für unser eigenes Leben? Woher kommen solche Paradoxien?

Diese Studentenproteste haben etwas Kleinkindhaftes. Wenn ich mich nicht traue, eigenständig und selbstverantwortlich zu denken und zu handeln, wie alt bin ich dann? Drei? Fünf? Sieben? „Mami, ich habe mich gestern mit Inga gestritten, soll ich heut zu ihrer Geburtstagsfeier gehen? Mami, sag mir, was ich tun soll.“

Das, so scheint es mir, ist ein gesellschaftliches Problem, das wir nicht auf die leichte Schulter nehmen sollten. Zumal sich auch bei uns Ähnliches abzeichnet. Denke man nur an die Geschichte mit Prof. Herfried Münkler von der Humboldt Universität Berlin.

Aus all dem entnehme ich, dass das Studium nicht so beschwingt und gefahrlos ist, wie ich bisher immer gedacht habe. Bevor ich also meine Kinder in diesen Dschungel entlasse, habe ich für sie  einen Beipackzettel geschrieben. So, wie man bei Medikamenten, die ja gut gemeint die Gesundheit wieder herstellen sollen, vor Nebenwirkungen warnt, so sollte man das inzwischen wohl auch für den Aufenthalt an unseren Hochschulen tun.

Studienbeipackzettel

Wenn Sie die Universität, deren Hörsäle und Mensen betreten und dabei womöglich mit andern Menschen ins Gespräch und anderen Meinungen in Kontakt kommen, dann tun Sie das ausschließlich auf eigene Gefahr!

Bitte bedenken Sie, dass das Lesen von bereits nur einem Wort, ganz besonderes jedoch das Lesen mehrerer Worte hintereinander (Sätze) in x% der Bevölkerung Emotionen auslöst. Dies können auch zunächst unerwünschte Emotionen sein. Ähnlich wie in der Homöopathie spricht man hier auch von Erstverschlimmerung. Durch nachträglich einsetzendes Denken kann diese jedoch in kurzer Zeit behoben werden. Sollte das nicht gelingen hilft nur, in Zukunft jedes Wort nicht als Ganzes zu lesen, sondern zu buchstabieren. Dies hat allerdings ebenfalls Nebenwirkungen zur Folge, meist äußern sich diese dadurch, dass das Gelesene kaum oder gar nicht verstanden wird.

Der sprachliche und gedankliche Austausch mit Professoren (durch das Betreten der Hörsäle ohne Ohropax oder das Lesen der von diesen verfassten Artikel, Bücher etc.) und Mitstudenten kann zu veränderten Bewertungen der eigenen Lebenswirklichkeit führen. Emotionale Verletzungen und Irritationen sind dabei nicht ganz auszuschließen.

Warnhinweise auf Büchern, Texten, Filmen und Ähnlichem, im Sinne von trigger-warning, oder, auf Deutsch, vorauseilender Zensur, können die eigene Denkfähigkeit einschränken. Derartige Warnhinweise sollten also mit einem eigenen Warnhinweis versehen werden: „Achtung: Denkfähigkeitsgefährdung!“

Besonders für Professoren gilt folgendes:

Das Hinwegsetzen über jeden einzelnen kleinen Wunsch und jede einzelne kleine Befindlichkeit jedes einzelnen kleinen Studenten, kann zum Verlust von Ansehen bei Dogmaten und ähnlich Beschränkten führen.

Das Vorwegnehmen des Denkprozesses oder das vorauseilende Meinungsbilden durch Vorab-Warnungen führt zu intellektueller Stimulationsunterdrückung bei den Studenten und zunehmenden Frustrationserlebnissen beim Lehrkörper. Professoren verkommen zu Hofnarr-ähnlichem Dienstpersonal und verlieren ihre inspirierende Wirkung. Auch hier muss die nicht unerhebliche Nebenwirkung des fluchtartigen Verlassens der höheren Lehranstalten und das Veröden derselben Erwähnung finden.

Abschließend soll noch das einzig bisher als wirksam bekannte Gegenmittel vorgestellt werden. Es ist das Bewusstmachen, Akzeptieren und Integrieren folgender Wahrheit:

DIE  BEDEUTUNG  DER  BOTSCHAFT  BESTIMMT  IMMER  DER  EMPFÄNGER

In diesem Sinne, verstehen Sie doch, was Sie wollen.