Hast du schon Ubuntu?

Reisen bildet, das weiß jedes Kind. Wer reist, erfährt viel über andere Kulturen, lernt neue Sprachen, sieht seltsame Tiere und erlebt hautnah, wie unterschiedlich Montezumas Rache ausfallen kann. Andere Länder, andere Suppen eben.

Ich war vor Kurzem in Südafrika. Das ist nun ein Land, das von dem unseren nicht nur entfernungstechnisch ziemlich weit weg ist, sondern auch in vielen anderen Hinsichten. Land und Leute sind sehr anders. Es gibt lustige Tiere und gefährliche Tiere, die Küste lässt sich mit der unsrigen so wenig vergleichen wie eine Lachsforelle mit einem Fischstäbchen, „zack-zack“ heißt auf Afrikaans „sham-scham“ und  der Cappuccino kostet die Hälfte. Die Toiletten auf den Rasthäusern können sich mit denen von 4 Sterne Hotels vergleichen und der Südafrikaner liebt Biltong – getrocknetes Rindfleisch, dessen Qualitäten ich auch nach langem Suchen nicht gefunden habe. Am Bemerkenswertesten fand ich jedoch Haltung und Lebenseinstellung der schwarzen und farbigen Bevölkerung. Die Fröhlichkeit und Freundlichkeit der bis heute noch nicht gleichberechtigten und sozial abgehängten Langzeitbewohner Südafrikas ist beeindruckend.

Unsere Reiseleiterin hat diese erstaunliche Lebenseinstellung oft und ausführlich erwähnt und belegt. Sie hatte auch ein Wort dafür. Ubuntu.

Und das hat sogar entfernt etwas mit dem Ubuntu zu tun, das uns hier viel geläufiger ist, nämlich dem kostenlosen Computer Betriebssystem, das auf dem Gedanken des gemeinsamen Verbesserns und Teilens basiert. (Und übrigens von einem Südafrikaner ins Leben gerufen wurde).

Ubuntu ist ein alter Begriff aus den Bantusprachen Zulu und Xhosa und ein Synonym für eine afrikanische Lebensphilosophie. Es bedeutet so viel wie „Menschlichkeit“ und „Nächstenliebe“, geht aber darüber noch weit hinaus.

Desmond Tutu, ehemaliger Erzbischof von Kapstadt, definierte Ubuntu folgendermaßen:

„Ein Mensch ist ein Mensch durch andere Menschen. Damit ich ich sein kann, musst du du sein können.“

Diese Haltung ist tief in der afrikanischen Mentalität verwurzelt. Wir könnten weder laufen noch sprechen, wenn wir nicht miteinander verbunden wären und voneinander lernen würden. Tutu hat eine weite – und weise – Sicht: Jungen Menschen sagte er, „die Zukunft der Welt liegen in euren Händen und darum müsst ihr dafür sorgen, dass die Welt heute sich so entwickelt, dass sie zu einer Welt wird, in der ihr eure Kinder aufwachsen sehen wollt.“ Sie sollten von einer Welt ohne Armut, Krieg und Hungersnöten träumen und diesem Traum mit ihrem Verhalten, ihrem Leben, immer ein Stückchen näher zu kommen versuchen.

Ich höre sie schon, die Skeptiker und Realisten. „Träume sind Schäume“. Na und? Selbst wenn, der blödeste Tag lässt sich in einem duftenden Schaumbad besser beenden als mit Verbitterung auf dem Sofa. Und ganz abgesehen davon, hat die Wissenschaft längst belegt, dass ein Träumen oder So-tun-als-ob ganz reale Auswirkungen hat.

Wer schon einmal dem Neurobiologen Gerald Hüther zugehört oder eins seiner Bücher gelesen hat weiß, dass die Hirnforschung uns heute genau das bestätigt. Wir denken in Bildern und die haben dann wiederum einen nicht unerheblichen Einfluss auf unsere Handlungen und Haltungen. Unser Gehirn ist weniger ein Denkapparat als ein Beziehungsorgan und miteinander wachsen und trotzdem Raum für individuelle Entwicklung haben zu können ist ein menschliches Grundbedürfnis. Der Psychiater Helm Stierlin hat dafür den Begriff „Bezogene Individuation“ geprägt, andere sprechen von der Balance zwischen dem Ich und dem Wir.

Wer Ubuntu hat (das kann man nämlich nicht sein, es ist eine innere Haltung, die man entwickelt und dann eben „hat“ – sie kann daher auch wieder verschwinden, wenn man nicht achtgibt), der lebt in der Gewissheit, dass eine Menschlichkeit, die es wert ist, so genannt zu werden, sich nicht im Spenden von Geldbeträgen, Mitgefühl oder ordnungsgemäßer Mülltrennung erschöpft. Ein Mensch mit Ubuntu kümmert sich, teilt mit dem Nachbarn mehr als nur die Haustür, hat ein natürliches Verständnis von der Ganzheit aller Lebewesen und freut sich für seinen Nächsten, wenn dieser Glück und Erfolg hat. Wohl wissend, dass es ihm selbst nicht schlechter geht, wenn es der andere besser hat, sondern dass dies im Gegenteil eine gute Auswirkung auf ihn selbst haben kann.  Wir sind in unserer westlichen Neidgesellschaft weiter davon entfernt, als ich darüber nachdenken möchte!

Es gibt auch in anderen Kulturen eigene Worte für diese Art von Lebens-Haltung. „Abrazo“ aus dem Spanischen heißt nicht nur Umarmung, sondern beschreibt auch die sehr intime Erfahrung von Verbindung, Gemeinschaft und Akzeptanz, die in bestimmten Momenten entstehen kann, und das daraus erwachsende Gefühl von Sinnerleben und Zugehörigkeit.

Indianische Stämme aus Arizona und NW Mexiko haben dafür den Begriff „himdag“. Er bezeichnet ein Geschenk des Schöpfers, welches aus einer lebenslangen Reise besteht, während der der Mensch  Wege zu finden sucht, um nicht nur mit sich selbst in Balance zu sein, sondern auch mit seinen Mitmenschen, der Natur allgemein und natürlich Gott.

Die Holländer benutzen das uns bekannte Wort „gezellig“, welches jenseits von weinseligen Tafelrunden eine Zusammenkunft und ein Zusammensein meint, in dem wir uns aufgehoben fühlen, zeitlos, willkommen und beschützt, wo Toleranz und Offenheit herrschen. Ganz allgemein gesprochen: ein Ort, eine Begegnung, wo uns Gutes umgibt und gute Dinge passieren.

Im Zeitalter von Bürgerkriegen, Hungersnöten, und einer weltweiten Flüchtlingsbewegung, wäre es da nicht wunderbar, wenn die Menschheit eine Grundhaltung entwickelte, die auf wechselseitigem Respekt beruht? Auf gegenseitiger Anerkennung und der Zugrundelegung der Menschenwürde für jeden von uns?

Zum Abschluss daher der ultimative Tipp für den Fall, dass euch mal ein Dschinn begegnet, der euch einen Wunsch erfüllen wollte: Nehmt euch ein Beispiel am südafrikanischen Verfassungsgericht, welches diese Haltung in der Verfassung verankern möchte: Wünscht euch Ubuntu für alle.

Ach ja, und noch ein Nachsatz. In der ruandischen und burundischen Sprache bedeutet Ubuntu auch „gratis“. Wenn das die Sache mal nicht vereinfacht!

 

Der Sultan dreht durch, und ich bin es echt leid…

… dauernd lesen oder hören zu müssen, dass die EU und besonders Deutschland ach so abhängig von der Türkei und dem dort marodierenden Sultan sein sollen, nur weil die Türkei für uns die Flüchtlinge verwahrt – und ich schreibe hier absichtlich „verwahrt“. Wobei ich mir noch nicht mal sicher bin, dass es nicht besser „inhaftiert“ heißen sollte.

Der Flüchtlingspakt, den Angela Merkel mit der Türkei geschlossen hat – und auch hier ergänze ich, dass es vermutlich besser „Merkel und Konsorten“ heißen sollte, denn es wird sich ja wohl kaum einer ernsthaft vorstellen, dass sie allein mit Erdogan, in gemütlicher Runde, mal eben diese Aktion ausbaldowert hat – , also dieser Pakt ist doch nicht in Stein gemeißelt. Frei nach dem Motto: Bis dass der Tod euch scheidet soll er Geltung besitzen… das ist ja völliger Quark. Und eines ist er mit Sicherheit auch nicht: alternativlos. Warum? Weil nix im Leben alternativlos ist. Jedenfalls nicht, solange Leben da ist. Wir haben immer mindestens die Wahl zwischen Ja und Nein. Und zum Flüchtlingsdeal mit Erdogan sollten wir jetzt dringend und entschieden, laut und deutlich und eher früher als später NEIN sagen.

Selbstverständlich hat jede Entscheidung ihren Preis. Bisher zahlen wir mit schnödem Mammon. Wirklichen Eurostückchen, die wir in die Türkei schicken und virtuellen, die wir für die vielen Augenbinden, Ohrenstöpsel und Maulkörbe innerlich ausgeben müssen, um die Abmachung im Anblick der Menschenrechts-, Freiheits- und Rechtsstaatlichkeitsvergewaltigungen ertragen zu können!

Ganz ehrlich, die paar Millionen Echtgeld sind mir herzlich egal, aber die Kosten für mein/unser europäisches Gewissen steigen ins Unermessliche. Ich fühle mich schon völlig ausgezehrt.

Kurzer Rückblick, worüber wir hier eigentlich reden:

  1. Die Türkei nimmt illegal nach Griechenland geflohene Flüchtlinge zurück. Mit der Sondervereinbarung für Syrer, für jeden syrischen Flüchtling, den die Türkei zurücknimmt, kann ein syrischer Flüchtling aus der Türkei direkt in ein  EU Land ausgeflogen werden. Quid pro quo.
  2. Sollte die Migrationswelle über den Balkan so zum Erliegen kommen, nimmt die EU weitere zusätzliche Flüchtlinge, die sich bereits in der Türkei befinden, auf.
  3. Die EU zahlt sowohl für die Rückführung der Flüchtlinge in die Türkei als auch einen zusätzlichen Betrag von 6 Milliarden Euro
  4. Die Beitragsverhandlungen Türkei-EU werden wieder aufgenommen und unter bestimmten Voraussetzungen, die die Türkei erfüllen muss, soll es Visafreiheit für türkische Staatsbürger geben.

Was bisher geschah – Auszüge:

  1. 2015 suchten etwas mehr als 1 Million Menschen Schutz in der EU.
  2. Von den 18.000 von der EU bereitgestellten Plätzen für syrische Flüchtlinge wurden bisher lediglich knapp 800 verteilt (Stand Juli 2016, ZEIT online)
  3. Der UNHCR kann nicht mehr entscheiden, wer aus der Türkei umgesiedelt werden kann, Akademiker „behält“ Erdogan für sich.
  4. Die Türkei hält sich nicht an die vereinbarten Regeln zur Erlangung der Visa-Freiheit, droht aber, das Abkommen platzen zu lassen, wenn diese nicht in Kraft tritt.
  5. Die Griechen schicken keine Unmengen von Flüchtlingen zurück, aus Mangel an Personal (und wer weiß, am Ende sogar aus Gewissensgründen).
  6. Erdogan verklagt Böhmermann, greift das deutsche Parlament an, verweigert Abgeordneten den Besuch von Incirlik…
  7. Höchst aktuell: Erdogan spricht nicht nur von Säuberungen, er führt sie auch durch! Mehrere zehntausend Beamte aus Justiz, Kultur und Bildung wurden entlassen oder verhaftet.

Natürlich gäbe es dazu noch viel mehr zu sagen, zum Beispiel auch, dass die Türkei ohne weiteres Tamtam seit Beginn der Flüchtlingswelle aus Syrien Millionen Menschen aufgenommen und versorgt hat. Da haben wir uns hier noch über ein paar Tausend gestritten. Es gibt also viele Für´s und Wider´s, viele Informationen, viele Vermutungen, viele Unterstellungen. Eins gibt es aber nicht: einen Zwang, das Flüchtlingsabkommen aufrecht zu erhalten und sich somit von Erdogan und seinen Vorstellungen und Wünschen abhängig zu machen.

Ziemlich sicher scheint zu sein, dass In der Türkei zurzeit um die 3 Millionen Flüchtlinge sind, das entspricht knapp 4% der Bevölkerung. Im Libanon zum Beispiel, wo es große Flüchtlingslager gibt, sind es über 20%. Bei uns sind zurzeit etwa 1,2 Millionen Menschen, also ungefähr 1,5% der Bevölkerung

Bis Ende 2017 schätzt die EU-Kommission die Anzahl der Asylbewerber auf etwa 3 Millionen. In der EU! Fairerweise muss man aber hier klar sagen: Asylbewerber ist nicht gleich Flüchtling. Vermutlich sind die Flüchtlingszahlen deutlich höher. Aber auch bei 5 Millionen Menschen wäre das, gemessen an der Bevölkerungsanzahl, lediglich 0,1 %.

Das ist lächerlich. Und sich deswegen in die Hände, oder sollte ich besser sagen, Fänge?, eines Despoten zu begeben ist nicht lächerlich sondern entsetzlich und dumm. Entsetzlich dumm eben! Wenn wir Europäer mal aufhörten, immer nur auf unsere eigenen Fußspitzen zu starren würden wir vielleicht feststellen, dass der Fußabdruck, den wir auf der Welt gerade hinterlassen, jämmerlich klein und unscharf ist.

Es ist an der Zeit, Herrn Erdogan zumindest die Macht aus der Hand zu nehmen, die wir ihm gegeben haben. Die Amerikaner haben uns im letzten Jahrhundert gezeigt, dass man monatelang Rosinenbomber losschicken kann, da sollte es uns, Jahrzehnte später doch gelingen, ein paar Wochen lang ein Luft-Sammel-Taxi für die Flüchtlinge aus der Türkei und Griechenland zu organisieren. Und diese dann auf alle Staaten zu verteilen, die sich daran erinnern können, was Menschenrechte und Mensch-sein bedeutet. Vielleicht ziehen dann ja sogar noch ein paar andere nach.

Nachtrag:

Ich finde im Übrigen auch die Aussage diverser Politiker, dass die Einsetzung der Todesstrafe in der Türkei deren Beitritt in die EU zunichtemachen würde unsäglich. Nicht das Verabschieden der Todesstrafe disqualifiziert die Türkei, sondern bereits die Bereitschaft, darüber zu diskutieren. Man stelle sich vor, die AfD und ähnlich Gesinnte schlügen vor, die Pressefreiheit hierzulande abzuschaffen und die deutsche Politik würde einen ernsthaften Diskurs darüber anfangen! Undenkbar, oder?

Noch ´n Nachtrag:

Warum der Titel? Nun, es gibt einen Karnevalsschunkler von den Höhnern. „Die Karawane zieht weiter, der Sultan hat Durst“. Ich habe aber jahrelange gehört „… der Sultan dreht durch!“ Hat mich etwas verwundert, aber nun gut, Karneval eben. Nie hätte ich mir träumen lassen, dass ich anscheinend über die Gabe der Weitsicht verfüge! 🙂

Bedingungslose Intelligenzverteilung

In unserer Lokalzeitung stand neulich ein Bericht über eine Familie mit 2 Kindern, deren IQ deutlich über 130 liegt. Eines hat im zarten Alter von 15 Jahren bereits ein 1,0 Abitur in der Tasche und ist auf dem Sprung an die Uni. Das zweite ist auf dem besten Wege, es dem ersten gleich zu tun. Hier scheint der Herrgott verschwenderisch mit Intelligenzmolekülen umgegangen zu sein. Ich gönn´s den beiden.

Trotzdem, mit 15 darf man nicht ohne Begleitung der Eltern in eine Disco – und dann auch höchstens bis 22 Uhr. Selbst ein Kinofilm muss um diese Uhrzeit zu Ende sein, will der Jugendliche ihn ohne Aufsicht angucken. Mit 15 darf man weder den Führerschein machen noch eine Wohnung mieten. Man darf  kein Konto eröffnen oder wählen gehen. Und das alles ist auch gut so. Nicht nur, weil Jugendliche in diesem Alter manchmal nicht so ganz zurechnungsfähig sind (nichts deutet daraufhin, dass sich das mit 18 schlagartig änderte!), sondern in meinen Augen vor allem deshalb, weil die Jugendlichen eins auszeichnet: sie sind jugendlich. Also irgendwie doch noch Kinder. Sie sollten diese Jahre eher im Modus „unbeschwert ausprobieren“ verbringen, statt als Mikro-Erwachsene Verantwortung für ihre Zukunft übernehmen zu müssen. Die Tatsache, dass Kinder immer mehr gefördert – um nicht zu sagen getriezt – werden, dass es für Erstsemester in den Unis Elternabende gibt, weil immer mehr Studenten auf Grund des leidigen G8 unter 18 sind, scheint mir das Tüpfelchen auf dem „i“ des Verjüngungswahns zu sein. Die heutigen Studienanfänger brauchen Papas Fahrdienste und Mamas Unterschrift auf Miet- und Bankunterlagen, da wird der Bildungsgedanke doch ad absurdum geführt: Autofahren is nich… aber euch für den Wirtschaftskreislauf fit machen dürft ihr schon mal. Was soll das? Wer braucht das? Und wohin führt das?

Auf der anderen Seite kommt die Bildungsgerechtigkeit ins Spiel. Es ist längst bestens untersucht, wie die Chancen da verteilt sind: nämlich sehr ungleich. Der Zusammenhang zwischen Herkunftsfamilie und Schulerfolg ist belegt, Akademikerkinder haben bereits nach den ersten vier Schuljahren einen deutlichen Vorsprung vor Migranten – und Arbeiterkindern. Das ist kein Wunder, frühkindliche Förderung ist kein Ausdruck für den Besuch beim Logopäden sondern ein „Chinesisch-Klavier-und-wasweißich-lernen Muss“ für alle, die es sich leisten können. Im monetären und intellektuellen Sinn. Der Nachhilfemarkt boomt – auch für Grundschüler. Und auch bereits für Schüler, die gute bis befriedigende Noten haben. Gut ist eben noch lange nicht gut genug. Fragt sich zwischendurch auch mal jemand, welche Werte wir da als Gesellschaft der nächsten Generation vermitteln? Der Leistungsgedanke scheint bereits vorgeburtlich einzusetzen…

Ja, wir brauchen dringend Nachhilfe, aber eher für Eltern, Lehrer und Bildungspolitiker! Und zwar in den vernachlässigten Ü-Ei Fächern „Spiel, Spaß, Spannung“.

Für den schulischen Erfolg (und ich schreibe hier absichtlich „schulisch“ und nicht Bildungserfolg – Schule hat mit Bildung nur peripher zu tun) ist durchaus nicht nur der IQ zuständig, das belegen zahllose Hochbegabte, die die Schulen mit einem schlechten oder gar keinem Abschluss verlassen. Entscheidend sind auch soziale Herkunft, Klima der Schullandschaft und eine Erziehung, die Möglichkeitsräume schafft, statt Wege zu verschließen. Die Familie aus dem Anfangsbeispiel ist eine typische Akademikerfamilie; Zeit, Wissen und Finanzen gewährleisten somit genau das! Das ist wunderbar für die Betroffenen und führt direkt zu meiner These der bedingungslosen Intelligenzverteilung.

Die ungleiche Verteilung der Gelder im Lande sind die  Grundlage für die Forderung nach dem bedingungslosen Grundeinkommen, mehr Steuergerechtigkeit und Änderungswünsche beim Rentensystem. Nun lassen sich selbstverständlich Geldströme leichter in viele kleine Nebenflüsschen aufteilen als Intelligenz. Nichts desto trotz könnte man doch darüber nachdenken, ob man diejenigen, die leicht, schnell und womöglich mit Begeisterung lernen, nicht etwa mit 15, 16, 17 bereits den Universitäten einverleibt, sondern sie statt dessen den Schwerlernern für einige Zeit an die Seite stellt. Aktives Mentoring, bereits in der Grundschule, wenn nötig. Im Laufe ihres Schullebens könnten diese Kinder Praktika an ihren Schulen absolvieren, den Lehrern beim Unterrichten zur Hand gehen, einen „Lernbeistandspakt“ schmieden und für ihre Mitschüler so einen Ausgleich schaffen, Balance herstellen und Gerechtigkeitslücken schließen.

Davon würden alle profitieren: die einen, weil sie die Unterstützung kriegten, die sie brauchen. Die Klassen, weil ein ganz neues Gemeinschaftsgefühl entstehen könnte und das Lernen fröhlicher und dadurch erfolgreicher würde. Die Lehrer, weil sie so eine dringend benötigte Unterstützung bekämen und auf einmal Partner im Klassenraum hätten, die auch ein gemeinsames Lehren ermöglichten. Und nicht zuletzt die Helfer, die Verantwortung für andere übernehmen dürfen, soziale Kompetenzen erwerben, Reife erlangen, vermutlich Freude und Stolz auf „ihre“ Schüler erleben und somit haufenweise Glücksgefühle geschenkt bekämen.

Ich kann mir viele Modelle dazu vorstellen. Von Unterstützung nur einiger Stunden, über Monatspraktika bis hin zum Unterbrechen der Regelschulzeit und einjährigem Mentoringprogramm. Das Auslandsjahr mal anders gedacht. Unser unsäglicher Leistungsgedanke könnte sich wandeln zum Gemeinschaftsgedanken. Ja, die Schulzeit würde vermutlich wieder länger –  aber wem schadet das? Statt sich mit der 16jährigen die Wochenenden über auf  Wohnungssuche in der nächsten Universitätsstadt herumzuplagen können Eltern ihren erwachsenen Kindern den Autoschlüssel in die Hand drücken, „mach mal“ sagen und sich an die Ostsee verkrümeln.

Dann hieße es nicht mehr „wer hat, dem wird gegeben“ sondern „wer hat, gibt ab!“     Wäre das nicht ein schönes Motto für das junge 21. Jahrhundert?

Neu für Flüchtlinge: Das FZ-Mm-oa1

Vor kurzem beschloss das Bundeskabinett das Integrationsgesetz. Darin geht es unter anderem darum, die Chancen auf dem Arbeitsmarkt für Flüchtlinge zu verbessern. So soll zum Beispiel die sogenannte „Vorrangprüfung“, nach der ein Arbeitgeber einen Deutschen bei gleicher Qualifikation vorziehen muss, zumindest in Regionen mit geringer Arbeitslosigkeit abgeschafft werden.

Einig sind sich alle darin, dass Integration nur dann klappen kann, wenn die Flüchtlinge Deutsch lernen und arbeiten können. Von eventuell fehlenden Deutschkursen will ich hier gar nicht sprechen, das ist sicherlich auch von Region zu Region unterschiedlich. Für die Schwierigkeiten, Zugang zum Arbeitsmarkt zu erhalten, hätte ich aber eine Idee, die die Vorrangprüfung völlig überflüssig werden ließe.

Im Fernsehen habe ich folgenden, sehr wahren und typisch deutschen, Satz von Raimund Becker, Vorstand der Bundesagentur für Arbeit, gehört: „Deutschland ist ein Land, in dem Zertifikate eine wesentliche Rolle spielen.“ Und daran mangelt es den Flüchtlingen eben. Entweder, weil sie aus Ländern kommen, wo das nicht so ist (soll´s ja geben) oder weil sie Ihnen auf der Flucht leider irgendwie abhanden gekommen sind. Keine Bescheinigungen, kein Nachweis, ergo kein Job. Das steht dem Integrationswillen vieler entgegen, Politikern wie Unternehmern. Dafür schlage ich hier eine einfache und faire Lösung vor: Das Fluchtzertifikat – Mittelmeer- oder anders, Version 1.
Oder eben, in Kurzform, das FZ-Mm-oa1.

Dieses sollte nur die Fähigkeiten enthalten, die die Menschen benötigt haben, um trotz sämtlicher widriger Umstände bei uns angekommen zu sein. Als da wären:

Durchsetzungskraft                                                                                           Entscheidungsfreude                                                                                                       Flexibilität                                                                                                                 Zielorientierung                                                                                          Verantwortungsbewusstein                                                                                              Teamgeist                                                                                                             Finanzplanung                                                                                                                      Geduld                                                                                                                        Weltoffenheit                                                                                                             Selbständigkeit

Diese Liste ließe sich, je nach individueller Geschichte, problemlos erweitern und anpassen. Und damit wäre die Sache mit der Arbeitsqualifikation und dem Vergleich mit deutschen Bewerbern vom Tisch. Und das weitere Deutschlernen könnte so ganz nebenbei im Job stattfinden.

 

 

Von Steuererklärungen und Flüchtlingskosten

Es ist Mai – Zeit für die Einkommensteuererklärung. Da nimmt die Lust in der Bevölkerung am Rasenmähen, Bügeln und Aufräumen rapide zu! Dabei kann die Last sich in Lust verwandeln, wenn man es nur geschickt anstellt. Die Städte, Kommunen und Kreise in den bundesdeutschen Ländern machen es uns vor. Die Genauigkeit von Zahlen wird überbewertet, Kostenermittlung kann ja so einfach sein. Unter zwei Voraussetzungen. Erstens, Geheimhaltung von Verträgen und Abmachungen. Zweitens, schätzen statt wissen. Wozu soll man sich die Mühe des genauen Verbuchens machen? Zeit ist schließlich Geld, was so viel heißt wie: wenn die Zeit für ein ordnungsgemäßes Controlling in den verschiedenen Ämtern nicht zur Verfügung steht, bedeutet das Geld für andere. Viel Geld.  Aber von Anfang an.

In der ZEIT vom 12.05.16 findet sich folgender Artikel:                                            http://www.zeit.de/2016/21/fluechtling-kosten-haushalt-bundeslaender-unterbringung

Hier haben Journalisten ein halbes Jahr lang recherchiert, um herauszufinden, wie viel uns ein Flüchtling  in Deutschland  kostet. Getrennt nach Unterbringung und Kosten wie Verpflegung, Betreuung, Bewachung(!).  Wir Deutschen sind für unsere Gründlichkeit bekannt. In diesem Fall scheinen die Zuständigen sich jedoch alle Mühe gegeben zu haben, um zu zeigen, dass wir es auch ganz ungründlich können. Daten über die Ausgaben waren jedenfalls kaum zu kriegen. Zunächst erschwert die Tatsache, dass jedes Land sein eigenes System der Unterbringung pflegt, das Datensammeln und -vergleichen. Wer ist für welche Kosten zuständig und wenn ja, warum? Wer übernimmt was? Und – auch spannend – wer verantwortet was? All das unterscheidet sich von Land zu Land, von Gemeinde zu Gemeinde. Man könnte sagen, es herrscht ein gewisses Chaos. Es will sich wohl auch niemand so recht in die Karten gucken lassen. Antworten der Behörden an die Reporter, wie zum Beispiel  die aus Bayern, „wir bitten um Verständnis, dass die von Ihnen erbetenen Zahlen in dieser Form statistisch weder vom Sozialministerium noch von den Bezirksregierungen erfasst werden“ lassen tief blicken. (Das erinnert mich an die Mitteilungen aus der Grundschule: „Liebe Eltern, wir bitten um Verständnis, dass der Unterricht am morgigen Mittwoch ausfällt. Wir Lehrer machen eine Fortbildung“. Dieses Schreiben habe ich damals regelmäßig mit dem Vermerkt „Verständnis verweigert“ zurückgeschickt.) Transparenz jedenfalls sieht anders aus.

Häufig hieß es, die Verträge mit den Heimbetreibern seien geheim. Da stellt sich doch die Frage nach dem Warum. Wird gemauschelt? Haben die Zuständigen schlicht keine Lust, sich mit dem Thema auch betriebswirtschaftlich auseinander zu setzen? Wenn Gelder fehlen, kann man ja den Bund um Unterstützung bitten. Also uns, die Steuerzahler. Wie es übrigens gerade geschieht, obwohl keiner auch nur den Schimmer einer Ahnung hat, was die Flüchtlinge nun tatsächlich an Kosten verursachen. Aber nach mehr Geld zu schreien ist ja viel einfacher, als bei sich selbst nach Sparmöglichkeiten zu gucken.

Schön ist auch, dass es keine übergreifenden Informationen untereinander gibt. Die rechte Hand ist mal wieder völlig planlos, weil sie die linke Hand nicht leiden kann – und daher auch nicht nachfragt. Sonst käme es nicht zu so merkwürdigen Unterschieden in der Bezahlung der Heimbetreiber. Wie zum Beispiel bei European Homecare. Der Laden hat seinen Umsatz in den letzten zwei Jahren von 17 auf 100 Millionen Euro gesteigert. Klar, es sind auch mehr Flüchtlinge angekommen. Komisch ist aber, dass die Kosten in manchen Gemeinden verhältnismäßig gering, in anderen unverhältnismäßig hoch sind. Warum? Es scheint clevere Gemeinden zu geben, die lieber Planen statt Pennen, dann bei der Vertragsgestaltung nicht so erpressbar sind und vernünftige Preise aushandeln. Andere jedoch, die von der  „huch,  Überraschung, wir kriegen auch Flüchtlinge“ – Fraktion, müssen schnelle Lösungen finden, die dann, logisch, auch mehr kosten. Das kräftige Zulangen der Anbieter (teilweise müssen vertragsgemäß auch nicht benötigte Betten monatelang bezahlt werden) kann einem ja letztendlich auch wurscht sein, wenn man´s nicht aus der eigenen Tasche bezahlen muss.

Jetzt könnte man doch auf den revolutionären Gedanken kommen, eine allgemein zugängliche Datenbank zu schaffen, die das Vergleichen der verschiedenen Verträge mit verschiedenen Betreibern an verschiedenen Orten möglich macht. Um so eine einheitliche Preisstruktur und bessere Verhandlungsbasis zu bekommen. Das würde aber eine Zusammenarbeit der Bundesländer, der Gemeinden und Kreise bedingen -und damit haben wir es ja nicht so sehr in unserem schönen Lande.

Zur weiteren Erbauung empfehle ich das Lesen des Artikels. Was hat das nun alles mit meiner Steuererklärung zu tun? Ganz einfach. Ich orientiere mich an der Politik – schließlich gibt die ja die Richtschnur vor. Und wenn ganze Landkreise Kosten schätzen dürfen, statt sie genau aufzuführen, zu kalkulieren und zu verbuchen, dann darf ich als kleiner unbedeutender Bürger das wohl schon lange. In diesem Jahr werde ich meine Steuererklärung also Pi mal Daumen machen. Denn mir fehlt, ganz wie dem Fachmann für Finanzen des Deutschen Städtetages, „… der Überblick, welche Kosten …tatsächlich anfallen“. Da runde ich also sicherheitshalber meine Werbungs- und sonstigen Kosten ein wenig nach oben auf. Da die Städte mit ihrer Vorgehensweise ordentlich Geld fordern und erhalten, wird mir das sicher auch gelingen. Das spart mir Unmengen an Zeit und bringt Geld. Womit wir wieder am Anfang des Artikels wären: Zeit ist Geld.

 

 

Der Shanty-Chor fängt an zu graben

Am Samstag, den 30.04.16, trat der zweite AfD Vorsitzende Jörg Meuthen vor seine Deutschtümler und sagte den vermutlich folgenschwersten Satz seiner Laufbahn: „Wir wenden uns nicht gegen die Menschen. Aber wir wenden uns gegen die Massenzuwanderung, durch die wir das Land nicht mehr wiedererkennen können“.

Dies hörte der Shanty Chor „De Jungs von de Fischköppküste“ aus Hamburgs Nobelviertel Harvestehude bei ihrer Monatsendprobe. Bereits am Sonntag traf man sich zu einer Sondersitzung mit dem Thema, „Wir lassen uns doch nicht die Butter bei die Fische klauen“ und diskutierte darüber, wie man den Flüchtlingsmassen bei der Veränderung unseres Landes zuvorkommen könne. Der Leiter des Chores, Hein Böd, beteuerte, dass „wir Deutschen durchaus nicht der Hilfe von irgendwelchen Hergelaufenen bedürfen, um unser Land so nachdrücklich verändern zu können, dass es nicht mehr wiederzuerkennen ist. Das schaffen wir problemlos ganz alleine“.

Da es unter den Mitgliedern naturgegebener maßen etliche, sich im Ruhestand befindliche Anwälte, Architekten und Ingenieure gibt, so dass sich Know How mit genügend freier Zeit aufs Trefflichste verbinden konnten, nahm ein Plan rasch Gestalt an. Die Nordsee sollte umziehen! Auf das genaue Endziel konnte man sich zwar noch nicht einigen, aber dass es in den Süden gehen sollte war doch schnell klar.

Inzwischen hatten mehrere andere Shanty Chöre ihr Interesse bekundet und so entstand die heute bekannte Flutwelle der Grabenden. Gegenüber von Wilhelmshaven, am unteren Ende des Jadebusens, wechseln sich zur Zeit verschiedene Chöre der Hansestädte, unterstützt von kleinen Dorfchören aus der Gegend ab, um einen breiten Kanal Richtung Süden zu schaufeln. Ermutigt von der erfolgreichen Handhabung der Bauprobleme des Berliner Flughafens lautet ihr Credo „planing while doing“. In guter deutscher Mannschaftsmanier gräbt die Gruppe schwung- und taktvoll zu dem altbekannten Shanty: „What shall we do with the drunken sailor“ in geänderter Textform. Hier ein Abdruck des Bauarbeiterliedes:

Das wolln wir nich den Flüchtlingen überlassen,                                                                 das wolln wir nich den Flüchtlingen überlassen,                                                                   das wolln wir nich den Flüchtlingen überlassen,                                                             Somaliern oder Syrern.                                                                                                       Hebt aus, auf ihr Männer,                                                                                                    hebt aus, auf ihr Männer,                                                                                                    hebt aus, auf ihr Männer,                                                                                                      Die Nordsee zieht inn Süden“

Der etwas holperige Reim ist der Spontaneität und dem Zeitdruck geschuldet und daher verzeihlich.

Unbestätigten Meldungen zufolge sind die hessischen Grüne-Soße-Kräuter Anbauer, sowie die Apfelwein Kelterer inzwischen dabei, das Kinzigtal auszuheben und zu erweitern, um der anrückenden Nordsee in guter Willkommenskultur eine neue Heimat bieten zu können. Die Bürgermeister der umliegenden Gemeinden planen bereits den Umzug ihrer Städte auf die angrenzenden Hügel des Vogelsberges und freuen sich auf eine neue Flutwelle von Touristen.

Auch aus Bayern ist zu hören, dass die Alphornbläser und die Trachtenvereine ein gemeinsames Vorgehen überlegen, wie sie das Schloss Neu-Schwanstein an den Rhein umziehen könnten. Das würde die dortigen Burgruinen erheblich aufwerten und den Preußen mal zeigen, was ein „echtes deutsches Schloss ist“, so ein Mitglied der Tölzer-TölpelTruppe.

„Es sieht ganz so aus, als hätten wir durch unser beherztes Eingreifen eine deutschlandweite Bewegung in Gang gesetzt“, freut sich Hein Böd, “ da zeigt sich doch ganz deutlich, dass wir Deutschen niemanden brauchen, der uns sagt, wie wir unser Land zu verändern haben. Wir schaffen das. Ganz alleine!“

 

 

Liberale Abfallregelung für Flüchtlinge

http://www.zeit.de/politik/deutschland/2016-02/sichere-herkunftsstaaten-algerien-tunesien-marokko

Die klassische freudsche Fehlleistung gibt`s ja auch beim Lesen. Im Bericht über sichere Herkunftsstaaten ist immer wieder von der liberalen Altfallregelung die Rede. Mein Unbewusstes liest aber hartnäckig „Abfallregelung“. Und da ich mich bereits seit Langem darin übe, auf mein Unbewusstes zu hören, frage ich mich natürlich, warum es mir dieses Wort so penetrant vor die Füße wirft.

Vielleicht, um mir mal ein Gedankenspiel vorzuschlagen. Könnte es sein, dass die Politik eigentlich Abfallregel meint, wenn sie von Altfallregel spricht? Ich möchte hier wahrlich niemandem Böses unterstellen, aber wenn ich genau darüber nachdenke, zeigen sich doch gewisse Parallelen. Und wenn ich ehrlich bin, war das mit dem „niemand etwas Böses unterstellen wollen“ glatt gelogen. Wahr ist, dass ich niemandem etwas Böses unterstellen wollen würde, mich die tägliche Berichterstattung jedoch in diesem „wollen würden“ nicht gerade unterstützt!

So sollen laut diesem Artikel, auf Wunsch der SPD, für etwa 20.000 Menschen aus dem Maghreb, die sich vor dem 31.12. 2013 bei uns eingefunden haben, Ausnahmen zugelassen werden. Auch wenn die Maghreb Staaten nun zu sicheren Herkunftsländern erklärt werden und den Menschen aus diesen Ländern bei uns keine Bleibeperspektive (seltsames Wort) gewährt werden kann, so sollen doch diejenigen, die bereits seit mehr als 2 Jahren bei uns sind eine Aufenthaltserlaubnis erhalten.

Kling für  mich nachvollziehbar. Die Wahrscheinlichkeit, dass diese Menschen sich inzwischen hier integriert haben, die Sprache gelernt, vielleicht einen Schulabschluss oder Ausbildung gemacht oder zumindest begonnen haben, dass sie in einem Verein Fußball spielen oder sich zum Stricken treffen, dass sie deutsche Freunde gefunden und sich, wie man so schön sagt, ein neues Leben aufgebaut haben, diese Wahrscheinlichkeit ist doch nicht von der Hand zu weisen. In jedem Fall könnte man eine erfolgte Integration ja wohlwollend mit erwägen.

Jenseits der Frage, die in diesem Artikel von Pro-Asyl aufgeworfen wird, mit welcher Berechtigung man denn überhaupt auf den seltsamen Gedanken käme, Staaten, in denen gefoltert wird und Menschenrechte keine Geltung haben, zu sicheren Herkunftsstaaten zu erklären beschäftigt mich, wie sich ein klar denkender Politiker dafür entscheiden kann, Menschen, die seit längerem hier bei uns sind, so ruck zuck wieder vor die Tür zu setzen. Es braucht ja nun wahrlich nicht so furchtbar viel Phantasie, um sich vorzustellen, wie es sich anfühlen muss, über Monate und Jahre in Ungewissheit über die eigene Zukunft leben zu müssen – und dabei noch zu versuchen, halbwegs mit Begeisterung Vokabeln zu pauken. Begeisterung deshalb, weil wir die fürs Lernen brauchen, wie mittlerweile allgemein bekannt sein sollte.

Interessieren würde mich auch, wie SPD und Grüne auf eine Zahl von „etwa“ 20.000 kommen. Ich denke dabei auch an das Kontingent von den ominösen 60.000, die die EU Griechenland abnehmen und verteilen will. Das wurde  im September letzten Jahres festgelegt, und laut der Sendung „Kontraste“ vom 21.04.16 sind immerhin 769  bereits verteilt worden. Wahnsinn! Oder eben doch liberale Abfallregelung?

Frau Merkel, ich hab` sie…

… die Antwort auf die Frage, wie wir das schaffen. Wir Deutschen müssen einfach nur angstfreier werden! Und damit meine ich gar nicht die Angst vor Neuem und Fremden. Nein, nein, mir geht es um die Angst vor Fehlern. Der Angst davor, sich im deutschen Gesetzesdschungel zu verirren und irgendwie unwissentlich etwas falsch zu machen. Und die Angst davor, dass dieses Unwissentliche dann aufs Heftigste bestraft wird. Ich möchte das anhand einer wahren Geschichte und des dazugehörigen Märchens erläutern.

In einer kleinen Stadt gibt es ein paar Hundert Flüchtlinge. Und es gibt viele Helfer, die sich um alle Belange dieser Menschen kümmern. Als da sind: Kleidung, Sprachkurse, Behördengänge, Arzt- und Krankenhausbesuche, Ausflüge, Wohnungseinrichtung, Koch- und andere Events, Hausaufgabenbetreuung und, und, und.

Für einen dieser Flüchtlinge, einem jungen Mann von 20 Jahren, der zur Zeit hier in Deutschland die Realschule besucht, hat sich der Betreuer, ein älterer Herr von 83 Jahren, gemeinhin bekannt als „Opa von Ahmed“, nun dafür eingesetzt, für seinen Schützling ein Praktikum während der Osterferien zu organisieren.

Mit der Unterstützung seiner Tochter gelang es ihm, eine Stelle in einem örtlichen Handwerksbetrieb zu finden. Soweit also so gut.

Der Handwerksmeister, der sich gerne bereit erklärte, Ahmed erste Einblicke in den Schreinerberuf zu geben, führte ein längeres Gespräch mit der Tochter, worin er ihr erklärte, auf welche Gesetzesbestimmungen für Praktikanten im Allgemeinen und Flüchtlinge im Besonderen er achten müsse. Mindestlohn, Arbeitserlaubnis, Schülerstatus, Versicherungen, Sicherheitsschuhe …. Es war ein ganzes Bündel. Die Tochter versprach, sich um alles zu kümmern und legte los.

  1. Anruf bei der Ausländerbehörde, wo der junge Mann gemeldet war, und Nachfrage, ob ein Orientierungspraktikum möglich sei. Antwort a la Radio Eriwan „Im Prinzip ja, aber…“ Es brauche eine Bestätigung der Firma, die müsse geprüft werden und könne dann vermutlich ohne Einbeziehen des Arbeitsamtes (was bei längeren Praktika nötig ist um sicher zu stellen, dass der Platz nicht einem urdeutschen Bewerber weg genommen würde) genehmigt werden.
  2. Information an Ahmed, sich in der Schule bitte eine Schulbescheinigung geben zu lassen.
  3. Anruf bei einem Versicherungsmakler mit der Bitte, zu prüfen, ob es die Möglichkeit einer einmonatigen Unfallversicherung gäbe.
  4. Frage bei Freunden und Kollegen, ob jemand Sicherheitsschuhe Größe 42 habe.

Somit waren schon 8 Leute mit der Sache beschäftigt!

Erstaunlicherweise war die Erlaubnis der Ausländerbehörde – nach anfänglich mehrfach geführten Telefongesprächen – am einfachsten zu erlangen. Kurz vor Beginn des Praktikums klärte sich auch die Unfallversicherungspflicht, die über die Berufsgenossenschaft – nach wieder mehrfachen Telefonaten – laufen konnte.

Das, was man für das Unproblematischste gehalten hatte, die Schulbescheinigung, wurde zu einem Dauerthema. Erst hieß es, die könne man Ahmed nicht ausstellen. Auf Nachfrage des Opas beim Schulsekretariat wurde dann aber doch eine Bescheinigung ausgegeben. Nichtsdestotrotz führte die Tochter ein paar Tage später noch ein längeres Gespräch mit Ahmeds Klassenlehrer (der dessen Einsatz übrigens sehr lobte und sich freute, dass er ein Praktikum machen wollte), der ihr erklärte, die Schulleitung brauche, um eine endgültige Schulbescheinigung genehmigen zu können, Unterlagen von der Ausländerbehörde, der Firma und der bestehenden Versicherung. Auf Nachfrage konnte jedoch auch der Lehrer nicht erklären, wozu die Leitung alle diese Belege brauche, da das Praktikum ja in den Ferien und somit in Ahmeds Freizeit fiele. Aber brauchen tue man es!

Die Tochter willigte ein, alles zu besorgen und der Schule zukommen zu lassen.

Fünf Tage vor Beginn des Praktikums war alles beisammen, sogar die Sicherheitsschuhe. Der Handwerksmeister war sehr froh darüber, noch rechtzeitig vor den Osterfeiertagen zu erfahren, dass Ahmed kommen würde, so dass er ihn in seine Arbeitsplanung aufnehmen konnte. Tochter und Opa lehnten sich nach den Wochen des Organisierens und Rumtelefonierens erleichtert zurück und Ahmed begann, die Vorfreude auf eine Tätigkeit jenseits der Schule zu genießen.

Märchenhafte Kurzfassung:

In einer Welt, die nicht so sehr von der Angst vor Fehlern und behindernden Gesetzen geprägt wäre, ginge die Geschichte so:

Ein junger Flüchtling möchte ein Praktikum machen und fragt seinen deutschen Paten, ob der ihm behilflich sein könnte. Der ruft seine Tochter an. Die ruft einen örtlichen  Handwerksmeister an. Der sagt: „Prima Idee. Wann will er kommen?“

Die Insel der Glückseligen

In den Zeitungen ist zu lesen, dass die Sorgen vor der Zukunft und die Angst vor den Flüchtlingen in Deutschland auf über 50 Prozent gestiegen sind. Das heißt, mindestens jeder zweite Deutsche schleppt solche Ängste mit sich herum. Wo sind die? Es muss Städte geben, die sozusagen die gesamte Angst eines Landkreises tragen, mit gebeugten Schultern und sorgenvoll gerunzelter Stirn (oder, um im Bild zu bleiben, mit geknickten Laternenpfählen und löcherigen Straßen) in der Landschaft stehen und verzweifelt in einen trüb grauen Himmel stieren. Das ist sehr lobenswert und ich bedanke mich herzlich bei den Bürgern all dieser Städte, die laut klagend all diese niederdrückenden Probleme schultern.

Denn nur dadurch erscheint es mir möglich, dass mein Erleben in meiner Stadt ein so ganz anderes ist. Offenbar haben sich die restlichen Prozente unter anderem hier niedergelassen. Ich habe mit vielen Menschen über dieses Thema gesprochen, keiner zeigte angstbehaftete Reaktionen. Im Gegenteil, offene Arme und Unverständnis über die Obergrenzendebatte allenthalben. vielleicht lebe ich ja auf der Insel der Glückseligen. Verfolgt man die Diskussionen im Fernsehen hat es den Anschein, als gäbe es noch weitere solche Inseln und manchmal frage ich mich, wo diese über fünfzig-Prozentigen alle sind. Irgendwo müssen sie ja sein, steht doch neulich wieder zu lesen, dass der Umsatz von Pfefferspray gegenüber dem Vorjahreswert um 700 in Worten: siebenhundert! Prozent gestiegen ist. Das Zeug muss ja irgendwer gekauft haben. Und die Nachfrage nach Waffen steigt ebenso. Wer, zur Hölle, braucht in Deutschland eine Knarre? Da regen wir uns über die Amis mit ihrem idiotischen und gefährlichen WaffenUNgesetz auf und kaum lesen wir was über (angebliche) Überfälle von (angeblich) den Flüchtlingen, rüsten wir auf. Also natürlich nicht wir, auf unserer Insel, sondern die da, die über fünfzig-Prozentigen, wo auch immer sie sein mögen.

Ich verstehe das nicht. Unsere Insel-Flüchtlinge sind hilfsbedürftige, traumatisierte, dankbare und auch manchmal anspruchsvolle oder unverständige Menschen. Ist eben alles dabei, bunte Palette. Klar, nicht alle sind gleich sympathisch, aber Angst habe ich vor keinem. Oder jedenfalls nicht mehr, als ich sonst vor anderen Menschen habe.

Wobei, wenn ich genau darüber nachdenke, stimmt das nicht so ganz. Neulich zum Beispiel: ich gucke leidenschaftlich gern Talkshows. Da saß vor kurzem Beatrix von Storch drin, offensichtlich auch eine von Sorgen und Ängsten arg Geplagte, ihr Gesichtsausdruck erinnerte mich vage an das Volk der Klingonen. (Für alle Enterprise Unkundigen, die haben so Sorgenrunzeln auf der Stirn). Nachdem ich ihr eine Weile zugehört hatte, musste ich aber den Fernseher ausschalten, es packte mich das kalte Grauen. Diese Frau mit ihren Anschauungen macht mir mehr Angst als sämtliche Flüchtlinge zusammen es je könnten.

Ähnliches passiert mir neuerdings immer öfter auf Facebook, auch hier spinnt das Grauenhafte immer dickere Fäden, durchzieht scheinbar mühelos immer mehr posts, likes und ähnliches, so dass ich mir jedes Mal schon ein Schlückchen Tequila genehmigen muss, bevor ich mich traue, die Seite aufzurufen. Das mit dem Tequila ist übrigens ein guter Tipp, es schränkt die Zeitspanne auf FB extrem ein. Wenig-Trinkern reicht ein Gläschen am Tag und die Schnapsdrosseln sacken alsbald über der Tastatur zusammen.

Selbst meine geliebte ZEIT scanne ich mit Argusaugen, ob mir nicht wieder ein Satz über Deutsche, die Asylheime anzünden oder die Grenzen schließen wollen ins Auge sticht. Denn das macht mir Angst

Neid, Missgunst, Hass und Abschottungswahn machen mir Angst. Dummheit und Borniertheit machen mich gruseln und Egoismus und Konkurrenzdenken lassen mich verzweifeln.  Dagegen helfen allerdings weder Pfefferspray noch 9mm Geschosse. Und ich stelle fest, auf meiner glückseligen Insel gibt es auch Ängste, Sorgen, Unmut und Verzweiflung. Nur eben anders gelagert. Probates Mittel gegen solche unliebsamen Erscheinungen ist das Einschalten des Denkapparates, das Betrachten der Fakten, das Bilden einer EIGNEN möglichst fundierten Meinung und das Erkennen, dass Konflikte nicht dadurch weggehen, dass wir „weg, weg mit dir, du Konflikt, du blöder“ denken sondern akzeptieren, dass Konflikte zum Leben gehören wie Lebkuchen im Supermarkt im September. Man muss sie ja da noch nicht kaufen. Stattdessen betrachtet man sie jede Woche, wählt einige aus und vernichtet sie dann erfolgreich bis Weihnachten. Es folgt eine kurze Pause, bis Ende Januar die nächsten Probleme in Form von Osterhasen um die Ecke kommen…Mit denen verfahre man dann auf gleiche Weise.

Vielleicht entstehen so noch ein paar mehr Inseln, die am Ende die Größe eines Kontinents erreichen. Wer weiß.

9 von 10 meiner Patienten kriegen Ohrenschmerzen…

… na, wenn das mal kein „Qualitäts“urteil ist. Oder eher die Gabe der Weissagung?

Was ficht Ärzte an, ihren Patienten solche „Wahrheiten“ um die Ohren zu hauen? Es gibt heute nur wenig Zweifel darüber, dass Worte wirken. Manchmal wahre Wunder, öfter aber  Ungewolltes. Ein wenig mehr Offenheit, Neugier und die Bereitschaft, sich auch mal bisher Ungewohntem zuzuwenden, würde diesen Menschen in Weiß gut zu Gesicht stehen. Und ihren Patienten vermutlich gut tun!

Anlass für diesen Artikel ist folgende Geschichte: meine Tochter musste sich mit 17 die Mandeln entfernen lassen. Wir hatten es lange genug hinaus gezögert. Letztes Jahr im September begann das Ärztekarussell. Zuerst zum HNO. Der hat ihr erklärt, dass es in der Tat nötig ist. Und nicht so ohne. Aber sie bekäme Schmerzmittel für die zwei Wochen nach der OP. Die würden ganz gut helfen. Also, wehtun würde es dann zwar immer noch, aber es wäre erträglich.

Ich saß daneben und war entsetzt. Als Hypnotherapeut reagiere ich allergisch auf solche Aussagen.  Meine relativierende Bemerkung, das würde schon nicht so schlimm werden und die Medikamente zeigten ja allgemein doch eine gute Wirkung quittierte der Arzt mit einem, nun ja, eine Mandel OP in dem Alter sei eben schwieriger und Schmerzen würde sie schon haben. Als ich ihn dann fragte, ob ihm klar sei, was Worte so bewirken könnten antwortete er lapidar: „Ich muss meinen Patienten doch die Wahrheit sagen“. Bitte, lieber Gott, nimm den Dottores doch endlich diese Ausreden!

Das war im September, die OP war für Januar angesetzt und ich dachte bei mir, bis dahin hätte ich noch genügend Zeit, hypnotherapeutisch für gute Gesundung meiner Tochter zu sorgen.

Im Januar, am Tag vor der OP, war die  Voruntersuchung. Mit der Bemerkung des Arztes, die wären ja ganz schön groß, die Mandeln, aber das ginge schon. Es gäbe ja Schmerzmittel!

Nach der OP kam abends der Operateur noch mal ins Krankenzimmer, blickte meine Tochter an und sagte: „Die OP ist gut verlaufen. Du wirst mich sicher hassen in den nächsten zwei Wochen aber die Mandeln waren so groß, die mussten raus. Und da musst du jetzt durch, das tut mir leid. Aber in vier Wochen ist alles wieder ok.“

Am nächsten Tag Nachuntersuchung. Mittlerweile bei Arzt Nummer 4. Der meinte, sähe alles gut aus. Dann hörte ich, wie er sagte, „in der fünften Nacht wirst du starke Ohrenschmerzen bekommen. Ein paar Tage später nochmal.“  Ich dachte, ich höre nicht richtig. „Meine Tochter nicht“, sagte ich laut und deutlich zu ihm. „Doch, natürlich, Ihre Tochter auch. Neun von zehn meiner Patienten kriegen Ohrenschmerzen. Nach Tausenden von OP´s weiß ich das.“ „Nun“, entgegnete ich, „meine Tochter wird keine Ohrenschmerzen haben.“  Was ihn nicht weiter beeindruckte.

Am nächsten Tag gleicher Arzt, gleicher Kommentar. Auch von mir. Ich erzählte ihm, dass ich Hypnotherapeutin bin und ob ihm nicht klar sei, welche Wirkung seine Worte auf das Unbewusste haben könnten. Die Antwort, die er mir gab, kannte ich schon. „Ich muss meinen Patienten doch die Wahrheit sagen.“ Das ginge auch anders, entgegnete ich, stieß aber nicht auf eine irgendwie geartete Neugier.

Bei der Entlassung aus dem Krankenhaus sahen wir Arzt Nummer 5. Der fragte, ob wir noch genügend Schmerzmittel für zu Hause hätten. Auf meine Antwort, meine Tochter nähme bereits seit dem Tag nach der OP keine Medikamente mehr meinte er nur, dass es jetzt erst richtig schlimm werden würde, wenn die Beläge anfingen, sich abzulösen. Danke für dieses Gespräch.

Fazit:

Ich habe mit meiner Tochter vor der OP, direkt danach und in den Folgetagen mit verschiedenen Trancen gearbeitet. Das hatte ich im Vorfeld bereits vorbereitet. Die Ohrenschmerzen kamen da etwas überraschend. Wir improvisierten. Da ich da zum Glück bei besagtem Termin anwesend war, konnte ich sofort mit einer Geschichte über Dampfmaschinen (hatte sich meine Tochter in Anlehnung an die Feuerzangenbowle gewünscht) aufwarten. Am Ende hat sie nach dem zweiten Tag keine Schmerzmittel mehr gebraucht, die Wunden sind gut verheilt, sie konnte bereits am dritten Tag feste Nahrung zu sich nehmen und abgesehen von Langeweile und Genervt sein war alles gut auszuhalten. Ohrenschmerzen bekam sie übrigens auch nicht!

Beim letzten Termin, vier Wochen später, habe ich dem Ohrenschmerzenarzt unser Krokodilbuch geschenkt. Mit der Bitte, ob wir uns nicht mal zusammen setzen könnten, um gemeinsam zu überlegen, wie den restlichen neun Patienten zu helfen wäre. Das war vor 2 Monaten. Leider habe ich bis heute nichts von ihm gehört…