Aus der Reihe: wir utilisieren dann mal das Problem…

An die Klinik…..                                                                                                                      Zu Händen der Geschäftsleitung                                                                              R……straße ..                                                                                                                   6…..   ……………

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich beziehe mich auf den Aufenthalt meines Onkels in Ihrer Klinik. Einem von Ihren Ärzten diagnostizierten und operierten Oberschenkelhalsbruch sollte 8-10 Tage nach der OP, nach Aussage des behandelnden Arztes, ein Aufenthalt in einer Rehabilitationseinrichtung folgen.

Nachdem es meinem Onkel in den Tagen nach der OP nicht gelungen ist, Kontakt zum Sozialdienst herzustellen, bin ich am Donnerstag, dem 17.11.2016 in Ihre Klinik gefahren, um gemeinsam mit ihm einen Termin bei der Dame des Sozialdienstes zu erwirken. Das ist uns auch gelungen. Sie war sehr freundlich und hilfsbereit und besorgte einen Reha Platz in einer Einrichtung. Sie teilte uns außerdem mit, dass sie noch am selben Tag einen entsprechenden Antrag an die Krankenversicherung meines Onkels zwecks Kostenübernahmezusage schicken werde.

Bis heute – eine Woche nach diesem Termin – liegt weder eine Kostenzusage vor, noch weiß die Krankenkasse irgendetwas von geplanten Reha Maßnahmen!

Soweit ich verstanden habe, ist die Stelle im Sozialdienst lediglich halbtags von nur einer Fachkraft besetzt. Sicherlich haben Sie Ihre guten Gründe für diese minimale Personalentscheidung. Soziale, kostentechnische, arbeitsplatztechnische, gesellschaftliche oder sonstige, mir im Augenblick nicht vorstellbaren Gründe. Ich respektiere Ihre Entscheidung daher durchaus, schließlich sind Sie als Geschäftsführer und Verantwortlicher für einen reibungslosen Ablauf in Ihrer Klinik sicherlich bestens informiert und entscheidungsfähig.

Es kann ja auch durchaus sinnvoll sein, Arbeiten auszulagern. Ich habe mich daher gern und – wie ich zum Zeitpunkt dieses Briefes und der Rechnungsstellung hoffe – mit Erfolg Ihres Personalmangels  und des implizit dadurch von Ihnen angebotenen Auftrags angenommen, mich um den notwendigen Reha Platz für meinen Onkel zu kümmern.

Ich stelle Ihnen hiermit meine Kosten für diese Arbeit in Rechnung in der festen Überzeugung, Ihnen, der Klinik, Ihren Mitarbeitern und den Patienten gute Dienste geleistet zu haben.

Mit freundlichen Grüßen

Ich bin ein Dinosaurier!

Vor einigen Tagen saß ich mit einer Freundin im Café. Da piepte mein Handy, eine Whats App – Nachricht von einem gemeinsamen Freund trudelte ein. Der schrieb, er habe uns eine Mail geschickt. Das habe ich der Freundin erzählt und das Telefon weg gepackt. Sie blickte mich daraufhin erstaunt an und fragte, ob ich die Mail jetzt nicht gleich lesen wollte?

„Äh, nein“, erwiderte ich, „ich habe kein Mailprogramm auf meinem Handy.“ Sie guckte womöglich noch erstaunter. Ich erklärte ihr, dass ich weder Mails noch Facebook  mit meinem Handy abrufen könne und das das auch so gewollt und Absicht sei. Ihr Erstaunen wurde immer größer und sie sagte, DAS könne sie sich nun überhaupt nicht vorstellen und dazu hätte man ja schließlich sein Smartphone!

Dazu kann ich nur sagen, ich habe keine Lust, mir von allen möglichen Leuten und Posts diktieren zu lassen, wann ich was lese. Mails beantworte ich grundsätzlich nur vom heimischen Schreibtisch aus und auch Facebook sieht mich nur zu Hause – ich bin sicher, die können das! Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter, und lese meine Zeitung noch in Papierform. Mit weit ausgebreiteten Armen, raschelnd und knisternd, die Seiten immer passgerecht zusammenfaltend ist das für mich das halbe Lesevergnügen.

Heute war ich einkaufen, Samstag halb eins. Die Schlangen an den Kassen waren entsprechend lang. Fast jeder Zweite vertrieb sich die Wartezeit mit dem Handy. Das habe ich auch schon gemacht, nur diesmal hatte ich das Teil zu Hause vergessen. Kurze Schrecksekunde, und nun? Was soll ich nur machen, bis ich mit dem Bezahlen dran bin? Es blieb mir nichts anderes übrig als meine Mitmenschen anzugucken. Und siehe da, das war äußerst unterhaltend. Von der Mutter mit Vorschulkind, deren Diskussion über den Kauf eines kassennahen Ü-Ei´s ich mit Spannung verfolgen durfte über das Zählen der über ihre Telefone gesenkten Köpfe (es waren acht) bis hin zum Verfolgen des Begutacherprozesses von Hokaido versus Butternutkürbissen an der Gemüsetheke…Alles spannender und vor allem lebendiger als das Starren in das kleine Display.

Zu Hause las ich dann in der ZEIT vom 03.11.16 (mit breiten Armen und entsetztem Kopfschütteln) im Artikel „Ich“ von den Plänen von Google, Facebook und Co, in den „echten“ Journalismus einzusteigen. Verteilen tun sie die Nachrichten ja schon. Nun stelle ich mir vor, sie stellen sie auch her und verteilen sie dann zielgruppengerecht an den Leser. Nutzerdaten haben sie ja genug und die nötigen Algorithmen auch.  Gemäß Artikel könne das sogar so weit gehen, dass ich genau dann, wenn ich Samstag um halb eins an der Supermarktkasse stehe, eine Meldung angezeigt bekomme, die über die Genveränderung von Lebensmitteln berichtet und vielleicht sogar über bestimmte Hersteller informiert, die dieser Supermarkt zufälligerweise auch im Sortiment hat. Und das genau in der zeitlichen Länge, die ich in der Schlange stehe.

Ein Hurra auf die totale Personalisierung der Nachrichten! Jeder Nutzer erfährt genau das, was er sowieso schon weiß oder denkt. So geht dann Information: Mehr Desselben und dauernde Bestätigung der eigenen Meinung. Das sind die Social Network Scheuklappen für das Volk.

Da möchte ich doch mal an Gregory Bateson (Philosoph und Kommunikationstheoretiker – unter anderem), erinnern. Der sagte: „Informationen bestehen aus Unterschieden, die einen Unterschied machen.“ Wenn wir aber eine Gesellschaft wollen, die mit Unterschieden nicht leben will oder kann, dann sind solche Personalisierungsmaßnahmen genau der richtige Weg.

Ich will´s nicht! Da aber auch für mich gilt, der Geist ist willig aber die Gewohnheit stark, wehre ich mich gegen entstehende Gewohnheiten, die mein eigenes Denkvermögen beschränken könnten und bleibe lieber Dinosaurier.

Das Grauen hört nicht auf

In der ZEIT vom 20.10.16 beschäftigt sich der politische Teil ausführlich mit dem Krieg in Syrien. Entsetzliche Bilder sind zu sehen, die mit der Frage daherkommen, ob es gut oder schlecht ist, sie zu zeigen. Im Sinne von hilfreich oder entwürdigend. Keiner weiß eine endgültig wahre und richtige Antwort darauf – aber die Aussage: wenn der Krieg kein Bild hat, findet er in unseren Wohnzimmern nicht statt erscheint mir so tiefgreifend, dass sich die Frage in meinen Augen gar nicht mehr stellt. Veränderung geht nur über Entsetzen. Also Welt, entsetz dich. Und zwar ganz wörtlich: ent-setz dich. Setz dich woanders hin, nicht auf  die gemütliche Couch, mit dem Cabernet Sauvignon im Kristallglas vor dir auf dem von Kerzen beleuchteten Tisch, sondern mitten hinein in den Schrecken und das Grauen.

Hinein in den Tod, die Verzweiflung, die Ohnmacht und die Wut. Die Hilflosigkeit und das Leid. Ja, ich gucke auch weg. In der ZEIT ist ein Foto, da ragt ein Kinderfuß, ein sehr kleiner Kinderfuß, von unten nach oben durch den Schutt. Man kann die Zehen erkennen. Ich muss mich überwinden, um diese Zeilen hier hinzuschreiben und meine Seele schreckt vor der Aufgabe des sich Erinnerns zurück. Ich muss sie zwingen, dazubleiben, hinzu sehen, nicht zurück zu zucken. Dabei wäre das so leicht – es gab ja schon Hunderte solcher Bilder, die konnte ich auch alle wegschieben und vergessen. Und es ändert ja auch nichts. Ob ich mir das Unansehbare und ansehe oder nicht, nicht wahr?

Wenn wir das Grauen nicht sehen, findet es nicht statt. Natürlich, wir lesen darüber, wir hören Berichte in den Nachrichten. Auch in der ZEIT stehen wohlfeile Worte von Politikern. Von Schlaflosigkeit ist die Rede, von dem steten Bemühen, den Dialog zwischen den Kriegsparteien und der UN, Europa und sonst wem aufrecht zu erhalten. Das erinnert mich an eine Formulierung, die früher in Zeugnissen stand: „Er bemühte sich stets“ und was so viel hieß wie, der bringt nichts zustande, das aber geduldig immer wieder. Schön ist auch  “ Wir müssen den größtmöglichen Druck ausüben und alles tun, um die Menschen dort zu schützen“. Schön stereotyp. Das sagen wir, das hören wir seit 5 Jahren. Und  es ändert sich auch viel – es wird immer schlimmer! Ich bin kein Politiker, ich kann nicht entscheiden, welches der beste Weg wäre, Sanktionen, Flugverbotszonen, Druck oder Dialog. Und so gern ich die Verantwortung auch an unsere oberste Riege abgeben würde, auch die sind nicht allwissend und müssen aus ihren jeweiligen Kontexten heraus Entscheidungen treffen, von denen man oft nicht wissen kann, wie das Ergebnis aussehen wird.

Und wir Bürger? Mal ehrlich, was sollen wir auch tun, hier im sicheren Deutschland? Ich persönlich kann die Flüchtlinge unterstützen, Geld spenden, mich in Diskussionen stark machen für Menschenwürde und gegen Menschenfeindlichkeit aber ich kann den Krieg „da unten“ nicht beenden. „Da unten“ klingt gut… so schön weit weg.

Was ich aber kann, ich kann mich aktiv dazu entschließen, nicht wegzuschauen, mich den vielen „na ja, schon schlimm, aber ich kann ja sowieso nichts tun und die Bilder machen mich nur depressiv“- Sagern nicht anzuschließen. Ich kann meine Augen bitten, sich die Bilder des Unansehbaren anzusehen und meine Seele, sich nicht vor dem Undenkbaren zu verschließen, sich dem Tod, der Verzweiflung, der Ohnmacht und der Wut, der  Hilflosigkeit und dem Leid der Menschen in Syrien und anderswo auszusetzen. Wenn auch mit dem Luxus, das nur für eine kurze Zeit zu tun, bevor mich mein langweiliger, sicherer, behüteter Alltag wieder einholt. Aber wenigstens in diesem Moment habe ich mich zu ihnen in den Schutt der Straße gesetzt und ihnen ihre Menschlichkeit und ihre Würde zurück gegeben. Ein kleiner Preis. Eigentlich beschämend.

Hast du schon Ubuntu?

Reisen bildet, das weiß jedes Kind. Wer reist, erfährt viel über andere Kulturen, lernt neue Sprachen, sieht seltsame Tiere und erlebt hautnah, wie unterschiedlich Montezumas Rache ausfallen kann. Andere Länder, andere Suppen eben.

Ich war vor Kurzem in Südafrika. Das ist nun ein Land, das von dem unseren nicht nur entfernungstechnisch ziemlich weit weg ist, sondern auch in vielen anderen Hinsichten. Land und Leute sind sehr anders. Es gibt lustige Tiere und gefährliche Tiere, die Küste lässt sich mit der unsrigen so wenig vergleichen wie eine Lachsforelle mit einem Fischstäbchen, „zack-zack“ heißt auf Afrikaans „sham-scham“ und  der Cappuccino kostet die Hälfte. Die Toiletten auf den Rasthäusern können sich mit denen von 4 Sterne Hotels vergleichen und der Südafrikaner liebt Biltong – getrocknetes Rindfleisch, dessen Qualitäten ich auch nach langem Suchen nicht gefunden habe. Am Bemerkenswertesten fand ich jedoch Haltung und Lebenseinstellung der schwarzen und farbigen Bevölkerung. Die Fröhlichkeit und Freundlichkeit der bis heute noch nicht gleichberechtigten und sozial abgehängten Langzeitbewohner Südafrikas ist beeindruckend.

Unsere Reiseleiterin hat diese erstaunliche Lebenseinstellung oft und ausführlich erwähnt und belegt. Sie hatte auch ein Wort dafür. Ubuntu.

Und das hat sogar entfernt etwas mit dem Ubuntu zu tun, das uns hier viel geläufiger ist, nämlich dem kostenlosen Computer Betriebssystem, das auf dem Gedanken des gemeinsamen Verbesserns und Teilens basiert. (Und übrigens von einem Südafrikaner ins Leben gerufen wurde).

Ubuntu ist ein alter Begriff aus den Bantusprachen Zulu und Xhosa und ein Synonym für eine afrikanische Lebensphilosophie. Es bedeutet so viel wie „Menschlichkeit“ und „Nächstenliebe“, geht aber darüber noch weit hinaus.

Desmond Tutu, ehemaliger Erzbischof von Kapstadt, definierte Ubuntu folgendermaßen:

„Ein Mensch ist ein Mensch durch andere Menschen. Damit ich ich sein kann, musst du du sein können.“

Diese Haltung ist tief in der afrikanischen Mentalität verwurzelt. Wir könnten weder laufen noch sprechen, wenn wir nicht miteinander verbunden wären und voneinander lernen würden. Tutu hat eine weite – und weise – Sicht: Jungen Menschen sagte er, „die Zukunft der Welt liegen in euren Händen und darum müsst ihr dafür sorgen, dass die Welt heute sich so entwickelt, dass sie zu einer Welt wird, in der ihr eure Kinder aufwachsen sehen wollt.“ Sie sollten von einer Welt ohne Armut, Krieg und Hungersnöten träumen und diesem Traum mit ihrem Verhalten, ihrem Leben, immer ein Stückchen näher zu kommen versuchen.

Ich höre sie schon, die Skeptiker und Realisten. „Träume sind Schäume“. Na und? Selbst wenn, der blödeste Tag lässt sich in einem duftenden Schaumbad besser beenden als mit Verbitterung auf dem Sofa. Und ganz abgesehen davon, hat die Wissenschaft längst belegt, dass ein Träumen oder So-tun-als-ob ganz reale Auswirkungen hat.

Wer schon einmal dem Neurobiologen Gerald Hüther zugehört oder eins seiner Bücher gelesen hat weiß, dass die Hirnforschung uns heute genau das bestätigt. Wir denken in Bildern und die haben dann wiederum einen nicht unerheblichen Einfluss auf unsere Handlungen und Haltungen. Unser Gehirn ist weniger ein Denkapparat als ein Beziehungsorgan und miteinander wachsen und trotzdem Raum für individuelle Entwicklung haben zu können ist ein menschliches Grundbedürfnis. Der Psychiater Helm Stierlin hat dafür den Begriff „Bezogene Individuation“ geprägt, andere sprechen von der Balance zwischen dem Ich und dem Wir.

Wer Ubuntu hat (das kann man nämlich nicht sein, es ist eine innere Haltung, die man entwickelt und dann eben „hat“ – sie kann daher auch wieder verschwinden, wenn man nicht achtgibt), der lebt in der Gewissheit, dass eine Menschlichkeit, die es wert ist, so genannt zu werden, sich nicht im Spenden von Geldbeträgen, Mitgefühl oder ordnungsgemäßer Mülltrennung erschöpft. Ein Mensch mit Ubuntu kümmert sich, teilt mit dem Nachbarn mehr als nur die Haustür, hat ein natürliches Verständnis von der Ganzheit aller Lebewesen und freut sich für seinen Nächsten, wenn dieser Glück und Erfolg hat. Wohl wissend, dass es ihm selbst nicht schlechter geht, wenn es der andere besser hat, sondern dass dies im Gegenteil eine gute Auswirkung auf ihn selbst haben kann.  Wir sind in unserer westlichen Neidgesellschaft weiter davon entfernt, als ich darüber nachdenken möchte!

Es gibt auch in anderen Kulturen eigene Worte für diese Art von Lebens-Haltung. „Abrazo“ aus dem Spanischen heißt nicht nur Umarmung, sondern beschreibt auch die sehr intime Erfahrung von Verbindung, Gemeinschaft und Akzeptanz, die in bestimmten Momenten entstehen kann, und das daraus erwachsende Gefühl von Sinnerleben und Zugehörigkeit.

Indianische Stämme aus Arizona und NW Mexiko haben dafür den Begriff „himdag“. Er bezeichnet ein Geschenk des Schöpfers, welches aus einer lebenslangen Reise besteht, während der der Mensch  Wege zu finden sucht, um nicht nur mit sich selbst in Balance zu sein, sondern auch mit seinen Mitmenschen, der Natur allgemein und natürlich Gott.

Die Holländer benutzen das uns bekannte Wort „gezellig“, welches jenseits von weinseligen Tafelrunden eine Zusammenkunft und ein Zusammensein meint, in dem wir uns aufgehoben fühlen, zeitlos, willkommen und beschützt, wo Toleranz und Offenheit herrschen. Ganz allgemein gesprochen: ein Ort, eine Begegnung, wo uns Gutes umgibt und gute Dinge passieren.

Im Zeitalter von Bürgerkriegen, Hungersnöten, und einer weltweiten Flüchtlingsbewegung, wäre es da nicht wunderbar, wenn die Menschheit eine Grundhaltung entwickelte, die auf wechselseitigem Respekt beruht? Auf gegenseitiger Anerkennung und der Zugrundelegung der Menschenwürde für jeden von uns?

Zum Abschluss daher der ultimative Tipp für den Fall, dass euch mal ein Dschinn begegnet, der euch einen Wunsch erfüllen wollte: Nehmt euch ein Beispiel am südafrikanischen Verfassungsgericht, welches diese Haltung in der Verfassung verankern möchte: Wünscht euch Ubuntu für alle.

Ach ja, und noch ein Nachsatz. In der ruandischen und burundischen Sprache bedeutet Ubuntu auch „gratis“. Wenn das die Sache mal nicht vereinfacht!

 

Der Sultan dreht durch, und ich bin es echt leid…

… dauernd lesen oder hören zu müssen, dass die EU und besonders Deutschland ach so abhängig von der Türkei und dem dort marodierenden Sultan sein sollen, nur weil die Türkei für uns die Flüchtlinge verwahrt – und ich schreibe hier absichtlich „verwahrt“. Wobei ich mir noch nicht mal sicher bin, dass es nicht besser „inhaftiert“ heißen sollte.

Der Flüchtlingspakt, den Angela Merkel mit der Türkei geschlossen hat – und auch hier ergänze ich, dass es vermutlich besser „Merkel und Konsorten“ heißen sollte, denn es wird sich ja wohl kaum einer ernsthaft vorstellen, dass sie allein mit Erdogan, in gemütlicher Runde, mal eben diese Aktion ausbaldowert hat – , also dieser Pakt ist doch nicht in Stein gemeißelt. Frei nach dem Motto: Bis dass der Tod euch scheidet soll er Geltung besitzen… das ist ja völliger Quark. Und eines ist er mit Sicherheit auch nicht: alternativlos. Warum? Weil nix im Leben alternativlos ist. Jedenfalls nicht, solange Leben da ist. Wir haben immer mindestens die Wahl zwischen Ja und Nein. Und zum Flüchtlingsdeal mit Erdogan sollten wir jetzt dringend und entschieden, laut und deutlich und eher früher als später NEIN sagen.

Selbstverständlich hat jede Entscheidung ihren Preis. Bisher zahlen wir mit schnödem Mammon. Wirklichen Eurostückchen, die wir in die Türkei schicken und virtuellen, die wir für die vielen Augenbinden, Ohrenstöpsel und Maulkörbe innerlich ausgeben müssen, um die Abmachung im Anblick der Menschenrechts-, Freiheits- und Rechtsstaatlichkeitsvergewaltigungen ertragen zu können!

Ganz ehrlich, die paar Millionen Echtgeld sind mir herzlich egal, aber die Kosten für mein/unser europäisches Gewissen steigen ins Unermessliche. Ich fühle mich schon völlig ausgezehrt.

Kurzer Rückblick, worüber wir hier eigentlich reden:

  1. Die Türkei nimmt illegal nach Griechenland geflohene Flüchtlinge zurück. Mit der Sondervereinbarung für Syrer, für jeden syrischen Flüchtling, den die Türkei zurücknimmt, kann ein syrischer Flüchtling aus der Türkei direkt in ein  EU Land ausgeflogen werden. Quid pro quo.
  2. Sollte die Migrationswelle über den Balkan so zum Erliegen kommen, nimmt die EU weitere zusätzliche Flüchtlinge, die sich bereits in der Türkei befinden, auf.
  3. Die EU zahlt sowohl für die Rückführung der Flüchtlinge in die Türkei als auch einen zusätzlichen Betrag von 6 Milliarden Euro
  4. Die Beitragsverhandlungen Türkei-EU werden wieder aufgenommen und unter bestimmten Voraussetzungen, die die Türkei erfüllen muss, soll es Visafreiheit für türkische Staatsbürger geben.

Was bisher geschah – Auszüge:

  1. 2015 suchten etwas mehr als 1 Million Menschen Schutz in der EU.
  2. Von den 18.000 von der EU bereitgestellten Plätzen für syrische Flüchtlinge wurden bisher lediglich knapp 800 verteilt (Stand Juli 2016, ZEIT online)
  3. Der UNHCR kann nicht mehr entscheiden, wer aus der Türkei umgesiedelt werden kann, Akademiker „behält“ Erdogan für sich.
  4. Die Türkei hält sich nicht an die vereinbarten Regeln zur Erlangung der Visa-Freiheit, droht aber, das Abkommen platzen zu lassen, wenn diese nicht in Kraft tritt.
  5. Die Griechen schicken keine Unmengen von Flüchtlingen zurück, aus Mangel an Personal (und wer weiß, am Ende sogar aus Gewissensgründen).
  6. Erdogan verklagt Böhmermann, greift das deutsche Parlament an, verweigert Abgeordneten den Besuch von Incirlik…
  7. Höchst aktuell: Erdogan spricht nicht nur von Säuberungen, er führt sie auch durch! Mehrere zehntausend Beamte aus Justiz, Kultur und Bildung wurden entlassen oder verhaftet.

Natürlich gäbe es dazu noch viel mehr zu sagen, zum Beispiel auch, dass die Türkei ohne weiteres Tamtam seit Beginn der Flüchtlingswelle aus Syrien Millionen Menschen aufgenommen und versorgt hat. Da haben wir uns hier noch über ein paar Tausend gestritten. Es gibt also viele Für´s und Wider´s, viele Informationen, viele Vermutungen, viele Unterstellungen. Eins gibt es aber nicht: einen Zwang, das Flüchtlingsabkommen aufrecht zu erhalten und sich somit von Erdogan und seinen Vorstellungen und Wünschen abhängig zu machen.

Ziemlich sicher scheint zu sein, dass In der Türkei zurzeit um die 3 Millionen Flüchtlinge sind, das entspricht knapp 4% der Bevölkerung. Im Libanon zum Beispiel, wo es große Flüchtlingslager gibt, sind es über 20%. Bei uns sind zurzeit etwa 1,2 Millionen Menschen, also ungefähr 1,5% der Bevölkerung

Bis Ende 2017 schätzt die EU-Kommission die Anzahl der Asylbewerber auf etwa 3 Millionen. In der EU! Fairerweise muss man aber hier klar sagen: Asylbewerber ist nicht gleich Flüchtling. Vermutlich sind die Flüchtlingszahlen deutlich höher. Aber auch bei 5 Millionen Menschen wäre das, gemessen an der Bevölkerungsanzahl, lediglich 0,1 %.

Das ist lächerlich. Und sich deswegen in die Hände, oder sollte ich besser sagen, Fänge?, eines Despoten zu begeben ist nicht lächerlich sondern entsetzlich und dumm. Entsetzlich dumm eben! Wenn wir Europäer mal aufhörten, immer nur auf unsere eigenen Fußspitzen zu starren würden wir vielleicht feststellen, dass der Fußabdruck, den wir auf der Welt gerade hinterlassen, jämmerlich klein und unscharf ist.

Es ist an der Zeit, Herrn Erdogan zumindest die Macht aus der Hand zu nehmen, die wir ihm gegeben haben. Die Amerikaner haben uns im letzten Jahrhundert gezeigt, dass man monatelang Rosinenbomber losschicken kann, da sollte es uns, Jahrzehnte später doch gelingen, ein paar Wochen lang ein Luft-Sammel-Taxi für die Flüchtlinge aus der Türkei und Griechenland zu organisieren. Und diese dann auf alle Staaten zu verteilen, die sich daran erinnern können, was Menschenrechte und Mensch-sein bedeutet. Vielleicht ziehen dann ja sogar noch ein paar andere nach.

Nachtrag:

Ich finde im Übrigen auch die Aussage diverser Politiker, dass die Einsetzung der Todesstrafe in der Türkei deren Beitritt in die EU zunichtemachen würde unsäglich. Nicht das Verabschieden der Todesstrafe disqualifiziert die Türkei, sondern bereits die Bereitschaft, darüber zu diskutieren. Man stelle sich vor, die AfD und ähnlich Gesinnte schlügen vor, die Pressefreiheit hierzulande abzuschaffen und die deutsche Politik würde einen ernsthaften Diskurs darüber anfangen! Undenkbar, oder?

Noch ´n Nachtrag:

Warum der Titel? Nun, es gibt einen Karnevalsschunkler von den Höhnern. „Die Karawane zieht weiter, der Sultan hat Durst“. Ich habe aber jahrelange gehört „… der Sultan dreht durch!“ Hat mich etwas verwundert, aber nun gut, Karneval eben. Nie hätte ich mir träumen lassen, dass ich anscheinend über die Gabe der Weitsicht verfüge! 🙂

Bedingungslose Intelligenzverteilung

In unserer Lokalzeitung stand neulich ein Bericht über eine Familie mit 2 Kindern, deren IQ deutlich über 130 liegt. Eines hat im zarten Alter von 15 Jahren bereits ein 1,0 Abitur in der Tasche und ist auf dem Sprung an die Uni. Das zweite ist auf dem besten Wege, es dem ersten gleich zu tun. Hier scheint der Herrgott verschwenderisch mit Intelligenzmolekülen umgegangen zu sein. Ich gönn´s den beiden.

Trotzdem, mit 15 darf man nicht ohne Begleitung der Eltern in eine Disco – und dann auch höchstens bis 22 Uhr. Selbst ein Kinofilm muss um diese Uhrzeit zu Ende sein, will der Jugendliche ihn ohne Aufsicht angucken. Mit 15 darf man weder den Führerschein machen noch eine Wohnung mieten. Man darf  kein Konto eröffnen oder wählen gehen. Und das alles ist auch gut so. Nicht nur, weil Jugendliche in diesem Alter manchmal nicht so ganz zurechnungsfähig sind (nichts deutet daraufhin, dass sich das mit 18 schlagartig änderte!), sondern in meinen Augen vor allem deshalb, weil die Jugendlichen eins auszeichnet: sie sind jugendlich. Also irgendwie doch noch Kinder. Sie sollten diese Jahre eher im Modus „unbeschwert ausprobieren“ verbringen, statt als Mikro-Erwachsene Verantwortung für ihre Zukunft übernehmen zu müssen. Die Tatsache, dass Kinder immer mehr gefördert – um nicht zu sagen getriezt – werden, dass es für Erstsemester in den Unis Elternabende gibt, weil immer mehr Studenten auf Grund des leidigen G8 unter 18 sind, scheint mir das Tüpfelchen auf dem „i“ des Verjüngungswahns zu sein. Die heutigen Studienanfänger brauchen Papas Fahrdienste und Mamas Unterschrift auf Miet- und Bankunterlagen, da wird der Bildungsgedanke doch ad absurdum geführt: Autofahren is nich… aber euch für den Wirtschaftskreislauf fit machen dürft ihr schon mal. Was soll das? Wer braucht das? Und wohin führt das?

Auf der anderen Seite kommt die Bildungsgerechtigkeit ins Spiel. Es ist längst bestens untersucht, wie die Chancen da verteilt sind: nämlich sehr ungleich. Der Zusammenhang zwischen Herkunftsfamilie und Schulerfolg ist belegt, Akademikerkinder haben bereits nach den ersten vier Schuljahren einen deutlichen Vorsprung vor Migranten – und Arbeiterkindern. Das ist kein Wunder, frühkindliche Förderung ist kein Ausdruck für den Besuch beim Logopäden sondern ein „Chinesisch-Klavier-und-wasweißich-lernen Muss“ für alle, die es sich leisten können. Im monetären und intellektuellen Sinn. Der Nachhilfemarkt boomt – auch für Grundschüler. Und auch bereits für Schüler, die gute bis befriedigende Noten haben. Gut ist eben noch lange nicht gut genug. Fragt sich zwischendurch auch mal jemand, welche Werte wir da als Gesellschaft der nächsten Generation vermitteln? Der Leistungsgedanke scheint bereits vorgeburtlich einzusetzen…

Ja, wir brauchen dringend Nachhilfe, aber eher für Eltern, Lehrer und Bildungspolitiker! Und zwar in den vernachlässigten Ü-Ei Fächern „Spiel, Spaß, Spannung“.

Für den schulischen Erfolg (und ich schreibe hier absichtlich „schulisch“ und nicht Bildungserfolg – Schule hat mit Bildung nur peripher zu tun) ist durchaus nicht nur der IQ zuständig, das belegen zahllose Hochbegabte, die die Schulen mit einem schlechten oder gar keinem Abschluss verlassen. Entscheidend sind auch soziale Herkunft, Klima der Schullandschaft und eine Erziehung, die Möglichkeitsräume schafft, statt Wege zu verschließen. Die Familie aus dem Anfangsbeispiel ist eine typische Akademikerfamilie; Zeit, Wissen und Finanzen gewährleisten somit genau das! Das ist wunderbar für die Betroffenen und führt direkt zu meiner These der bedingungslosen Intelligenzverteilung.

Die ungleiche Verteilung der Gelder im Lande sind die  Grundlage für die Forderung nach dem bedingungslosen Grundeinkommen, mehr Steuergerechtigkeit und Änderungswünsche beim Rentensystem. Nun lassen sich selbstverständlich Geldströme leichter in viele kleine Nebenflüsschen aufteilen als Intelligenz. Nichts desto trotz könnte man doch darüber nachdenken, ob man diejenigen, die leicht, schnell und womöglich mit Begeisterung lernen, nicht etwa mit 15, 16, 17 bereits den Universitäten einverleibt, sondern sie statt dessen den Schwerlernern für einige Zeit an die Seite stellt. Aktives Mentoring, bereits in der Grundschule, wenn nötig. Im Laufe ihres Schullebens könnten diese Kinder Praktika an ihren Schulen absolvieren, den Lehrern beim Unterrichten zur Hand gehen, einen „Lernbeistandspakt“ schmieden und für ihre Mitschüler so einen Ausgleich schaffen, Balance herstellen und Gerechtigkeitslücken schließen.

Davon würden alle profitieren: die einen, weil sie die Unterstützung kriegten, die sie brauchen. Die Klassen, weil ein ganz neues Gemeinschaftsgefühl entstehen könnte und das Lernen fröhlicher und dadurch erfolgreicher würde. Die Lehrer, weil sie so eine dringend benötigte Unterstützung bekämen und auf einmal Partner im Klassenraum hätten, die auch ein gemeinsames Lehren ermöglichten. Und nicht zuletzt die Helfer, die Verantwortung für andere übernehmen dürfen, soziale Kompetenzen erwerben, Reife erlangen, vermutlich Freude und Stolz auf „ihre“ Schüler erleben und somit haufenweise Glücksgefühle geschenkt bekämen.

Ich kann mir viele Modelle dazu vorstellen. Von Unterstützung nur einiger Stunden, über Monatspraktika bis hin zum Unterbrechen der Regelschulzeit und einjährigem Mentoringprogramm. Das Auslandsjahr mal anders gedacht. Unser unsäglicher Leistungsgedanke könnte sich wandeln zum Gemeinschaftsgedanken. Ja, die Schulzeit würde vermutlich wieder länger –  aber wem schadet das? Statt sich mit der 16jährigen die Wochenenden über auf  Wohnungssuche in der nächsten Universitätsstadt herumzuplagen können Eltern ihren erwachsenen Kindern den Autoschlüssel in die Hand drücken, „mach mal“ sagen und sich an die Ostsee verkrümeln.

Dann hieße es nicht mehr „wer hat, dem wird gegeben“ sondern „wer hat, gibt ab!“     Wäre das nicht ein schönes Motto für das junge 21. Jahrhundert?

Neu für Flüchtlinge: Das FZ-Mm-oa1

Vor kurzem beschloss das Bundeskabinett das Integrationsgesetz. Darin geht es unter anderem darum, die Chancen auf dem Arbeitsmarkt für Flüchtlinge zu verbessern. So soll zum Beispiel die sogenannte „Vorrangprüfung“, nach der ein Arbeitgeber einen Deutschen bei gleicher Qualifikation vorziehen muss, zumindest in Regionen mit geringer Arbeitslosigkeit abgeschafft werden.

Einig sind sich alle darin, dass Integration nur dann klappen kann, wenn die Flüchtlinge Deutsch lernen und arbeiten können. Von eventuell fehlenden Deutschkursen will ich hier gar nicht sprechen, das ist sicherlich auch von Region zu Region unterschiedlich. Für die Schwierigkeiten, Zugang zum Arbeitsmarkt zu erhalten, hätte ich aber eine Idee, die die Vorrangprüfung völlig überflüssig werden ließe.

Im Fernsehen habe ich folgenden, sehr wahren und typisch deutschen, Satz von Raimund Becker, Vorstand der Bundesagentur für Arbeit, gehört: „Deutschland ist ein Land, in dem Zertifikate eine wesentliche Rolle spielen.“ Und daran mangelt es den Flüchtlingen eben. Entweder, weil sie aus Ländern kommen, wo das nicht so ist (soll´s ja geben) oder weil sie Ihnen auf der Flucht leider irgendwie abhanden gekommen sind. Keine Bescheinigungen, kein Nachweis, ergo kein Job. Das steht dem Integrationswillen vieler entgegen, Politikern wie Unternehmern. Dafür schlage ich hier eine einfache und faire Lösung vor: Das Fluchtzertifikat – Mittelmeer- oder anders, Version 1.
Oder eben, in Kurzform, das FZ-Mm-oa1.

Dieses sollte nur die Fähigkeiten enthalten, die die Menschen benötigt haben, um trotz sämtlicher widriger Umstände bei uns angekommen zu sein. Als da wären:

Durchsetzungskraft                                                                                           Entscheidungsfreude                                                                                                       Flexibilität                                                                                                                 Zielorientierung                                                                                          Verantwortungsbewusstein                                                                                              Teamgeist                                                                                                             Finanzplanung                                                                                                                      Geduld                                                                                                                        Weltoffenheit                                                                                                             Selbständigkeit

Diese Liste ließe sich, je nach individueller Geschichte, problemlos erweitern und anpassen. Und damit wäre die Sache mit der Arbeitsqualifikation und dem Vergleich mit deutschen Bewerbern vom Tisch. Und das weitere Deutschlernen könnte so ganz nebenbei im Job stattfinden.

 

 

Von Steuererklärungen und Flüchtlingskosten

Es ist Mai – Zeit für die Einkommensteuererklärung. Da nimmt die Lust in der Bevölkerung am Rasenmähen, Bügeln und Aufräumen rapide zu! Dabei kann die Last sich in Lust verwandeln, wenn man es nur geschickt anstellt. Die Städte, Kommunen und Kreise in den bundesdeutschen Ländern machen es uns vor. Die Genauigkeit von Zahlen wird überbewertet, Kostenermittlung kann ja so einfach sein. Unter zwei Voraussetzungen. Erstens, Geheimhaltung von Verträgen und Abmachungen. Zweitens, schätzen statt wissen. Wozu soll man sich die Mühe des genauen Verbuchens machen? Zeit ist schließlich Geld, was so viel heißt wie: wenn die Zeit für ein ordnungsgemäßes Controlling in den verschiedenen Ämtern nicht zur Verfügung steht, bedeutet das Geld für andere. Viel Geld.  Aber von Anfang an.

In der ZEIT vom 12.05.16 findet sich folgender Artikel:                                            http://www.zeit.de/2016/21/fluechtling-kosten-haushalt-bundeslaender-unterbringung

Hier haben Journalisten ein halbes Jahr lang recherchiert, um herauszufinden, wie viel uns ein Flüchtling  in Deutschland  kostet. Getrennt nach Unterbringung und Kosten wie Verpflegung, Betreuung, Bewachung(!).  Wir Deutschen sind für unsere Gründlichkeit bekannt. In diesem Fall scheinen die Zuständigen sich jedoch alle Mühe gegeben zu haben, um zu zeigen, dass wir es auch ganz ungründlich können. Daten über die Ausgaben waren jedenfalls kaum zu kriegen. Zunächst erschwert die Tatsache, dass jedes Land sein eigenes System der Unterbringung pflegt, das Datensammeln und -vergleichen. Wer ist für welche Kosten zuständig und wenn ja, warum? Wer übernimmt was? Und – auch spannend – wer verantwortet was? All das unterscheidet sich von Land zu Land, von Gemeinde zu Gemeinde. Man könnte sagen, es herrscht ein gewisses Chaos. Es will sich wohl auch niemand so recht in die Karten gucken lassen. Antworten der Behörden an die Reporter, wie zum Beispiel  die aus Bayern, „wir bitten um Verständnis, dass die von Ihnen erbetenen Zahlen in dieser Form statistisch weder vom Sozialministerium noch von den Bezirksregierungen erfasst werden“ lassen tief blicken. (Das erinnert mich an die Mitteilungen aus der Grundschule: „Liebe Eltern, wir bitten um Verständnis, dass der Unterricht am morgigen Mittwoch ausfällt. Wir Lehrer machen eine Fortbildung“. Dieses Schreiben habe ich damals regelmäßig mit dem Vermerkt „Verständnis verweigert“ zurückgeschickt.) Transparenz jedenfalls sieht anders aus.

Häufig hieß es, die Verträge mit den Heimbetreibern seien geheim. Da stellt sich doch die Frage nach dem Warum. Wird gemauschelt? Haben die Zuständigen schlicht keine Lust, sich mit dem Thema auch betriebswirtschaftlich auseinander zu setzen? Wenn Gelder fehlen, kann man ja den Bund um Unterstützung bitten. Also uns, die Steuerzahler. Wie es übrigens gerade geschieht, obwohl keiner auch nur den Schimmer einer Ahnung hat, was die Flüchtlinge nun tatsächlich an Kosten verursachen. Aber nach mehr Geld zu schreien ist ja viel einfacher, als bei sich selbst nach Sparmöglichkeiten zu gucken.

Schön ist auch, dass es keine übergreifenden Informationen untereinander gibt. Die rechte Hand ist mal wieder völlig planlos, weil sie die linke Hand nicht leiden kann – und daher auch nicht nachfragt. Sonst käme es nicht zu so merkwürdigen Unterschieden in der Bezahlung der Heimbetreiber. Wie zum Beispiel bei European Homecare. Der Laden hat seinen Umsatz in den letzten zwei Jahren von 17 auf 100 Millionen Euro gesteigert. Klar, es sind auch mehr Flüchtlinge angekommen. Komisch ist aber, dass die Kosten in manchen Gemeinden verhältnismäßig gering, in anderen unverhältnismäßig hoch sind. Warum? Es scheint clevere Gemeinden zu geben, die lieber Planen statt Pennen, dann bei der Vertragsgestaltung nicht so erpressbar sind und vernünftige Preise aushandeln. Andere jedoch, die von der  „huch,  Überraschung, wir kriegen auch Flüchtlinge“ – Fraktion, müssen schnelle Lösungen finden, die dann, logisch, auch mehr kosten. Das kräftige Zulangen der Anbieter (teilweise müssen vertragsgemäß auch nicht benötigte Betten monatelang bezahlt werden) kann einem ja letztendlich auch wurscht sein, wenn man´s nicht aus der eigenen Tasche bezahlen muss.

Jetzt könnte man doch auf den revolutionären Gedanken kommen, eine allgemein zugängliche Datenbank zu schaffen, die das Vergleichen der verschiedenen Verträge mit verschiedenen Betreibern an verschiedenen Orten möglich macht. Um so eine einheitliche Preisstruktur und bessere Verhandlungsbasis zu bekommen. Das würde aber eine Zusammenarbeit der Bundesländer, der Gemeinden und Kreise bedingen -und damit haben wir es ja nicht so sehr in unserem schönen Lande.

Zur weiteren Erbauung empfehle ich das Lesen des Artikels. Was hat das nun alles mit meiner Steuererklärung zu tun? Ganz einfach. Ich orientiere mich an der Politik – schließlich gibt die ja die Richtschnur vor. Und wenn ganze Landkreise Kosten schätzen dürfen, statt sie genau aufzuführen, zu kalkulieren und zu verbuchen, dann darf ich als kleiner unbedeutender Bürger das wohl schon lange. In diesem Jahr werde ich meine Steuererklärung also Pi mal Daumen machen. Denn mir fehlt, ganz wie dem Fachmann für Finanzen des Deutschen Städtetages, „… der Überblick, welche Kosten …tatsächlich anfallen“. Da runde ich also sicherheitshalber meine Werbungs- und sonstigen Kosten ein wenig nach oben auf. Da die Städte mit ihrer Vorgehensweise ordentlich Geld fordern und erhalten, wird mir das sicher auch gelingen. Das spart mir Unmengen an Zeit und bringt Geld. Womit wir wieder am Anfang des Artikels wären: Zeit ist Geld.

 

 

Der Shanty-Chor fängt an zu graben

Am Samstag, den 30.04.16, trat der zweite AfD Vorsitzende Jörg Meuthen vor seine Deutschtümler und sagte den vermutlich folgenschwersten Satz seiner Laufbahn: „Wir wenden uns nicht gegen die Menschen. Aber wir wenden uns gegen die Massenzuwanderung, durch die wir das Land nicht mehr wiedererkennen können“.

Dies hörte der Shanty Chor „De Jungs von de Fischköppküste“ aus Hamburgs Nobelviertel Harvestehude bei ihrer Monatsendprobe. Bereits am Sonntag traf man sich zu einer Sondersitzung mit dem Thema, „Wir lassen uns doch nicht die Butter bei die Fische klauen“ und diskutierte darüber, wie man den Flüchtlingsmassen bei der Veränderung unseres Landes zuvorkommen könne. Der Leiter des Chores, Hein Böd, beteuerte, dass „wir Deutschen durchaus nicht der Hilfe von irgendwelchen Hergelaufenen bedürfen, um unser Land so nachdrücklich verändern zu können, dass es nicht mehr wiederzuerkennen ist. Das schaffen wir problemlos ganz alleine“.

Da es unter den Mitgliedern naturgegebener maßen etliche, sich im Ruhestand befindliche Anwälte, Architekten und Ingenieure gibt, so dass sich Know How mit genügend freier Zeit aufs Trefflichste verbinden konnten, nahm ein Plan rasch Gestalt an. Die Nordsee sollte umziehen! Auf das genaue Endziel konnte man sich zwar noch nicht einigen, aber dass es in den Süden gehen sollte war doch schnell klar.

Inzwischen hatten mehrere andere Shanty Chöre ihr Interesse bekundet und so entstand die heute bekannte Flutwelle der Grabenden. Gegenüber von Wilhelmshaven, am unteren Ende des Jadebusens, wechseln sich zur Zeit verschiedene Chöre der Hansestädte, unterstützt von kleinen Dorfchören aus der Gegend ab, um einen breiten Kanal Richtung Süden zu schaufeln. Ermutigt von der erfolgreichen Handhabung der Bauprobleme des Berliner Flughafens lautet ihr Credo „planing while doing“. In guter deutscher Mannschaftsmanier gräbt die Gruppe schwung- und taktvoll zu dem altbekannten Shanty: „What shall we do with the drunken sailor“ in geänderter Textform. Hier ein Abdruck des Bauarbeiterliedes:

Das wolln wir nich den Flüchtlingen überlassen,                                                                 das wolln wir nich den Flüchtlingen überlassen,                                                                   das wolln wir nich den Flüchtlingen überlassen,                                                             Somaliern oder Syrern.                                                                                                       Hebt aus, auf ihr Männer,                                                                                                    hebt aus, auf ihr Männer,                                                                                                    hebt aus, auf ihr Männer,                                                                                                      Die Nordsee zieht inn Süden“

Der etwas holperige Reim ist der Spontaneität und dem Zeitdruck geschuldet und daher verzeihlich.

Unbestätigten Meldungen zufolge sind die hessischen Grüne-Soße-Kräuter Anbauer, sowie die Apfelwein Kelterer inzwischen dabei, das Kinzigtal auszuheben und zu erweitern, um der anrückenden Nordsee in guter Willkommenskultur eine neue Heimat bieten zu können. Die Bürgermeister der umliegenden Gemeinden planen bereits den Umzug ihrer Städte auf die angrenzenden Hügel des Vogelsberges und freuen sich auf eine neue Flutwelle von Touristen.

Auch aus Bayern ist zu hören, dass die Alphornbläser und die Trachtenvereine ein gemeinsames Vorgehen überlegen, wie sie das Schloss Neu-Schwanstein an den Rhein umziehen könnten. Das würde die dortigen Burgruinen erheblich aufwerten und den Preußen mal zeigen, was ein „echtes deutsches Schloss ist“, so ein Mitglied der Tölzer-TölpelTruppe.

„Es sieht ganz so aus, als hätten wir durch unser beherztes Eingreifen eine deutschlandweite Bewegung in Gang gesetzt“, freut sich Hein Böd, “ da zeigt sich doch ganz deutlich, dass wir Deutschen niemanden brauchen, der uns sagt, wie wir unser Land zu verändern haben. Wir schaffen das. Ganz alleine!“

 

 

Liberale Abfallregelung für Flüchtlinge

http://www.zeit.de/politik/deutschland/2016-02/sichere-herkunftsstaaten-algerien-tunesien-marokko

Die klassische freudsche Fehlleistung gibt`s ja auch beim Lesen. Im Bericht über sichere Herkunftsstaaten ist immer wieder von der liberalen Altfallregelung die Rede. Mein Unbewusstes liest aber hartnäckig „Abfallregelung“. Und da ich mich bereits seit Langem darin übe, auf mein Unbewusstes zu hören, frage ich mich natürlich, warum es mir dieses Wort so penetrant vor die Füße wirft.

Vielleicht, um mir mal ein Gedankenspiel vorzuschlagen. Könnte es sein, dass die Politik eigentlich Abfallregel meint, wenn sie von Altfallregel spricht? Ich möchte hier wahrlich niemandem Böses unterstellen, aber wenn ich genau darüber nachdenke, zeigen sich doch gewisse Parallelen. Und wenn ich ehrlich bin, war das mit dem „niemand etwas Böses unterstellen wollen“ glatt gelogen. Wahr ist, dass ich niemandem etwas Böses unterstellen wollen würde, mich die tägliche Berichterstattung jedoch in diesem „wollen würden“ nicht gerade unterstützt!

So sollen laut diesem Artikel, auf Wunsch der SPD, für etwa 20.000 Menschen aus dem Maghreb, die sich vor dem 31.12. 2013 bei uns eingefunden haben, Ausnahmen zugelassen werden. Auch wenn die Maghreb Staaten nun zu sicheren Herkunftsländern erklärt werden und den Menschen aus diesen Ländern bei uns keine Bleibeperspektive (seltsames Wort) gewährt werden kann, so sollen doch diejenigen, die bereits seit mehr als 2 Jahren bei uns sind eine Aufenthaltserlaubnis erhalten.

Kling für  mich nachvollziehbar. Die Wahrscheinlichkeit, dass diese Menschen sich inzwischen hier integriert haben, die Sprache gelernt, vielleicht einen Schulabschluss oder Ausbildung gemacht oder zumindest begonnen haben, dass sie in einem Verein Fußball spielen oder sich zum Stricken treffen, dass sie deutsche Freunde gefunden und sich, wie man so schön sagt, ein neues Leben aufgebaut haben, diese Wahrscheinlichkeit ist doch nicht von der Hand zu weisen. In jedem Fall könnte man eine erfolgte Integration ja wohlwollend mit erwägen.

Jenseits der Frage, die in diesem Artikel von Pro-Asyl aufgeworfen wird, mit welcher Berechtigung man denn überhaupt auf den seltsamen Gedanken käme, Staaten, in denen gefoltert wird und Menschenrechte keine Geltung haben, zu sicheren Herkunftsstaaten zu erklären beschäftigt mich, wie sich ein klar denkender Politiker dafür entscheiden kann, Menschen, die seit längerem hier bei uns sind, so ruck zuck wieder vor die Tür zu setzen. Es braucht ja nun wahrlich nicht so furchtbar viel Phantasie, um sich vorzustellen, wie es sich anfühlen muss, über Monate und Jahre in Ungewissheit über die eigene Zukunft leben zu müssen – und dabei noch zu versuchen, halbwegs mit Begeisterung Vokabeln zu pauken. Begeisterung deshalb, weil wir die fürs Lernen brauchen, wie mittlerweile allgemein bekannt sein sollte.

Interessieren würde mich auch, wie SPD und Grüne auf eine Zahl von „etwa“ 20.000 kommen. Ich denke dabei auch an das Kontingent von den ominösen 60.000, die die EU Griechenland abnehmen und verteilen will. Das wurde  im September letzten Jahres festgelegt, und laut der Sendung „Kontraste“ vom 21.04.16 sind immerhin 769  bereits verteilt worden. Wahnsinn! Oder eben doch liberale Abfallregelung?