Hotzenplotz reloaded, oder: what if…

Die Bayern, dieses schlitzohrige Völkchen, das bierseelige Gemütlichkeit an Deutschlands südlichem Zipfel propagiert, fest gemauert in heimischer Erde, umgeben von gewaltigen Bergen und tiefgründigen Seen, das neben dem Oktoberfest auch feistes Deutschtum exportiert, erfreut sich einer beachtlichen Menge geradezu unbeschreiblicher Politiker. Nun gibt es ja den bekannten Spruch, jedes Volk verdiene die Politiker, die es hat und ich kann nur inständig hoffen, dass meine Nachbarn auf der anderen Seite des Weißwurst-Äquators da eine Ausnahme sind. Also ihre Politiker nicht verdienen, sondern das diese eher irgendwie zufällig und ganz und gar unbeabsichtigt in die jeweiligen Posten und Positionen gerutscht sind.

Wir Nicht- Bayern reiben uns schon seit einiger Zeit immer wieder verwundert die Augen, ob des irren Unfugs, den Dobrindt, Söder und Konsorten quasi im Akkord dort unten anstellen.

Erst kürzlich brachten heftige Proteste die bayerische Landesregierung dazu, ihr neues Psychiatriegesetz zu überarbeiten, da es psychisch kranke Menschen stigmatisierte und entrechtete. Kurz darauf bescherte Markus Söder uns die Posse mit dem Kreuz, hängen oder nicht hängen, das war hier die Frage. Vielleicht hatte der Gute zu oft „Oh hängt ihn auf“ gesungen. Ich hätte hier noch eine  neue Strophe im Angebot:

„Oh hängt ihn auf, oh hängt ihn auf, oh hängt ihn auf, den Herren dort am Kreuze             den Präsident, den Präsident, den Präsident verlangt es danach heute.

Oh hängt ihn auf den Präsident, oh hängt ihn auf den Präsident den Präsident verlangt es danach heute.“

Für alle, die das Lied nicht kennen, bitte hier klicken:https://www.youtube.com/watch?v=ti40P3e7GVw  

Aber ich schweife ab… ach, man kommt vor lauter bayerischem Dumfug vom Hölzchen auf´s Stöckchen. Der Grund für das neueste deutschlandweite Kopfschütteln ist das sogenannte PAG – Polizeiaufgabengesetz. Um zur Beruhigung der von Kriminalität überfluteten und gebeutelten Bevölkerung zu sorgen, kriegt die Polizei neue Aufgaben, Rechte und Eingriffsmöglichkeiten – die sie, laut ihrer eigenen Gewerkschaft, gar nicht haben will. Der Laie staunt, und der Fachmann wundert sich, besonders der, der die Statistiken betreut: die Straftaten in Bayern sind nämlich drastisch zurück gegangen! Und das lange vor neuen Gesetzen.

Trotzdem sollen Menschen ohne konkreten Verdacht überwacht und sogar hinter Gitter gebracht werden können. Ohne Anklage kann man im Freistaat über Monate auf Staatskosten wohnen. Ich kann die allgemeine Aufregung darüber sehr gut verstehen. Vielleicht verstehen es auch die Verantwortlichen, wenn man die Sache mal auf den Punkt bringt. Ein beliebtes Kinderbuch, würde es in der PAG-Welt spielen, ginge so:

Wachtmeister Dimpfelmoser besucht Großmutter, die ihn auf eine Tasse Kaffee einlädt. Kasperl und Seppel sitzen im Garten und beobachten, wie Hotzenplotz verdächtig langsam am Gartenzaun entlang schleicht, während Großmutter den Kaffee in ihrer Kaffeemühle mahlt. Pflichtgetreu informieren sie sogleich den guten Wachtmeister, der in Hotzenplotz einen möglichen Kaffeemühlenräuber erkennt und ihn sofort für die nächsten Monate im Spritzenhaus festsetzt.

Ende!

 

 

 

 

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Schatz, zeig doch mal Kontur…. ein Appell zur Bundestagswahl

Szenen einer Ehe:

Das Zusammenleben  zweier Menschen ist nicht immer vom Glück beseelt, geschweige denn einfach und leichtgängig. Da murkelt man so gemütlich vor sich hin, denkt, alles wäre wunderbar und plötzlich stehen da Dinge im Raum, spürbar, sichtbar aber – da unausgesprochen – auch prima übersehbar, die für Unsicherheit in der bis dato so sicheren Gewissheit sorgen. Wo isser denn hin, der Typus von dem Typen mit dem man da sein Leben teilt? Wie ausgewechselt, völlig anders… echt seltsam… und so gar nicht, wie man ihn gern hätte. Oder sie eben, ist völlig geschlechtsunspezifisch.

Und statt dann über das Wahrgenommene zu reden, schweigt man lieber. Was soll man auch sagen? Dass der Liebste sich gerade vom Prinzen in eine unbestimmte Mischung aus Frosch, Kröte und Lurch verwandelt? Schweigen ist generell die bessere, weil einfachere Lösung. Und im Probleme unter den gestylten Fußbodenbelag Kehren sind wir alle ziemlich versiert. So geht es auch eine ganze Weile ganz gut weiter. Beide stellen zwar eine leichte Schräglage fest, aber hey, zieht man halt statt den Tanzschuhen die Wanderstiefel an, die groben Sohlen geben dann schon Halt. Ist man eben nicht ganz so leichtfüßig unterwegs, so what!

Wunderbar, so kann man es sich gemeinsam gut einrichten. Nur, die Elefanten, die da im Raum herumlaufen, die sind ja immer noch da…und wir werden so geschmeidig und biegsam, durch die permanenten Ausweichmanöver, die wir fahren, dass wir mit der Zeit mit uns selbst gar nichts mehr zu tun haben. Wir werden zu Wackelpudding – einfach nicht zu fassen. Aber, als Wackelpudding lebt es sich ja auch nicht schlecht und so regieren manche Parteien – pardon, leben manche Paare – ihr ganzes Leben im Schleimzustand.

Es sei denn, ein Partner sagt mal die folgenschweren Worte: „Schatz, zeig doch mal Kontur.“ Dann kann es glatt passieren, dass die herum strolchenden Elefanten bemerkt, und die Themen, für die sie stehen, endlich sicht- und besprechbar werden. Und mit der Zeit verwandeln sich die Schleimbeutel zurück in handfeste Typen, mit Ecken und Kanten, Charakter und Zielen und einer Standfestigkeit, die dem jeweils anderen die Sicherheit und das Vertrauen geben, gemeinsam auch die gefährlichsten wilden Tiere befrieden zu können. Klar, das kostet Zeit, Nerven, Bemühungen. Vermutlich einhergehend mit Streit und Verletzungen. Aber sind die Versöhnungen danach bekanntlich nicht wunderschön? Ist es nicht besser, die Probleme beim Namen zu nennen, so dass sie weniger Angst machen, sondern eher die Lust auf Lösungen wecken?

Das, was jeder Paartherapeut seinen Klienten empfehlen würde, kann ziemlich eins zu eins auf unsere derzeitige politische Paarlandschaft bezogen werden. Wer nicht gänzlich verblödet oder desinteressiert ist, weiß, dass wir weder den kommenden Flüchtlingsströmen mit Mauern, noch den sozialwirtschaftlichen Ungerechtigkeiten mit Kindergelderhöhungen beikommen können. Und die  Kriegs-, Umwelt- und vom Westen verursachten Wirtschaftskatastrophen in Afrika werden binnen der nächsten Legislaturperiode genauso wenig verschwinden, wie sich die Autoindustrie nach dem Dieselskandal von schlechtem Gewissen geschüttelt läutert oder die Banken ihre cum-ex-und-hopp Geschäfte zugunsten ethischer ökonomischer Anlagemöglichkeiten aufgeben. Da treiben nicht nur Elefanten, sondern auch Nashörner und Wasserbüffel ihr Unwesen. Und dass die Globalisierung die Machtverhältnisse der Konzerne gegenüber den Nationalstaaten bis aufs Unerträglichste verschiebt ist auch nicht ganz neu.

Ebenso wenig wie die erfreuliche Tatsache, dass da eine junge, politische Generation heranwächst, die sich einmischen will, neue Wertemaßstäbe entwickelt und über so komisches Zeugs wie ein bedingungsloses Grundeinkommen, Carsharing (unglaublich, des Deutschen liebstes Spielzeug… teilen… mit fremden Menschen…und kein kleinkindhaftes „haben will“ mehr…) und mehr Sinnerleben als Markenerleben im Job nachdenkt. Eine Generation, die offen ist für Veränderungen, auch, wenn es sie persönlich etwas kostet.

Und alle diese Themen spazieren seit Jahren durch die politische Landschaft, ohne dass sie gesehen werden oder Gehör fänden. Stattdessen schwadronieren unsere Politiker über minimale Steuersenkungen, Digitalisierung, und Autobahnprivatisierung. Die Parteiprogramme taugen wunderbar als Grundlage für die nächsten Schildbürgerstreiche aber nicht als zukunftsweisende, kreative und ehrliche Strategien für die nächsten Jahrzehnte. Kein Wunder, dass man allenthalben hört, „ich habe keine Ahnung, wen ich wählen soll“. Die gängigste Erklärung ist die, dass die Parteien sich alle allzu ähnlich sind – alles Wackelpuddinge, nicht zu fassen.

Ich stell mir gerade vor, was passieren würde, wenn eine von ihnen sich tatsächlich dem unsäglich inhaltsleeren Geseiere entziehen würde, Tacheles redete, unbequeme Wahrheiten ausspräche, den Wähler (in anderen Worten: den Partner) ehrlich herausforderte, um dann gemeinsam nach Lösungen zu suchen und nach der Wahl Versöhnung respektive einen Wahlerfolg zu feiern.

Dann wüsste man, wen man wählen möchte und könnte sagen: „Schatz, schön, dass du Kontur zeigst“.

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Wenn´s unstimmig sein darf wird´s stimmig!

Was irgendwie wie ein Paradoxon klingt ist eigentlich ganz logisch. Man muss es nur mal durchdenken. Aber von Anfang an.

Neulich habe ich die Ergebnisse einer Umfrage gesehen, die von einer psychosomatischen Gesundheitsklinik bei deren Klienten durchgeführt wurde. Darin werden diese mit verschiedenen Fragen dazu animiert, über ihr Erleben und ihre Zufriedenheit sowohl mit den therapeutischen Handlungen, als auch den Grundsätzen und Haltungen, die im Hause gelebt werden und der Umsetzung dessen durch die Mitarbeiter eine Bewertung abzugeben. Das Ergebnis war beeindruckend. In Schulnoten gesprochen erhielt die Klinik bei jeder Fragestellung eine 1 minus bis 2 plus.

Dementsprechend groß war verständlicherweise die Freude aller Beteiligten. Bis einige erzählten, dass es ihnen doch ab und an während des Aufenthaltes und bei Abschlussgesprächen passiere, dass Klienten gar nicht so wunderglücklich seien, sondern vielmehr auch eine Menge Kritik an den Mann brächten.

Wie kommt das? Trauen die Klienten sich nicht, am Ende mal so richtig „vom Leder zu ziehen“ und die Ergebnisse sind somit verfälscht? Diese Annahme konnte verschiedentlich widerlegt werden und ein Erklärungsmodell für die Abweichung von rummeckern hier und loben da ist folgende:

Wenn Menschen den Raum erhalten, ihrer Kritik Ausdruck zu geben, wenn sie dafür Wertschätzung statt Abwertung erfahren, dann ändert sich zwar der Grund für besagte Kritik nicht, sehr wohl aber die Bedeutung, die jemand diesem Grund oder der Tatsache an sich zu schreibt. Aus einem Gefühl der Hilflosigkeit, Wut oder Enttäuschung kann dadurch ein Gefühl des Verständnisses und verstanden werdens entstehen, so dass der Ärger abflacht. Und nicht mehr als Elefant trampelt, sondern nur noch als süße kleine Maus trippelt.

Das heißt also da, wo ich etwas als nicht in Ordnung, nicht stimmig, nicht gut empfinde und die Möglichkeit habe, das zu benennen – ohne mich rechtfertigen, schief ansehen oder gar beschimpfen lassen zu müssen, weil ich es wage, Kritik zu üben, – findet eine wundersame Verwandlung so ziemlich ohne weiteres Zutun statt und es wird eben dann besonders stimmig wenn es auch mal nicht stimmig sein darf.

Wir verabschieden uns hier von der Perspektive des 100%igen, der Vorstellung, es müsse alles immer perfekt sein, dem Gedanken, dass Fehler möglichst zu vermeiden und wenn vorhanden, so zumindest geschickt vertuscht oder im Nachhinein mit phantastischen Rechtfertigungen und Entschuldigungen versehen werden, nur damit alles fein säuberlich rosarot und himmelblau ist. Ja, wir kennen ein solches Verhalten aus Politik und Wirtschaft nur allzu gut, aber deshalb muss es ja nicht passend sein.

Es ist auch nicht nötig, sogleich in tiefschürfende Erklärungen zu versinken oder gar nach anderen Lösungen zu suchen. Nein, es reicht für den Anfang völlig aus, wenn man dem Unstimmigen liebevoll einen Platz auf dem Sofa anbietet und ein Tässchen Kaffee einschenkt.

Nun könnte man einwerfen, es sei ja logisch, dass in einer Klinik eine solche Atmosphäre herrscht, denn schließlich ist der Umgang mit Befindlichkeiten ja deren Tagesgeschäft. Stimmt. Und es stimmt auch, dass das durchaus nicht in allen Kliniken so ist. Jetzt haben aber sicher die wenigsten Leser täglich mit Häusern dieser Art zu tun und es stellt sich daher die Frage nach der Relevanz dieses Artikels. Was aber für Kliniken gilt, gilt für alle anderen Organisationen genauso. Ob es das Finanzamt, das Bürgerbüro, der Handwerksbetrieb, das Großunternehmen oder Kita, Schule und Familienverbände, sind, überall, wo wir Menschen miteinander menscheln täte uns die Bereitschaft, Kritik anders als mit Ablehnung – und damit einhergehend meist mit Abwertung der Person des Kritikers – zu begegnen, äußerst gut.

Meckerer aller Länder – her mit euch! Hier seid ihr kritisch, hier dürft ihr´s sein! So lange ihr eure Anmerkungen wohlwollend und freundlich von euch gebt, seid ihr mir in meiner guten Stube herzlich willkommen. Und wer keinen Kaffee mag, der kriegt auch einen Tee!

 

 

 

 

 

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Ursula von der Leyen: völlig von der Rolle…

„Haltungsproblem“, „falscher Korpsgeist“ und „Führungsschwäche bei der Bundeswehr“… wie kommt die Verteidigungsministerin dazu, die gesamte Bundeswehr derart zu brüskieren?  Seit Jahrzehnten ist die rechte Problematik in der Truppe bekannt und nun auf einmal fällt sie derart aus ihrer Rolle als Oberverteidigerin unserer tapferen Jungs und Mädels, die sich beim Dienst am Vaterland den Wertesten aufreißen. Was ficht sie an?

Nun, um es mit Virgina Satir (Familientherapeutin) zu sagen: „Manchmal muss man aus der Rolle fallen, um aus der Falle zu rollen!“

Und  es war höchste Zeit, dass Flinten-Uschi sich zur Tornado-Uschi entwickelt und mal einen gewaltigen Sturm der Entrüstung entfacht. Erstaunlicherweise geht dieser in die falsche Richtung. Nicht die Beteiligten in der Bundeswehr, nicht die gesamte problematische Führungsetiquette, das falsch verstandene Bild von Untergebenheit und „Dienen“ werden vorgeführt, sondern – als kenne man das nicht schon aus ur-ur-alten Zeiten – der Überbringer der schlechten Nachricht wird geköpft. Also nicht ganz, zum Glück, bekanntlich ist die Todesstrafe zumindest bei uns verboten, aber so ganz weit weg vom Mittelalter sind wir mit unserem medialen Pranger dann ja doch nicht. Statt mit fauligem Gemüse schmeißen wir mit stinkenden Worten, die aus faulen (im Doppelsinn: gammelig und träge) Gedanken entstehen, um uns.

Nein, nein, die Gute hat nicht nur recht (und ich hätte niemals gedacht, dass ich meine nicht-Lieblingsministerin mal in Schutz nehmen würde), sie äußert sich noch dazu äußerst vorsichtig. Denn nicht nur die Bundeswehr hat ein Haltungsproblem. Die gesamte Gesellschaft hat es! Oder wie sonst ist es zu erklären, dass sich folgendes zugetragen hat – und hier entschuldige ich mich für die unappetitlichen Details, ich zitiere nur aus der ZEIT vom 04.05.15:

„… beschimpften zwei Hauptfeldwebel Soldaten als genetischen Abfall, der aussortiert gehöre und ließen sie so lange laufen, bis sie zusammenbrachen…. wurde bei der Ausbildung von Sanitätern sexistische Initiationsrituale praktiziert. Frauen hatten an einer Polestangen wie in einem Strip-Lokal vorzutanzen. Auszubildende  mussten sich einen Tampon in den Anus schieben. …Die jeweiligen Vorgesetzten waren vom Treiben ihrer Untergebenen informiert. Sie unternahmen: nichts.“

Wenn das nicht ausreichend ist für Ursulas Ausbruch, dann weiß ich auch nicht. Aber er greift zu kurz, er bezieht sich nur auf die Liga der Bundeswehrführung. Schlimm genug, dass es Menschen gibt, die sich für solche Taten und deren Vertuschung hergeben. Ist aber nicht so ganz überraschend. Was mich viel mehr entsetzt ist die Tatsache,

DASS DIESE JUNGEN MENSCHEN DAS MIT SICH HABEN MACHEN LASSEN!

Wir leben bekanntermaßen nicht in einem Terrorregime, wo Menschen keine andere Wahl haben, als zu gehorchen. Wir leben immer noch in einer Demokratie. Was ist also in der Erziehung, Entwicklung, Schul- und Ausbildung, familiärer Konstruktion, sprich: in unserer Gesellschaft schief gelaufen, dass diese jungen Leute nicht sagen können: „Nö, mit mir nicht. Mach euren Scheiß doch allein!“ Wieso fühlen sie sich dem ausgeliefert, warum fehlt der Mut, das Selbstbewusstsein, ja das Selbstverständnis, für SICH SELBST couragiert und konsequent einzutreten? Woher kommt ein solches Angstverhalten?

Ein Gespenst geht um, in unserer Gesellschaft. Und es ist nicht das Gespenst des Kommunismus. Nein, ich fürchte, es ist das Gespenst des Kapitalismus in seiner jetzigen Form, wo Markt und Geld über dem Menschenwohl stehen. Wo sich unser Leben um Macht, statt um Miteinander dreht. Wo… ach, ich könnte noch zeilen(unglücklich)lang so weitermachen, aber mein Punkt ist wohl klar geworden.

Insofern, liebe Ursula von der Leyen, rollen Sie bitte noch ein ganzes Stück weiter. Am besten einen hohen Berg hinauf. Und betrachten Sie die ganze Situation dann noch einmal aus diesem Blickwinkel. Vielleicht weitet sich dann die Perspektive!

 

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Ene mene meck und sie sind weg!

Der Räuber kam langsam, heimlich, sukzessive aber unaufhaltsam. Und auf einmal, in einem Moment, in dem ich nicht aufpasste, schlug er zu – ohne Erbarmen oder Rücksicht.

Lange hatte ich gebraucht, um meinen Schatz zusammenzutragen. Jahre! Und als er da war, begann ich ihn zu vermehren, liebevoll und beständig. Anfänglich eher noch ein kleines Schätzchen wuchs und wuchs er, erhielt mehr Substanz und Inhalt, wurde schöner und schöner und bemerkenswerter. Andere beneideten mich um ihn während ich ihn hegte und pflegte, meine Lebenszeit, ja, mein ganzes Dasein daran gab, ihn zu voller Blüte heranreifen zu lassen.

Wie Dagobert Duck in seinem Goldspeicher badete ich in ihm, umhüllte und erfüllte mich mit ihm und wie der Ring  für Gollum ist mein Schatz ein Teil von mir, dessen Verlust mich auf alle meine Urängste zurück wirft.

Und der Räuber kam leise, fast mit freundlichem Gesicht, und Stückchen für Stückchen nahm er mir das, was mir das Liebste und Teuerste ist in meinem Leben. Erst ganz unaufgeregt und später mit immer mehr Kraft und Gewalt. In kleinen Häppchen, sozusagen, bis zum unabwendbaren Finale, das an Energie und Auswirkungen einem Erdrutsch nachkommt. Und das, obwohl ich es in der letzten Zeit kommen sah…

Perspektivwechsel:

Uff, das hat jetzt echt lange gedauert. Jahre! Klar, es war auch schön, den Schatz zusammen zu tragen, ihn zu hüten und wachsen zu lassen. Aber, du lieber Himmel, es war auch anstrengend. Ich hätte nie geglaubt, wie viel Kraft, Energie, Tatkraft und Tränen es kostet, eine solche Verantwortung zu übernehmen. Und nirgends ein anderer Hüter in Sicht – für solche Schätze kann man nur selber sorgen.

Mein ganzes Leben habe ich darauf ausgerichtet, mich selber zurück genommen, verleugnet,  Wünsche und Träume verschoben oder ad acta gelegt – nur um dieses hungrige Schatz-Wesen zu füttern. Klar, es hat sich gelohnt, schön ist er geworden und ich bin der reichste Mensch auf der Welt – aber der Preis ist auch nicht gerade niedrig. Da ist zwischendurch die Frage, ob das Leben ohne diesen Schatz nicht auch ganz schön hätte sein können, ja wohl erlaubt.

Aber nun hat es sich ausgehütet, mein Schatz ist mir gestohlen worden, samt der dazugehörigen Verantwortung. Obwohl, letzteres stimmt nicht so ganz, verantwortlich fühle ich mich noch immer…und ob das jemals aufhören wird, weiß ich nicht. Ich habe da meine Zweifel. Nichtsdestotrotz, das Leben hat mich wieder, ich bin unabhängiger und freier als in den vielen Jahren meines Erwachsenen – Daseins und kann machen, was ich will. Endlich!

Der Schatz: Meine Kinder     Der Räuber: Die Zeit

Meine Kinder sind ausgezogen! Gestern. Angekündigt und unerwartet. Und ich schwanke heftig zwischen diesen beiden Gefühlslagen. Wird lange dauern, bis ich meine Balance wiedergefunden habe. Und es ist gut so, dass es so ist!

 

 

 

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Alles neu, macht die Wahl…

… oder, im schönsten Denglisch: This believe I simple not.

In der Süddeutschen Zeitung vom 15.02.17 findet man in einem Artikel zum Thema Verabschiedungsszenarien für geplante Gesetze vor der nächsten Bundestagswahl folgenden Satz: „Wenn eine Legislaturperiode zu Ende geht, verschwinden alle Gesetzesentwürfe, die nicht beschlossen sind. Sie gelten als `erledigt`.“

Daher resultiert auch der Ausbruch von Hektik oder, je nach Zielvorstellung, ob ein Gesetz genehmigt werden sollte oder nicht, ­von Verlangsamungs- und Verschleppungstaktiken bei unseren Parlamentariern.

Da werden auf der einen Seite mit allen Tricks schnell Gesetze „durch gewunken“  – in meiner inneren Welt entsteht dabei sofort das Bild eines verlassenen Bahnsteigs, irgendwo mitten in den Weiten der Heide, das hohe Gras wiegt bedächtig im säuselnden Winde und auf dem Bahnsteig steht ein einsamer junger Mann an dem in Eile ein Zug vorbeifährt, aus dessen Fenster seine Geliebte ihn mit verzweifelt schmachtenden und tränenüberströmten Augen anschaut, während er resigniert,  ein Taschentuch winkend leise „bye, bye baby, baby goodbye“ singt.

Auf der anderen Seite sehe ich diabolisch grinsende Halbstarke,  die sich immer neue Möglichkeiten ausdenken, wie sie geplante Gesetze für eine anstehende Abstimmung boykottieren könnten. Sie sitzen gefährlich lümmelnd in ausgedienten Ledersesseln, wahlweise  Bier- oder Colaflasche in der einen Hand, lässig mit der anderen auf einer Tastatur tippend und in virtuelle Welten starrend, während sie ein immer wieder eintöniges „nein, geht gerade nicht“ von sich geben. (Und wer von Ihnen, geschätzte Leser, hat jetzt nicht das Bild des eigenen pubertierenden Nachwuchses vor Augen? :-))

Aber egal, wie Ihre persönliche Bebilderung sich gerade installiert, überraschend, enttäuschend, erschreckend und geradezu trumpesk finde ich die Vorstellung, dass da eine Regierung, bestehend aus einem Haufen hoffentlich halbwegs kompetenter Politiker (die, so ganz nebenbei , von den Steuerzahlern auch nicht so ganz  miserabel bezahlt werden), über Jahre hinweg an neuen Gesetzen, Verordnungen und Erlassen bastelt, die ja alle, so sollte man meinen, dem Wohl unseres Landes dienen sollen, und die dann, wenn sich bei der Wahl die Zusammensetzung von Koalition und Parlament ändert, auf einmal in der Versenkung verschwinden. Als hätten sie nach einem bestimmten Stichtag keine Wertigkeit, keinen Sinn mehr für unsere Gesellschaft.

Natürlich verstehe ich, dass eine andere politische Gesinnung eine andere Gewichtung beinhaltet. Die berühmten neuen Besen eben… Das kann aber doch nicht heißen, dass die ganze Arbeit und der Gehirnschmalz der vorangegangenen Jahre umsonst waren! Können die Entwürfe nicht aufgegriffen, neu bearbeitet und umgestrickt werden? Das hätte ja auch den – zumindest von mir gewünschten –  Nebeneffekt, dass man bei veränderten Umweltbedingungen noch einmal ein kritisches Auge auf das bisher Gedachte werfen kann.

Das viele Papier aber als erledigt in den Schredder zu werfen? Hallo? Unser Parlament ist doch ein Ort der Entscheidungen, nicht eine Arbeitsplatzbeschaffungsmaßnahme!  Stellen Sie sich vor, jedes Mal, wenn Ihr Kind einen neuen Klassenlehrer bekommt, sagt der: „So, ich bin, was den Lehrplan und –inhalt betrifft, ganz anderer Meinung als mein Vorgänger, daher werft die alten Bücher weg, kauft Neue (das kurbelt auch gleich die Wirtschaft an, außerdem kriege ich von dem Verlag eine Vermittlungsgebühr), vergesst, was der Knilch letztes Jahr euch erzählt hat, „mer stelle ons da mal janz domm“ und fangen von vorne an“. Super, oder? Da wird aus dem G8 ganz schnell ein G18.

Bei der Vorstellung, dass es an Schulen so laufen würde, wird mir angst und bange. Und bei der Vermutung, (nach Lektüre des Artikels), dass es in der Politik anscheinend genauso läuft, beginne ich geistig meine Koffer zu packen.  Da gehe ich doch lieber in die USA. Da ist wenigstens völlig klar und eindeutig, dass die spinnen, die Politiker!

 

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Aus der Reihe: wir utilisieren dann mal das Problem…

An die Klinik…..                                                                                                                      Zu Händen der Geschäftsleitung                                                                              R……straße ..                                                                                                                   6…..   ……………

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich beziehe mich auf den Aufenthalt meines Onkels in Ihrer Klinik. Einem von Ihren Ärzten diagnostizierten und operierten Oberschenkelhalsbruch sollte 8-10 Tage nach der OP, nach Aussage des behandelnden Arztes, ein Aufenthalt in einer Rehabilitationseinrichtung folgen.

Nachdem es meinem Onkel in den Tagen nach der OP nicht gelungen ist, Kontakt zum Sozialdienst herzustellen, bin ich am Donnerstag, dem 17.11.2016 in Ihre Klinik gefahren, um gemeinsam mit ihm einen Termin bei der Dame des Sozialdienstes zu erwirken. Das ist uns auch gelungen. Sie war sehr freundlich und hilfsbereit und besorgte einen Reha Platz in einer Einrichtung. Sie teilte uns außerdem mit, dass sie noch am selben Tag einen entsprechenden Antrag an die Krankenversicherung meines Onkels zwecks Kostenübernahmezusage schicken werde.

Bis heute – eine Woche nach diesem Termin – liegt weder eine Kostenzusage vor, noch weiß die Krankenkasse irgendetwas von geplanten Reha Maßnahmen!

Soweit ich verstanden habe, ist die Stelle im Sozialdienst lediglich halbtags von nur einer Fachkraft besetzt. Sicherlich haben Sie Ihre guten Gründe für diese minimale Personalentscheidung. Soziale, kostentechnische, arbeitsplatztechnische, gesellschaftliche oder sonstige, mir im Augenblick nicht vorstellbaren Gründe. Ich respektiere Ihre Entscheidung daher durchaus, schließlich sind Sie als Geschäftsführer und Verantwortlicher für einen reibungslosen Ablauf in Ihrer Klinik sicherlich bestens informiert und entscheidungsfähig.

Es kann ja auch durchaus sinnvoll sein, Arbeiten auszulagern. Ich habe mich daher gern und – wie ich zum Zeitpunkt dieses Briefes und der Rechnungsstellung hoffe – mit Erfolg Ihres Personalmangels  und des implizit dadurch von Ihnen angebotenen Auftrags angenommen, mich um den notwendigen Reha Platz für meinen Onkel zu kümmern.

Ich stelle Ihnen hiermit meine Kosten für diese Arbeit in Rechnung in der festen Überzeugung, Ihnen, der Klinik, Ihren Mitarbeitern und den Patienten gute Dienste geleistet zu haben.

Mit freundlichen Grüßen

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Ich bin ein Dinosaurier!

Vor einigen Tagen saß ich mit einer Freundin im Café. Da piepte mein Handy, eine Whats App – Nachricht von einem gemeinsamen Freund trudelte ein. Der schrieb, er habe uns eine Mail geschickt. Das habe ich der Freundin erzählt und das Telefon weg gepackt. Sie blickte mich daraufhin erstaunt an und fragte, ob ich die Mail jetzt nicht gleich lesen wollte?

„Äh, nein“, erwiderte ich, „ich habe kein Mailprogramm auf meinem Handy.“ Sie guckte womöglich noch erstaunter. Ich erklärte ihr, dass ich weder Mails noch Facebook  mit meinem Handy abrufen könne und das das auch so gewollt und Absicht sei. Ihr Erstaunen wurde immer größer und sie sagte, DAS könne sie sich nun überhaupt nicht vorstellen und dazu hätte man ja schließlich sein Smartphone!

Dazu kann ich nur sagen, ich habe keine Lust, mir von allen möglichen Leuten und Posts diktieren zu lassen, wann ich was lese. Mails beantworte ich grundsätzlich nur vom heimischen Schreibtisch aus und auch Facebook sieht mich nur zu Hause – ich bin sicher, die können das! Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter, und lese meine Zeitung noch in Papierform. Mit weit ausgebreiteten Armen, raschelnd und knisternd, die Seiten immer passgerecht zusammenfaltend ist das für mich das halbe Lesevergnügen.

Heute war ich einkaufen, Samstag halb eins. Die Schlangen an den Kassen waren entsprechend lang. Fast jeder Zweite vertrieb sich die Wartezeit mit dem Handy. Das habe ich auch schon gemacht, nur diesmal hatte ich das Teil zu Hause vergessen. Kurze Schrecksekunde, und nun? Was soll ich nur machen, bis ich mit dem Bezahlen dran bin? Es blieb mir nichts anderes übrig als meine Mitmenschen anzugucken. Und siehe da, das war äußerst unterhaltend. Von der Mutter mit Vorschulkind, deren Diskussion über den Kauf eines kassennahen Ü-Ei´s ich mit Spannung verfolgen durfte über das Zählen der über ihre Telefone gesenkten Köpfe (es waren acht) bis hin zum Verfolgen des Begutacherprozesses von Hokaido versus Butternutkürbissen an der Gemüsetheke…Alles spannender und vor allem lebendiger als das Starren in das kleine Display.

Zu Hause las ich dann in der ZEIT vom 03.11.16 (mit breiten Armen und entsetztem Kopfschütteln) im Artikel „Ich“ von den Plänen von Google, Facebook und Co, in den „echten“ Journalismus einzusteigen. Verteilen tun sie die Nachrichten ja schon. Nun stelle ich mir vor, sie stellen sie auch her und verteilen sie dann zielgruppengerecht an den Leser. Nutzerdaten haben sie ja genug und die nötigen Algorithmen auch.  Gemäß Artikel könne das sogar so weit gehen, dass ich genau dann, wenn ich Samstag um halb eins an der Supermarktkasse stehe, eine Meldung angezeigt bekomme, die über die Genveränderung von Lebensmitteln berichtet und vielleicht sogar über bestimmte Hersteller informiert, die dieser Supermarkt zufälligerweise auch im Sortiment hat. Und das genau in der zeitlichen Länge, die ich in der Schlange stehe.

Ein Hurra auf die totale Personalisierung der Nachrichten! Jeder Nutzer erfährt genau das, was er sowieso schon weiß oder denkt. So geht dann Information: Mehr Desselben und dauernde Bestätigung der eigenen Meinung. Das sind die Social Network Scheuklappen für das Volk.

Da möchte ich doch mal an Gregory Bateson (Philosoph und Kommunikationstheoretiker – unter anderem), erinnern. Der sagte: „Informationen bestehen aus Unterschieden, die einen Unterschied machen.“ Wenn wir aber eine Gesellschaft wollen, die mit Unterschieden nicht leben will oder kann, dann sind solche Personalisierungsmaßnahmen genau der richtige Weg.

Ich will´s nicht! Da aber auch für mich gilt, der Geist ist willig aber die Gewohnheit stark, wehre ich mich gegen entstehende Gewohnheiten, die mein eigenes Denkvermögen beschränken könnten und bleibe lieber Dinosaurier.

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Das Grauen hört nicht auf

In der ZEIT vom 20.10.16 beschäftigt sich der politische Teil ausführlich mit dem Krieg in Syrien. Entsetzliche Bilder sind zu sehen, die mit der Frage daherkommen, ob es gut oder schlecht ist, sie zu zeigen. Im Sinne von hilfreich oder entwürdigend. Keiner weiß eine endgültig wahre und richtige Antwort darauf – aber die Aussage: wenn der Krieg kein Bild hat, findet er in unseren Wohnzimmern nicht statt erscheint mir so tiefgreifend, dass sich die Frage in meinen Augen gar nicht mehr stellt. Veränderung geht nur über Entsetzen. Also Welt, entsetz dich. Und zwar ganz wörtlich: ent-setz dich. Setz dich woanders hin, nicht auf  die gemütliche Couch, mit dem Cabernet Sauvignon im Kristallglas vor dir auf dem von Kerzen beleuchteten Tisch, sondern mitten hinein in den Schrecken und das Grauen.

Hinein in den Tod, die Verzweiflung, die Ohnmacht und die Wut. Die Hilflosigkeit und das Leid. Ja, ich gucke auch weg. In der ZEIT ist ein Foto, da ragt ein Kinderfuß, ein sehr kleiner Kinderfuß, von unten nach oben durch den Schutt. Man kann die Zehen erkennen. Ich muss mich überwinden, um diese Zeilen hier hinzuschreiben und meine Seele schreckt vor der Aufgabe des sich Erinnerns zurück. Ich muss sie zwingen, dazubleiben, hinzu sehen, nicht zurück zu zucken. Dabei wäre das so leicht – es gab ja schon Hunderte solcher Bilder, die konnte ich auch alle wegschieben und vergessen. Und es ändert ja auch nichts. Ob ich mir das Unansehbare und ansehe oder nicht, nicht wahr?

Wenn wir das Grauen nicht sehen, findet es nicht statt. Natürlich, wir lesen darüber, wir hören Berichte in den Nachrichten. Auch in der ZEIT stehen wohlfeile Worte von Politikern. Von Schlaflosigkeit ist die Rede, von dem steten Bemühen, den Dialog zwischen den Kriegsparteien und der UN, Europa und sonst wem aufrecht zu erhalten. Das erinnert mich an eine Formulierung, die früher in Zeugnissen stand: „Er bemühte sich stets“ und was so viel hieß wie, der bringt nichts zustande, das aber geduldig immer wieder. Schön ist auch  “ Wir müssen den größtmöglichen Druck ausüben und alles tun, um die Menschen dort zu schützen“. Schön stereotyp. Das sagen wir, das hören wir seit 5 Jahren. Und  es ändert sich auch viel – es wird immer schlimmer! Ich bin kein Politiker, ich kann nicht entscheiden, welches der beste Weg wäre, Sanktionen, Flugverbotszonen, Druck oder Dialog. Und so gern ich die Verantwortung auch an unsere oberste Riege abgeben würde, auch die sind nicht allwissend und müssen aus ihren jeweiligen Kontexten heraus Entscheidungen treffen, von denen man oft nicht wissen kann, wie das Ergebnis aussehen wird.

Und wir Bürger? Mal ehrlich, was sollen wir auch tun, hier im sicheren Deutschland? Ich persönlich kann die Flüchtlinge unterstützen, Geld spenden, mich in Diskussionen stark machen für Menschenwürde und gegen Menschenfeindlichkeit aber ich kann den Krieg „da unten“ nicht beenden. „Da unten“ klingt gut… so schön weit weg.

Was ich aber kann, ich kann mich aktiv dazu entschließen, nicht wegzuschauen, mich den vielen „na ja, schon schlimm, aber ich kann ja sowieso nichts tun und die Bilder machen mich nur depressiv“- Sagern nicht anzuschließen. Ich kann meine Augen bitten, sich die Bilder des Unansehbaren anzusehen und meine Seele, sich nicht vor dem Undenkbaren zu verschließen, sich dem Tod, der Verzweiflung, der Ohnmacht und der Wut, der  Hilflosigkeit und dem Leid der Menschen in Syrien und anderswo auszusetzen. Wenn auch mit dem Luxus, das nur für eine kurze Zeit zu tun, bevor mich mein langweiliger, sicherer, behüteter Alltag wieder einholt. Aber wenigstens in diesem Moment habe ich mich zu ihnen in den Schutt der Straße gesetzt und ihnen ihre Menschlichkeit und ihre Würde zurück gegeben. Ein kleiner Preis. Eigentlich beschämend.

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Hast du schon Ubuntu?

Reisen bildet, das weiß jedes Kind. Wer reist, erfährt viel über andere Kulturen, lernt neue Sprachen, sieht seltsame Tiere und erlebt hautnah, wie unterschiedlich Montezumas Rache ausfallen kann. Andere Länder, andere Suppen eben.

Ich war vor Kurzem in Südafrika. Das ist nun ein Land, das von dem unseren nicht nur entfernungstechnisch ziemlich weit weg ist, sondern auch in vielen anderen Hinsichten. Land und Leute sind sehr anders. Es gibt lustige Tiere und gefährliche Tiere, die Küste lässt sich mit der unsrigen so wenig vergleichen wie eine Lachsforelle mit einem Fischstäbchen, „zack-zack“ heißt auf Afrikaans „sham-scham“ und  der Cappuccino kostet die Hälfte. Die Toiletten auf den Rasthäusern können sich mit denen von 4 Sterne Hotels vergleichen und der Südafrikaner liebt Biltong – getrocknetes Rindfleisch, dessen Qualitäten ich auch nach langem Suchen nicht gefunden habe. Am Bemerkenswertesten fand ich jedoch Haltung und Lebenseinstellung der schwarzen und farbigen Bevölkerung. Die Fröhlichkeit und Freundlichkeit der bis heute noch nicht gleichberechtigten und sozial abgehängten Langzeitbewohner Südafrikas ist beeindruckend.

Unsere Reiseleiterin hat diese erstaunliche Lebenseinstellung oft und ausführlich erwähnt und belegt. Sie hatte auch ein Wort dafür. Ubuntu.

Und das hat sogar entfernt etwas mit dem Ubuntu zu tun, das uns hier viel geläufiger ist, nämlich dem kostenlosen Computer Betriebssystem, das auf dem Gedanken des gemeinsamen Verbesserns und Teilens basiert. (Und übrigens von einem Südafrikaner ins Leben gerufen wurde).

Ubuntu ist ein alter Begriff aus den Bantusprachen Zulu und Xhosa und ein Synonym für eine afrikanische Lebensphilosophie. Es bedeutet so viel wie „Menschlichkeit“ und „Nächstenliebe“, geht aber darüber noch weit hinaus.

Desmond Tutu, ehemaliger Erzbischof von Kapstadt, definierte Ubuntu folgendermaßen:

„Ein Mensch ist ein Mensch durch andere Menschen. Damit ich ich sein kann, musst du du sein können.“

Diese Haltung ist tief in der afrikanischen Mentalität verwurzelt. Wir könnten weder laufen noch sprechen, wenn wir nicht miteinander verbunden wären und voneinander lernen würden. Tutu hat eine weite – und weise – Sicht: Jungen Menschen sagte er, „die Zukunft der Welt liegen in euren Händen und darum müsst ihr dafür sorgen, dass die Welt heute sich so entwickelt, dass sie zu einer Welt wird, in der ihr eure Kinder aufwachsen sehen wollt.“ Sie sollten von einer Welt ohne Armut, Krieg und Hungersnöten träumen und diesem Traum mit ihrem Verhalten, ihrem Leben, immer ein Stückchen näher zu kommen versuchen.

Ich höre sie schon, die Skeptiker und Realisten. „Träume sind Schäume“. Na und? Selbst wenn, der blödeste Tag lässt sich in einem duftenden Schaumbad besser beenden als mit Verbitterung auf dem Sofa. Und ganz abgesehen davon, hat die Wissenschaft längst belegt, dass ein Träumen oder So-tun-als-ob ganz reale Auswirkungen hat.

Wer schon einmal dem Neurobiologen Gerald Hüther zugehört oder eins seiner Bücher gelesen hat weiß, dass die Hirnforschung uns heute genau das bestätigt. Wir denken in Bildern und die haben dann wiederum einen nicht unerheblichen Einfluss auf unsere Handlungen und Haltungen. Unser Gehirn ist weniger ein Denkapparat als ein Beziehungsorgan und miteinander wachsen und trotzdem Raum für individuelle Entwicklung haben zu können ist ein menschliches Grundbedürfnis. Der Psychiater Helm Stierlin hat dafür den Begriff „Bezogene Individuation“ geprägt, andere sprechen von der Balance zwischen dem Ich und dem Wir.

Wer Ubuntu hat (das kann man nämlich nicht sein, es ist eine innere Haltung, die man entwickelt und dann eben „hat“ – sie kann daher auch wieder verschwinden, wenn man nicht achtgibt), der lebt in der Gewissheit, dass eine Menschlichkeit, die es wert ist, so genannt zu werden, sich nicht im Spenden von Geldbeträgen, Mitgefühl oder ordnungsgemäßer Mülltrennung erschöpft. Ein Mensch mit Ubuntu kümmert sich, teilt mit dem Nachbarn mehr als nur die Haustür, hat ein natürliches Verständnis von der Ganzheit aller Lebewesen und freut sich für seinen Nächsten, wenn dieser Glück und Erfolg hat. Wohl wissend, dass es ihm selbst nicht schlechter geht, wenn es der andere besser hat, sondern dass dies im Gegenteil eine gute Auswirkung auf ihn selbst haben kann.  Wir sind in unserer westlichen Neidgesellschaft weiter davon entfernt, als ich darüber nachdenken möchte!

Es gibt auch in anderen Kulturen eigene Worte für diese Art von Lebens-Haltung. „Abrazo“ aus dem Spanischen heißt nicht nur Umarmung, sondern beschreibt auch die sehr intime Erfahrung von Verbindung, Gemeinschaft und Akzeptanz, die in bestimmten Momenten entstehen kann, und das daraus erwachsende Gefühl von Sinnerleben und Zugehörigkeit.

Indianische Stämme aus Arizona und NW Mexiko haben dafür den Begriff „himdag“. Er bezeichnet ein Geschenk des Schöpfers, welches aus einer lebenslangen Reise besteht, während der der Mensch  Wege zu finden sucht, um nicht nur mit sich selbst in Balance zu sein, sondern auch mit seinen Mitmenschen, der Natur allgemein und natürlich Gott.

Die Holländer benutzen das uns bekannte Wort „gezellig“, welches jenseits von weinseligen Tafelrunden eine Zusammenkunft und ein Zusammensein meint, in dem wir uns aufgehoben fühlen, zeitlos, willkommen und beschützt, wo Toleranz und Offenheit herrschen. Ganz allgemein gesprochen: ein Ort, eine Begegnung, wo uns Gutes umgibt und gute Dinge passieren.

Im Zeitalter von Bürgerkriegen, Hungersnöten, und einer weltweiten Flüchtlingsbewegung, wäre es da nicht wunderbar, wenn die Menschheit eine Grundhaltung entwickelte, die auf wechselseitigem Respekt beruht? Auf gegenseitiger Anerkennung und der Zugrundelegung der Menschenwürde für jeden von uns?

Zum Abschluss daher der ultimative Tipp für den Fall, dass euch mal ein Dschinn begegnet, der euch einen Wunsch erfüllen wollte: Nehmt euch ein Beispiel am südafrikanischen Verfassungsgericht, welches diese Haltung in der Verfassung verankern möchte: Wünscht euch Ubuntu für alle.

Ach ja, und noch ein Nachsatz. In der ruandischen und burundischen Sprache bedeutet Ubuntu auch „gratis“. Wenn das die Sache mal nicht vereinfacht!

 

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