Ich hätte gern einen Beipackzettel für gesunden Menschenverstand

Warum? Weil, was einen Beipackzettel hat, auch verschrieben werden kann. Und das täte ich mit gesundem Menschenverstand ab und an ganz gern!

Kürzlich las in in der ZEIT einen Artikel mit der Überschrift:                     „Beipackzettel für die Psychotherapie“.

Es ging darin um die Erkenntnis, dass eine Therapie auch Nebenwirkungen haben könnte. Das Patienten nach einer Therapie sich zum Beispiel von ihrem Partner trennen, ihren Job wechseln oder sich im schlimmsten Fall sogar suizidieren. Dazu sind mir ganz besonders drei Dinge aufgefallen:

1. Wir gehen automatisch davon aus, dass Nebenwirkungen etwas negatives sind. Warum? Eine Nebenwirkung ist einfach nur eine Wirkung neben einer anderen. Und das eine wirkungsfreie Therapie keine erfolgreiche sein kann, ist ja wohl klar. Also hat mich beim Lesen die Frage beschäftigt, warum hier keine genauere Definition vorgenommen wurde. Wie soll, wie in dem Artikel gefordert, ein Meldesystem für Nebenwirkungen installiert werden, wenn nicht einmal jeder die gleiche Definition von Nebenwirkungen hat? Wann ist eine Nebenwirkung eine schlechte? Der Patient, der sich nach einer Therapie wegen Depression von seiner Partnerin trennt und nach der Trennung einen – vieilleicht auch ganz natürlichen – Trauerprozess durchmacht, leidet der unter einer guten oder schlechten Nebenwirkung? Wenn die Beziehung ein Stabilisator für die Depression war, ist er dann jetzt nicht sozusagen „besser dran“? Wie kann ich das genau beurteilen, geschweige denn erfassen?

2. Wie kann es sein, dass diese Erkenntnis also solche postuliert wird? Ist es nicht völlig logisch, dass JEDE Veränderung eine Wirkung (und zwar nicht nur eine sondern viele, also sozusagen eine plus viele( Neben-)Wirkungen) hat? Wie kann ich therapeutisch arbeiten, ohne mir dessen bewusst zu sein? Und, schlimmer, wie kann es passieren, dass ich Patienten nicht darauf hinweise, welche Auswirkung eine Veränderung haben könnte? Oder, weil man das „welche“ ja nicht immer benennen kann, zumindest DAS es welche geben könnte? Und mit ihnen  zusammen zu untersuchen, ob diese Auswirkungen für sie tragbar sein könnten? Oder eben nicht? So dass mein Patient dann eine Wahl hat zwischen                                                                                                                                          a) Teile des Symptoms zu behalten, um die Art und Weise der Auswirkungen zu beeinflussen und                                                                                                                                 b) diese Auswirkungen eben in Kauf zu nehmen?

3. Einer der genannten Gründe für ein fehlendes Meldesystem oder Beipackzettel ist, laut dem Artikel, die Tatsache, dass viele Therapeuten sich ungern mit dem Thema beschäftigen aus Angst davor, ihr eigenes Tun kritisch hinterfragen zu müssen. Es wäre wünschenswert, wenn diese Therapeuten, bevor sie weiter Hilfesuchende behandeln, erst einmal selbst nach sich schauen würden. Am besten abseits der eigenen Therapiegebiete. Vielleicht bei Gunther Schmidt, Dr. der Psychiatrie und unter anderem Leiter des Erickson Institutes Heidelberg, dessen Stimme ich deutlich im Ohr habe, wenn er seinen Klienten eindringlich rät: „Aber denken Sie an die Auswirkungen, Auswirkungen, Auswirkungen….“

Sonst dichte ich den bekannten Ausruf Einheimischer aller Welt:  „Gott schütze mich vor Sturm und Wind und Deutschen, die im Ausland sind“  um in:                    “  Gott schütze mich vor Sturm und Wind und Therapeuten, die in Ängsten sind“

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