Ich wäre so gern stolz auf Deutschland… denn dann könnte ich mich schämen!

Leider bin ich nicht stolz auf mein Land. Das hängt nicht mit der Qualität von Regierung, Umwelt oder sonstigem zusammen sondern mit meiner Einstellung: ich habe keinen Grund, stolz auf Deutschland zu sein, weil ich nichts für dieses Land tue. Ich engagiere mich weder politisch noch sozial in größerem Umfang. Ich halte zwar die Gesetze ein (meist sogar die Straßenverkehrsordnung), trenne meinen Müll und werfe ihn auch nicht irgendwo hin. Ich bemühe mich ums Energiesparen und fahre lieber mit dem Rad als mit dem Auto. Aber das sind meine persönlichen Grundwerte, die ich in jedem Land auf der Welt leben wollen würde. Das hat nichts mit Deutschland zu tun.

Worauf sollte ich also stolz sein? Ich bin zufällig hier geboren und wenn ich es mir aussuchen könnte, wäre ich lieber Neuseeländer.

Stolz bin ich auf meine Kinder, an denen habe ich zumindest einen kleinen Anteil. Stolz bin ich, wenn nach einem Seminar ein Teilnehmer zu mir kommt und sagt, er hätte auf unterhaltsame Weise Neues erfahren. Wenn mir etwas gut gelungen ist, wenn ich in einer vertrackten Situation über mich lachen kann, wenn ich es schaffe, das spannende Buch links liegen zu lassen und statt dessen die Fenster zu putzen, ja dann bin ich stolz. Auf mich. Manchmal bin ich auch stolz auf meine Katze, die so eine tolle Mäusefängerin ist (auch wenn ihre Lernbereitschaft, was das Belassen besagter Mäuse im Garten anbelangt, nur wenig ausgeprägt ist!). Aber damit hat es sich auch mit dem Stolzsein.

Bisher fand ich meine Einstellung ganz vernünftig. Und praktisch. Ich laufe nicht Gefahr, in irgendwelche Menschengruppen zu geraten, die sich für deutsche Tugenden ereifern oder lauthals unsere Nationalhymne schmettern.

Heute allerdings, beim Lesen des ZEIT Artikels „Vernichtet und Verramscht“ (Zeit Nr.41/2014) stelle ich fest, dass das Unstolze in mir verhindert, dass ich mich für Deutschland schämen kann. Und das ist ein Jammer. Dann hätte ich nämlich einen Kanal, in den ich meine Wut und meinen Frust über „uns Deutsche“,  die Gesellschaft im Allgemeinen und Wirtschaft und Politik im Besonderen lenken könnte!

Der Autor beschreibt in diesem Artikel, welche Schwierigkeiten viele europäischen Länder mit den Sanktionen gegen Russland haben. Der Absatzmarkt für Milch- und Agrarprodukte bei Putin fällt weg, Äpfel vergammeln, Käse verschimmelt und die Transportunternehmer drehen Däumchen. Deutschland hat sich mit seiner Sanktionspolitik im Vergleich zu anderen Ländern sehr zögerlich verhalten. Obwohl unser Anteil an den betroffenen Sanktionen im Agrarbereich bei lediglich 4 % liegt. Für Litauen dagegen schlagen sie mit 41% zu Buche. Trotzdem waren die Litauer deutlich für die Sanktionen. Nach dem Motto „wasch mir den Pelz und mach mich ordentlich nass“ sehen sie ihre Verantwortung weit über wirtschaftliches Denken hinaus gehen. Wer internationale Regeln bricht, muss eben auch international bestraft werden. Punkt.

Ich beneide die Menschen dort um ihre geradlinige Regierung. Und wer weiß, wäre ich Litauer, könnte ich meine Einstellung vielleicht ändern und  auf mein Land womöglich tatsächlich ein bisschen stolz sein…

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