„Ich schäle fast täglich meine Seele“ (Fritz Raddatz)

Im Januar stellte ich mir in meinem Artikel „Gleichberechtigung auch für den Tod?“ die Frage: “ Möchte ich diese Verantwortung zu einem Ja oder Nein wirklich haben?“

In der ZEIT vom 19. März 2015 beschreibt Fritz J. Raddatz, wie es in ihm in den Monaten vor seinem freiwillig gewählten Todesdatum aussieht. Sehr schonungslos, sehr offen, sehr bewegend. Nicht so sehr, weil ich nun, wo ich das lese weiß, dass er tot ist sondern weil mich tiefes Mitgefühl erfasst für einen Menschen, der zu diesem Zeitpunkt, an dem er das schreibt,  noch lebt und mit den Umständen dieses Lebens klarkommen muss. Und es ist in diesem Zusammenhang wohl nicht falsch, von abgrundtiefem Mitgefühl zu sprechen.

Denn beim Lesen dieser so entwaffnend ehrlichen Tagebucheinträge sehe ich vor meinem inneren Auge das Bild eines Mannes, der in jeder Minute, die nach der Entscheidung zum Freitod vergeht, vor einem Abgrund steht. Und in diesem lauert nicht etwa der Sensenmann, das Vergessen, das Endgültige. Nein, dort sehe ich den Kampf und die schwindende Kraft, die es kostet, all die verbleibende Zeit Theater spielen zu müssen. Sich verschließen zu müssen gegenüber den Menschen, die einem am nächsten sind.

Er beschreibt als ein großes Problem, die vielen Monate, die es dauert, von der getroffenen Entscheidung bis zur Ausführung, in denen er „normal“ zu sein versucht. Nicht etwa, um das Kommende zu verdrängen, sondern um die Menschen um ihn herum vor Angst und Trauer zu schützen, so lange es geht. Und ich stelle mir vor, ich wäre dieser Mensch und würde, um in dem beschriebenen Bild zu bleiben, immer nur einen Schritt hinter ihm herlaufen können, weil er mir in seinem Wissen und seinen Gedanken eben immer diesen einen entscheidenden Schritt voraus ist.

Aus der Chronik geht deutlich hervor, mit wieviel Sorgfalt und Liebe hier jemand seinen Abschied vorbereitet. Und ich stelle mir die Frage, ob ich, als Zurückgebliebener mir nicht weniger Schonung, sondern mehr Mit-erLeben gewünscht hätte? Vermutlich hätte ich.

Nun sind das alles selbstverständlich Entscheidungen, die zutiefst persönlich getroffen werden. Und getroffen werden sollen. Aber ich stelle mir doch die Frage, ob ein offeneres Umgehen mit dem Tod in unserer Gesellschaft es nicht leichter machen würde, sich anzuvertrauen. Wenn es selbstverständlicher wäre, sein eigenes Leben nach eigenem Ermessen beenden zu dürfen (gemäß entsprechenden moralisch-gesetzlichen Regeln und nicht willkürlich),  wenn es akzeptierter wäre in unserem Umfeld, könnte es doch sein, dass den Menschen, die diesen Weg wählen, sehr viel Einsamkeit erspart und sehr viel Kraft für andere Dinge erhalten bliebe.

Dann würde in einer solchen Chronik vielleicht weniger davon zu lesen sein, wie schwer es ist, immer wieder heimlich von Dingen, Orten und Menschen  Abschied nehmen zu müssen sondern mehr davon, wie schön solche Abschiede gestaltet werden können. Mit dem Gefühl von Verbundenheit, Dankbarkeit und auch einem Lachen, statt dem Gefühl des Verrates.

Raddatz beschreibt, wie er seine „Seele fast täglich schält“ und ich glaube, dass ich das nur dann durchleiden könnte, wenn ich diesen immer wiederkehrenden Abschiedsprozess nicht allein durchstehen müsste. Die Vorstellung aber, einen einmal fest gefassten Entschluss immer wieder verteidigen zu müssen, weil meine Lieben mir ihn, verständlicherweise natürlich, auszureden versuchen, könnte ich nicht ertragen. Und würde daher wohl auch schweigen.

Die aktuelle Politik des Verbietens, Verteufelns und des moralischen Entwertens ist eine zusätzliche schwere Bürde für alle, die ohnehin schon mit der Trauer und dem Verlust umgehen müssen. Und die Frage, ob der Staat zuständig für die Errichtung und Aufrechterhaltung solcher Bürden ist, die würde ich verneinen.

 

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Sensationeller Fund: Die Bildungsoffensive versteckte sich jahrelang im Supermarkt

Letzte Woche war ich für eine Lesung meines Buches auf der Buchmesse in Leipzig. Das war spannend, ist hier aber nicht das Thema.

Mein Verlag hatte mich in einem sehr schönen Hotel  am Stadtrand untergebracht und da ich lieber mit vielen im Bus als allein im Taxi sitze, bin ich mit eben diesem – Bus – zur Messe gefahren. Und auf dem Weg machte ich die unglaublichste Entdeckung: Die Bildungsoffensive, von der unsere Regierung seit langem spricht (nein, ich will nicht behaupten, sie „schwärme“) und für die sie über sechs Milliarden Euro zur Verfügung stellt, diese Bildungsoffensive hat sich all die Jahre versteckt. In mindestens einem, vermutlich jedoch mehreren Supermärkten und Einkaufstempeln. Woher ich das weiß? Ganz einfach. Während ich mit dem Bus so durch Leipzig zockele schaue ich neugierig – nein, was sage ich da, interessiert – aus dem Fenster. Und sehe mehrere graue, triste, gleichmäßig verfallen aussehende Gebäude an mir vorbei ziehen. Und nein, das waren keine Wohnblocks, wie man aus dieser Beschreibung vielleicht fälschlicherweise entnehmen könnte. Dafür waren die Fenster zu groß und die Höfe dazwischen zu grau.

Eine Schule, denke ich so bei mir, vermutlich längst verlassen und verödet, eines neuen Investoren harrend. Aber nein, mitnichten verlassen. Aus mehreren Räumen schimmerte Licht, ich sah Tafeln und lehrer- und schülerähnliche Wesen.

Eine Schule, denke ich also, aber NICHT verlassen? Wie kann das sein? Was muten wir unseren Kindern zu? In einem solchen Etablissement könnte man bestenfalls dann mit Begeisterung lernen, wenn der Lehrstoff genaue Anweisungen für die zügig anstehende  Auswanderung zum Inhalt hätte!

Wo geht es also hin, das viele Geld? Ein paar Meter weiter wurde das Rätsel gelöst: da baut, direkt auf dem Nachbargrundstück, eine Supermarktkette einen, genau, Supermarkt. Todschick, ökologisch wertvoll und natürlich „grün“. Sieht aus, wie die TV Serie heißt: „edel und stark“! Wenn da nicht das Supermarkt Logo gewesen wäre hätte ich gedacht, es würde ein neuer Wellnesstempel. Wäre ja logisch gewesen, die frustrierten und begeisterungsberaubten Lehrer und Schüler von nebenan könnten sich so wenigstens ein bisschen erholen…

Och nee, ich weiß schon, Geld ist Geld und Schnaps ist Schnaps und was der Bund ausgibt und wofür hat nix zu tun mit dem, was die Wirtschaft ausgibt. Trotzdem kann ich nicht umhin mich zu fragen, zu welchen Leistungen unsere jungen Leute fähig wären, wenn sie in anregender statt abstoßender Umgebung lernen und studieren dürften. Wenn ich mir manche Lehr-„Anstalten“ so anschaue ist es ein Wunder, dass wir in Deutschland über eine Akademiker Schwemme klagen können.

Und ja, der Titel dieser Kolumne ist unlogisch und irreführend. Aber ich wollte so gern auch mal einen Header wie die BILD haben….

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Kopf und zahlen

Ein Dank an den großen weißen Vogel. Nein, ich meine nicht die dumme Gans sondern den weisen Raben, der mir diesen wunderbaren Link geschickt hat:

www.welt.de/vermischtes/article137912632/2017-soll-der-erste-Kopf-transplantiert-werden.html?wtrid=newsletter.wasdieweltbewegt.newsteaser…meistgelesen#disqus_thread

Der Artikel selbst ist lesenswert. Ein Arzt hat die Idee und versucht diese auch umzusetzen, kranke Köpfe auf gesunde Körper zu transplantieren. Äh, nee, so natürlich nicht. Da kann man mal sehen, wie verwirrend das Ganze ist. Also nochmal: aus Mensch A: gesunder Kopf und kranker Körper und Mensch B: Kopf egal aber gesunder Körper Mensch C zu machen: Kopf von A auf Körper von B

Erinnert mich ein bisschen an ein Spiel, das ich als Kind hatte. Da gab es verschiedenfarbige Pappfische, die waren in 6 Teile unterteilt und man musste mit Hilfe eines Würfels den ganzen Fisch zusammenbasteln. Wenn es unterschiedliche Fischteile waren, sahen die ziemlich schräg aus. Hat Spaß gemacht! Vielleicht hat der besagte Arzt früher nie mit diesem Spiel, das vermutlich seinem älteren Bruder gehört hat, der, mit seinen Freunden, die der Arzt, damals kleiner Bube, naturgemäß sehr bewundert hat, diese Spiel ganz oft gespielt hat, mitspielen dürfen. Oder so ähnlich. Hobbypsychologie macht echt Spaß!

Na jedenfalls, soweit so unvorstellbar. Noch viel schöner als der Artikel an sich sind die vielen Kommentare, die sich anschließen. Sehr schnell entwickeln sich da Diskussionen, die komplett vom Thema abweichen. Es geht zwar auch um die ethische Frage, ob alles, was machbar ist, auch gemacht werden solle. Und ob es nicht doch Sinn macht, die Medizin erst einfach mal machen zu lassen und über die Ethik später nachzudenken – schließlich sind wir so von dem- im Grunde  noch harmlosen –  Aderlass weg gekommen!

Dann aber machen sich andere Fronten, religiöse und verbohrte,  in der Schlacht um die Zeilen stark. Gott ja oder nein. Haben Gläubige wirklich keine Angst vor dem Tod – wohingegen die armen Agnostiker Zeit ihres Lebens bibbern müssen? Wo sitzt die Seele, was ist das Bewusstsein bis hin zu dem Vorwurf, dieser Arzt wolle sich lediglich profilieren (wie oft der Kommentator mit dem guten Doktor schon beim Tee zusammen saß wird nicht verraten) und dem Verdacht, wenn es denn gelänge wäre das sowieso nur wieder was für das reiche Pack! Ach ja, und auch schön die Theorie, dass man für die Gelder, die diese Forschung bindet (wieviel ist das überhaupt?) ja anderswo für´n Groschen Leben retten könnte.

Sehr schön zu lesen 🙂

Ich möchte hier nur mal zu bedenken geben, dass es Forschungsgebiete jeder Couleur gibt. Und es ist mir persönlich lieber, da schnippelt einer an Nervensträngen als an Nervengiften rum. Schon allein aus dem Grund weil ich glaube, dass die Stränge leichter zu kontrollieren sind, als die Gifte.

Nein, mit meinem heutigen Wissen und meiner inneren Haltung kann ich mir nicht vorstellen, dass ich einer solchen Transplantation zustimmen würde. Für mich! Aber wer bin ich, dass ich die Idee grundsätzlich verbieten dürfte? Wenn es nach mir gegangen wäre, hätten wir heute auch kein Internet, sondern pilgerten nach wie vor in große, schöne, ruhige Bibliotheken…. (und trotzdem habe ich heute Spaß an dem Ding).

Eine Anmerkung habe ich aber noch zum Schluss: die Vorstellung, man hätte den Kopf von Mark Twain oder Kurt Tucholsky immer wieder auf neue Körper montieren können, so dass ich heute mit den beiden im Kaffeehaus zu einem Plausch sitzen dürfte, die finde ich gar nicht so schlecht 🙂

Ein Leser wies mich aber darauf hin, dass sich das – den Kopf über viele Jahrzehnte frisch und fit zu halten – nun aber wirklich nur die ganz Reichen würden leisten können. Womit sich der Kreis zu den Kommentaren wieder schließt.

 

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