Raschida, lass dein Haar herunter…

Im Frühjahr verkündete das Verfassungsgericht, dass es sich nicht so ganz entscheiden könne. Es ging – und geht irgendwie immer noch – um das Tragen eines Kopftuches von Lehrerinnen. Ein klares Ja oder Nein war also im März selbst von unserer obersten Instanz nicht zu kriegen. Frei nach Radio Eriwan hieß es, im Prinzip ja, aber nur, solange der Schulfriede nicht gestört wird. Letztlich entscheidet also nicht das Gericht, sondern die Schule.

Ähem, danke für diese Zweideutigkeit. Das Verlagern von Verantwortlichkeiten ist ja beileibe nicht unüblich in unserer Gesellschaft. Die Schulen tun mir leid. Die Rektoren tun mir leid (Rektorinnen auch, aber ich habe so meine Probleme mit der schriftlichen Umsetzung aller Gendererkenntnisse. Daher halte ich an alten Gewohnheiten fest, ist ja auch viel leichter :-)). Die Lehrerinnen (betrifft ja in diesem Fall nur die Frauen!) tun mir leid. Und auch die Schüler, die Eltern, die jetzt alle in vermutlich ungewollte Debatten verstrickt werden könnten, die tun mir auch leid.

Schon als das Urteil im März bekannt wurde, diskutierte ich lange mit einer Freundin darüber, ob Kopftuch nun okay sei, oder nicht. Ich gebe zu, anfänglich dachte ich, pff, was soll´s, ist doch mir egal, welcher Mode die da anhängen, Nasenringe und anderes Gepierce ist auch nicht mein Fall. Aber nach langem Abwägen des Für und Wider habe ich meine Meinung geändert. Ich bin gegen das Kopftuch in unseren Schulen. Und zwar nicht nur, weil das Tragen dieses eigentlich so unscheinbaren Stücks Stoff in vielen Köpfen Bilder von unterdrückten Frauen entstehen lässt. Auch nicht nur, weil es die Befürchtung gibt, dass Mädchen, die sich nicht verwickeln wollen, sich anfeindbar machen, sich Druck ausgesetzt sehen könnten, der von strenggläubigen anderen, meist Männern, gelegentlich auch Frauen oder Jüngelchen auf dem Schulhof, ausgeübt wird.

Alles gute Gründe, aber für mich nicht ausschlaggebend. Das schlagkräftigste Argument für ein Kopftuchverbot, lieferte mir jüngst die Aussage einer muslimischen Pädagogin. Sie sagt in einem ZEIT Interview,(3.6.15) das Kopftuch sei für sie wie ein Gebet. In ihrer Lesart steht im Koran, es sei Vorschrift es zu tragen. Andere könnten ja was anderes herauslesen.

Soweit so unspektakulär. Immerhin sagt sie ganz deutlich, dass ihre Wirklichkeit nicht die von anderen sein muss. Eine sehr sympathische und systemische Haltung. So ein bisschen wie „leben und leben lassen“. Nichtsdestotrotz entstehen in mir innere Bilder, die die Aussage, Kopftuch = Gebet in einen Film verwandeln, in dem viele  gläubige Menschen aus allen möglichen Religionen durch unsere Städte wandern und jeder seine Art von Gebet spricht, Mantras singt, Ommm´t oder was auch sonst noch so im Angebot aus dem Bereich Andacht, Flehen, Fürbitte zu finden ist. Erinnert mich an Babel. Und würde mich von jeder Shopping Tour abhalten!

Aber was mich noch mehr erschreckt ist die Konsequenz, mit der sie das Kopftuch trägt, selbst auf Bitten der Familie, es zu besonderen Anlässen nicht zu tragen, legt sie es nicht ab. In dem Artikel wird von Frauen berichtet, die lieber auf den Beruf verzichten, als auf das, was sie dem Koran entnommen haben… obwohl gar nicht so klar ist, ob der das auch so meint.

Und das ist es, diese Unfähigkeit, fünfe auch mal gerade sein zu lassen. Eine, wohlgemerkt selbst erlassene, Regel zum Wohle von anderen und sich selbst auch mal zu biegen. Zu balancieren zwischen der inneren, religiösen Welt und der äußeren, die mit anderen Menschen und deren Ansichten geteilt werden muss. Ein sich einstellen können auf andere Gegebenheiten. Frei nach dem Motto: „When in rome do as the romans.“

Jede Art von Kompromisslosigkeit ist mir suspekt, ja sogar zuwider. Es entspricht nicht meiner Auffassung von gelingendem Leben.

Ich wünsche mir, dass meine Kinder auch in der Schule lernen, dass es einer gewissen täglichen Flexibilität bedarf, dass sie in sich selbst sehr sicher sein und trotzdem (oder gerade deshalb) auf diese Sicherheit im Außen auch mal verzichten können.

Ich glaube nicht, dass man dass unter einem Kopftuch mit Ausschließlichkeitsanspruch er-leben, geschweige denn vor-leben kann. Es könnte mir glatt egal sein, meine Kinder sind zu alt (und dank der nahezu perfekten Mutter zu selbstbewusst, integer, intelligent, kritisch und allgemein zu aufmüpfig….:-)) um sich indoktrinieren zu lassen. Aber ich halte jede Zustimmung zu einengendem Denken oder Verhalten für gefährlich für die Entwicklung einer liberalen, kompromiss- und fehlerfröhlichen Gesellschaft.

Daher in der Schule bitte ohne Tuch. Aber gern mit vielen Diskussionen über Unterschiedlichkeiten.

 

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