Schlupfloch, mein Unwort des Jahres 2015. Und 2014. Und 2013. Und……

Aber, bevor ich da in die Tiefe gehe, gucken wir doch erst mal bei Wikipedia, was ein Schlupfloch überhaupt ist:

„Ein Schlupfloch ist…ein Durchgang oder Ort, durch, aus dem oder in den man nur durch Verbiegen des Körpers gelangen kann, oftmals nur durch das Entlangschleifen des Körpers an den Wänden und/oder der Decke. Im weiteren… Sinn ist es auch eine Möglichkeit für Mensch oder Tier, knapp einer Gefahr, unangenehmen Situation, einem persönlichen Nachteil etc. zu entkommen.“

Man kann Schlupflöcher finden, sie schließen, erweitern oder auch kreieren. Auch Öffnungen in Vogelnestern nennt man so und im literarischen Kontext setzt man „dramaturgische Schlupflöcher“ ein, um Spannung zu erzeugen und scheinbar ausweglose Situationen (respektive Regelungen, Verordnungen, Gesetze)  entstehen zu lassen. Es handelt sich dabei also um Vorspiegelung falscher Tatsachen. Der Zuschauer (Bürger) wird dazu verleitet, zu glauben, der Held (das Gesetz) ginge nun endgültig drauf (wäre wasserdicht und gleich gültig. Statt gleichgültig!).

Johann Christoph Adelung, Germanist aus dem 18. Jh., hat bereits damals den Schlupfwinkel beschrieben als …“verborgener Ort, in welchem man sich aus schädlichen oder bösen Absichten verbirgt.“ Ein Schelm, der Böses   –   und politisch-wirtschafliches   –   dabei denkt!

Es gibt also seit kurzem ein neues Schlupfloch in unserem europäischen Weltgeschehen. Eines für Flüchtlinge. Nein, nicht die aus Syrien. Sondern für die Wirtschaftsflüchtlinge. Nein, auch nicht die aus den „sicheren“ Herkunftsländern, wie Afghanistan, Mazedonien oder Serbien. Nein, nein,  das Schlupfloch, das ich meine, ist für Wirtschaftsflüchtlinge aus den Telekommunikations- und Netzbereichfirmen.

Es geht um die vom EU-Parlament gerade beschlossenen „Netzneutralitätsregeln“.  Ich gebe zu, ich  liebe die Erfinder politisch nichtssagender Totschlagbegriffe. In Amerika gibt es zum Beispiel ein Wort für das Verhalten von Leuten, die andere mit kaum nachprüfbaren Statistiken zum hoffnungslosen Stillschweigen in jeder Diskussion verdammen: „wonk“. Man kann also jemanden mit irgendwelchen Zahlen „outwonken“, wenn einem selbst keine Argumente mehr einfallen. Für unsere deutschen Politik-(un)-fachbegriffe schlage ich daher das „ponk“ vor 🙂

Hinter den Netzneutralitätsregeln verbergen sich Sachen wie:

Roamingebühren. Die sollen ab 2017 endlich ganz abgeschafft werden, davor deutlich sinken. Die Voraussetzungen dafür sind aber noch nicht so ganz geschaffen… erinnert fatal an Bauprojekte an der Elbe und der  Spree….  Das hindert unseren allseits beliebten und streng logisch handelnden Verkehrsminister Dobrindt jedoch nicht daran, zu behaupten, dass es künftig für Nutzer völlig egal ist, über welche Ländergrenze sie gerade gefahren sind. Ist halt wie mit der Maut: gleiches Recht für alle. Außer für manche! (So heißt es sinnigerweise auch bei heise.de zum Thema, dass es „zu viele Schlupflöcher für Mautstraßen im Netz gebe“! Grins).

Und es geht um Neutralität im Netz, was soviel heißt, dass Datenpakete in gleicher Geschwindigkeit weitergeleitet werden, ungeachtet von Größe und Inhalt. Völlig neutral eben. Eine gute Erklärung findet man hier

Ein Schlupfloch für die Datenweiterleiter ist in diesen neu verabschiedeten Regeln zum Beispiel die Tatsache, dass Firmen wie die Deutsche Telekom sogenannte „Spezialdienste“ gesondert anbieten – und abrechnen! – dürfen. Diese Unternehmen können dann eine staufreie Überholspur im Netz vermarkten, sie können bestimmte Inhalte einfach nicht auf das verfügbare Datenvolumen des Nutzers anrechnen (passiert schon bei facebook und Konsorten),  andere Inhalte wiederum können beschleunigt, verlangsamt oder ganz gesperrt werden und, falls Telekom und Co das Gefühl haben, es könne eine Netzüberlastung drohen! (Im Zweifel für die Überlastung :-)), kann die Übertragungsgeschwindigkeit mal fix herab gesetzt werden. So sicherheitshalber mal zur Sicherheit!

Zusammenfassend könnte man sagen, den Netzbetreibern steht es frei, die Daten so zu benennen und zu behandeln, dass sie den maximalen Profit generieren. Kein Wunder dass der Telekom Chef Höttges den gefundenen Kompromiss für durchaus ausgewogen hält…

Auch die Rechtskonservativen in England sind recht(s) angetan von der neuen EU Regel,  getreu dem Motto:     „no sex please, we are british and very, very old— fashioned“,    freuen die sich besonders darüber, dass die nationalen! Porno-Filter zum Jugendschutz beibehalten werden dürfen. Auf der Insel muss sich anmelden, wer pornografische Seiten besuchen möchte – er muss sich also, passend zum Guckwunsch, nackig machen! Wer das nicht tut, kriegt Filter vor die virtuelle Nase gesetzt, die bestimmte Seiten sperren. Das hat absurde Auswüchse. So wurde zum Beispiel – Zitat von zeit.de, „…auch die Website der Parlamentsabgeordneten Claire Perry gesperrt wurde. Sie gehört zu den Befürwortern der Netzzensur, weshalb Begriffe wie Pornografie und Sex auf ihrer Seite vergleichsweise häufig zu lesen sind.“ 

Wer mag, kann auf zeit online noch mehr Vergnügliches dazu finden.

Und da sieht man es mal wieder, nicht alles, was der Staat regeln kann, sollte er auch regeln dürfen!

Und was die ponks betrifft, die findet man als Schlupfloch unter anderem auch bei der Rente, den Steuergesetzen, dem Mindestlohn, dem Kindesunterhalt, der Landwirtschaft und Tierhaltung, den Richtlinien der Abfallentsorgung, den Inhaltsstoffangaben bei Lebensmitteln, dem Datenschutz, dem Glühlampenverbot, den Finanzprodukten, der Energiesparverordnung, und diversen Gesetzen, Regelungen, Verordnungen aus 2012, 2011, 2010, 2009, 2008, 2007…………………………………………………………………………………

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