Frau Merkel, ich hab` sie…

… die Antwort auf die Frage, wie wir das schaffen. Wir Deutschen müssen einfach nur angstfreier werden! Und damit meine ich gar nicht die Angst vor Neuem und Fremden. Nein, nein, mir geht es um die Angst vor Fehlern. Der Angst davor, sich im deutschen Gesetzesdschungel zu verirren und irgendwie unwissentlich etwas falsch zu machen. Und die Angst davor, dass dieses Unwissentliche dann aufs Heftigste bestraft wird. Ich möchte das anhand einer wahren Geschichte und des dazugehörigen Märchens erläutern.

In einer kleinen Stadt gibt es ein paar Hundert Flüchtlinge. Und es gibt viele Helfer, die sich um alle Belange dieser Menschen kümmern. Als da sind: Kleidung, Sprachkurse, Behördengänge, Arzt- und Krankenhausbesuche, Ausflüge, Wohnungseinrichtung, Koch- und andere Events, Hausaufgabenbetreuung und, und, und.

Für einen dieser Flüchtlinge, einem jungen Mann von 20 Jahren, der zur Zeit hier in Deutschland die Realschule besucht, hat sich der Betreuer, ein älterer Herr von 83 Jahren, gemeinhin bekannt als „Opa von Ahmed“, nun dafür eingesetzt, für seinen Schützling ein Praktikum während der Osterferien zu organisieren.

Mit der Unterstützung seiner Tochter gelang es ihm, eine Stelle in einem örtlichen Handwerksbetrieb zu finden. Soweit also so gut.

Der Handwerksmeister, der sich gerne bereit erklärte, Ahmed erste Einblicke in den Schreinerberuf zu geben, führte ein längeres Gespräch mit der Tochter, worin er ihr erklärte, auf welche Gesetzesbestimmungen für Praktikanten im Allgemeinen und Flüchtlinge im Besonderen er achten müsse. Mindestlohn, Arbeitserlaubnis, Schülerstatus, Versicherungen, Sicherheitsschuhe …. Es war ein ganzes Bündel. Die Tochter versprach, sich um alles zu kümmern und legte los.

  1. Anruf bei der Ausländerbehörde, wo der junge Mann gemeldet war, und Nachfrage, ob ein Orientierungspraktikum möglich sei. Antwort a la Radio Eriwan „Im Prinzip ja, aber…“ Es brauche eine Bestätigung der Firma, die müsse geprüft werden und könne dann vermutlich ohne Einbeziehen des Arbeitsamtes (was bei längeren Praktika nötig ist um sicher zu stellen, dass der Platz nicht einem urdeutschen Bewerber weg genommen würde) genehmigt werden.
  2. Information an Ahmed, sich in der Schule bitte eine Schulbescheinigung geben zu lassen.
  3. Anruf bei einem Versicherungsmakler mit der Bitte, zu prüfen, ob es die Möglichkeit einer einmonatigen Unfallversicherung gäbe.
  4. Frage bei Freunden und Kollegen, ob jemand Sicherheitsschuhe Größe 42 habe.

Somit waren schon 8 Leute mit der Sache beschäftigt!

Erstaunlicherweise war die Erlaubnis der Ausländerbehörde – nach anfänglich mehrfach geführten Telefongesprächen – am einfachsten zu erlangen. Kurz vor Beginn des Praktikums klärte sich auch die Unfallversicherungspflicht, die über die Berufsgenossenschaft – nach wieder mehrfachen Telefonaten – laufen konnte.

Das, was man für das Unproblematischste gehalten hatte, die Schulbescheinigung, wurde zu einem Dauerthema. Erst hieß es, die könne man Ahmed nicht ausstellen. Auf Nachfrage des Opas beim Schulsekretariat wurde dann aber doch eine Bescheinigung ausgegeben. Nichtsdestotrotz führte die Tochter ein paar Tage später noch ein längeres Gespräch mit Ahmeds Klassenlehrer (der dessen Einsatz übrigens sehr lobte und sich freute, dass er ein Praktikum machen wollte), der ihr erklärte, die Schulleitung brauche, um eine endgültige Schulbescheinigung genehmigen zu können, Unterlagen von der Ausländerbehörde, der Firma und der bestehenden Versicherung. Auf Nachfrage konnte jedoch auch der Lehrer nicht erklären, wozu die Leitung alle diese Belege brauche, da das Praktikum ja in den Ferien und somit in Ahmeds Freizeit fiele. Aber brauchen tue man es!

Die Tochter willigte ein, alles zu besorgen und der Schule zukommen zu lassen.

Fünf Tage vor Beginn des Praktikums war alles beisammen, sogar die Sicherheitsschuhe. Der Handwerksmeister war sehr froh darüber, noch rechtzeitig vor den Osterfeiertagen zu erfahren, dass Ahmed kommen würde, so dass er ihn in seine Arbeitsplanung aufnehmen konnte. Tochter und Opa lehnten sich nach den Wochen des Organisierens und Rumtelefonierens erleichtert zurück und Ahmed begann, die Vorfreude auf eine Tätigkeit jenseits der Schule zu genießen.

Märchenhafte Kurzfassung:

In einer Welt, die nicht so sehr von der Angst vor Fehlern und behindernden Gesetzen geprägt wäre, ginge die Geschichte so:

Ein junger Flüchtling möchte ein Praktikum machen und fragt seinen deutschen Paten, ob der ihm behilflich sein könnte. Der ruft seine Tochter an. Die ruft einen örtlichen  Handwerksmeister an. Der sagt: „Prima Idee. Wann will er kommen?“

like and share

Die Insel der Glückseligen

In den Zeitungen ist zu lesen, dass die Sorgen vor der Zukunft und die Angst vor den Flüchtlingen in Deutschland auf über 50 Prozent gestiegen sind. Das heißt, mindestens jeder zweite Deutsche schleppt solche Ängste mit sich herum. Wo sind die? Es muss Städte geben, die sozusagen die gesamte Angst eines Landkreises tragen, mit gebeugten Schultern und sorgenvoll gerunzelter Stirn (oder, um im Bild zu bleiben, mit geknickten Laternenpfählen und löcherigen Straßen) in der Landschaft stehen und verzweifelt in einen trüb grauen Himmel stieren. Das ist sehr lobenswert und ich bedanke mich herzlich bei den Bürgern all dieser Städte, die laut klagend all diese niederdrückenden Probleme schultern.

Denn nur dadurch erscheint es mir möglich, dass mein Erleben in meiner Stadt ein so ganz anderes ist. Offenbar haben sich die restlichen Prozente unter anderem hier niedergelassen. Ich habe mit vielen Menschen über dieses Thema gesprochen, keiner zeigte angstbehaftete Reaktionen. Im Gegenteil, offene Arme und Unverständnis über die Obergrenzendebatte allenthalben. vielleicht lebe ich ja auf der Insel der Glückseligen. Verfolgt man die Diskussionen im Fernsehen hat es den Anschein, als gäbe es noch weitere solche Inseln und manchmal frage ich mich, wo diese über fünfzig-Prozentigen alle sind. Irgendwo müssen sie ja sein, steht doch neulich wieder zu lesen, dass der Umsatz von Pfefferspray gegenüber dem Vorjahreswert um 700 in Worten: siebenhundert! Prozent gestiegen ist. Das Zeug muss ja irgendwer gekauft haben. Und die Nachfrage nach Waffen steigt ebenso. Wer, zur Hölle, braucht in Deutschland eine Knarre? Da regen wir uns über die Amis mit ihrem idiotischen und gefährlichen WaffenUNgesetz auf und kaum lesen wir was über (angebliche) Überfälle von (angeblich) den Flüchtlingen, rüsten wir auf. Also natürlich nicht wir, auf unserer Insel, sondern die da, die über fünfzig-Prozentigen, wo auch immer sie sein mögen.

Ich verstehe das nicht. Unsere Insel-Flüchtlinge sind hilfsbedürftige, traumatisierte, dankbare und auch manchmal anspruchsvolle oder unverständige Menschen. Ist eben alles dabei, bunte Palette. Klar, nicht alle sind gleich sympathisch, aber Angst habe ich vor keinem. Oder jedenfalls nicht mehr, als ich sonst vor anderen Menschen habe.

Wobei, wenn ich genau darüber nachdenke, stimmt das nicht so ganz. Neulich zum Beispiel: ich gucke leidenschaftlich gern Talkshows. Da saß vor kurzem Beatrix von Storch drin, offensichtlich auch eine von Sorgen und Ängsten arg Geplagte, ihr Gesichtsausdruck erinnerte mich vage an das Volk der Klingonen. (Für alle Enterprise Unkundigen, die haben so Sorgenrunzeln auf der Stirn). Nachdem ich ihr eine Weile zugehört hatte, musste ich aber den Fernseher ausschalten, es packte mich das kalte Grauen. Diese Frau mit ihren Anschauungen macht mir mehr Angst als sämtliche Flüchtlinge zusammen es je könnten.

Ähnliches passiert mir neuerdings immer öfter auf Facebook, auch hier spinnt das Grauenhafte immer dickere Fäden, durchzieht scheinbar mühelos immer mehr posts, likes und ähnliches, so dass ich mir jedes Mal schon ein Schlückchen Tequila genehmigen muss, bevor ich mich traue, die Seite aufzurufen. Das mit dem Tequila ist übrigens ein guter Tipp, es schränkt die Zeitspanne auf FB extrem ein. Wenig-Trinkern reicht ein Gläschen am Tag und die Schnapsdrosseln sacken alsbald über der Tastatur zusammen.

Selbst meine geliebte ZEIT scanne ich mit Argusaugen, ob mir nicht wieder ein Satz über Deutsche, die Asylheime anzünden oder die Grenzen schließen wollen ins Auge sticht. Denn das macht mir Angst

Neid, Missgunst, Hass und Abschottungswahn machen mir Angst. Dummheit und Borniertheit machen mich gruseln und Egoismus und Konkurrenzdenken lassen mich verzweifeln.  Dagegen helfen allerdings weder Pfefferspray noch 9mm Geschosse. Und ich stelle fest, auf meiner glückseligen Insel gibt es auch Ängste, Sorgen, Unmut und Verzweiflung. Nur eben anders gelagert. Probates Mittel gegen solche unliebsamen Erscheinungen ist das Einschalten des Denkapparates, das Betrachten der Fakten, das Bilden einer EIGNEN möglichst fundierten Meinung und das Erkennen, dass Konflikte nicht dadurch weggehen, dass wir „weg, weg mit dir, du Konflikt, du blöder“ denken sondern akzeptieren, dass Konflikte zum Leben gehören wie Lebkuchen im Supermarkt im September. Man muss sie ja da noch nicht kaufen. Stattdessen betrachtet man sie jede Woche, wählt einige aus und vernichtet sie dann erfolgreich bis Weihnachten. Es folgt eine kurze Pause, bis Ende Januar die nächsten Probleme in Form von Osterhasen um die Ecke kommen…Mit denen verfahre man dann auf gleiche Weise.

Vielleicht entstehen so noch ein paar mehr Inseln, die am Ende die Größe eines Kontinents erreichen. Wer weiß.

like and share

9 von 10 meiner Patienten kriegen Ohrenschmerzen…

… na, wenn das mal kein „Qualitäts“urteil ist. Oder eher die Gabe der Weissagung?

Was ficht Ärzte an, ihren Patienten solche „Wahrheiten“ um die Ohren zu hauen? Es gibt heute nur wenig Zweifel darüber, dass Worte wirken. Manchmal wahre Wunder, öfter aber  Ungewolltes. Ein wenig mehr Offenheit, Neugier und die Bereitschaft, sich auch mal bisher Ungewohntem zuzuwenden, würde diesen Menschen in Weiß gut zu Gesicht stehen. Und ihren Patienten vermutlich gut tun!

Anlass für diesen Artikel ist folgende Geschichte: meine Tochter musste sich mit 17 die Mandeln entfernen lassen. Wir hatten es lange genug hinaus gezögert. Letztes Jahr im September begann das Ärztekarussell. Zuerst zum HNO. Der hat ihr erklärt, dass es in der Tat nötig ist. Und nicht so ohne. Aber sie bekäme Schmerzmittel für die zwei Wochen nach der OP. Die würden ganz gut helfen. Also, wehtun würde es dann zwar immer noch, aber es wäre erträglich.

Ich saß daneben und war entsetzt. Als Hypnotherapeut reagiere ich allergisch auf solche Aussagen.  Meine relativierende Bemerkung, das würde schon nicht so schlimm werden und die Medikamente zeigten ja allgemein doch eine gute Wirkung quittierte der Arzt mit einem, nun ja, eine Mandel OP in dem Alter sei eben schwieriger und Schmerzen würde sie schon haben. Als ich ihn dann fragte, ob ihm klar sei, was Worte so bewirken könnten antwortete er lapidar: „Ich muss meinen Patienten doch die Wahrheit sagen“. Bitte, lieber Gott, nimm den Dottores doch endlich diese Ausreden!

Das war im September, die OP war für Januar angesetzt und ich dachte bei mir, bis dahin hätte ich noch genügend Zeit, hypnotherapeutisch für gute Gesundung meiner Tochter zu sorgen.

Im Januar, am Tag vor der OP, war die  Voruntersuchung. Mit der Bemerkung des Arztes, die wären ja ganz schön groß, die Mandeln, aber das ginge schon. Es gäbe ja Schmerzmittel!

Nach der OP kam abends der Operateur noch mal ins Krankenzimmer, blickte meine Tochter an und sagte: „Die OP ist gut verlaufen. Du wirst mich sicher hassen in den nächsten zwei Wochen aber die Mandeln waren so groß, die mussten raus. Und da musst du jetzt durch, das tut mir leid. Aber in vier Wochen ist alles wieder ok.“

Am nächsten Tag Nachuntersuchung. Mittlerweile bei Arzt Nummer 4. Der meinte, sähe alles gut aus. Dann hörte ich, wie er sagte, „in der fünften Nacht wirst du starke Ohrenschmerzen bekommen. Ein paar Tage später nochmal.“  Ich dachte, ich höre nicht richtig. „Meine Tochter nicht“, sagte ich laut und deutlich zu ihm. „Doch, natürlich, Ihre Tochter auch. Neun von zehn meiner Patienten kriegen Ohrenschmerzen. Nach Tausenden von OP´s weiß ich das.“ „Nun“, entgegnete ich, „meine Tochter wird keine Ohrenschmerzen haben.“  Was ihn nicht weiter beeindruckte.

Am nächsten Tag gleicher Arzt, gleicher Kommentar. Auch von mir. Ich erzählte ihm, dass ich Hypnotherapeutin bin und ob ihm nicht klar sei, welche Wirkung seine Worte auf das Unbewusste haben könnten. Die Antwort, die er mir gab, kannte ich schon. „Ich muss meinen Patienten doch die Wahrheit sagen.“ Das ginge auch anders, entgegnete ich, stieß aber nicht auf eine irgendwie geartete Neugier.

Bei der Entlassung aus dem Krankenhaus sahen wir Arzt Nummer 5. Der fragte, ob wir noch genügend Schmerzmittel für zu Hause hätten. Auf meine Antwort, meine Tochter nähme bereits seit dem Tag nach der OP keine Medikamente mehr meinte er nur, dass es jetzt erst richtig schlimm werden würde, wenn die Beläge anfingen, sich abzulösen. Danke für dieses Gespräch.

Fazit:

Ich habe mit meiner Tochter vor der OP, direkt danach und in den Folgetagen mit verschiedenen Trancen gearbeitet. Das hatte ich im Vorfeld bereits vorbereitet. Die Ohrenschmerzen kamen da etwas überraschend. Wir improvisierten. Da ich da zum Glück bei besagtem Termin anwesend war, konnte ich sofort mit einer Geschichte über Dampfmaschinen (hatte sich meine Tochter in Anlehnung an die Feuerzangenbowle gewünscht) aufwarten. Am Ende hat sie nach dem zweiten Tag keine Schmerzmittel mehr gebraucht, die Wunden sind gut verheilt, sie konnte bereits am dritten Tag feste Nahrung zu sich nehmen und abgesehen von Langeweile und Genervt sein war alles gut auszuhalten. Ohrenschmerzen bekam sie übrigens auch nicht!

Beim letzten Termin, vier Wochen später, habe ich dem Ohrenschmerzenarzt unser Krokodilbuch geschenkt. Mit der Bitte, ob wir uns nicht mal zusammen setzen könnten, um gemeinsam zu überlegen, wie den restlichen neun Patienten zu helfen wäre. Das war vor 2 Monaten. Leider habe ich bis heute nichts von ihm gehört…

 

like and share