Der Sultan dreht durch, und ich bin es echt leid…

… dauernd lesen oder hören zu müssen, dass die EU und besonders Deutschland ach so abhängig von der Türkei und dem dort marodierenden Sultan sein sollen, nur weil die Türkei für uns die Flüchtlinge verwahrt – und ich schreibe hier absichtlich „verwahrt“. Wobei ich mir noch nicht mal sicher bin, dass es nicht besser „inhaftiert“ heißen sollte.

Der Flüchtlingspakt, den Angela Merkel mit der Türkei geschlossen hat – und auch hier ergänze ich, dass es vermutlich besser „Merkel und Konsorten“ heißen sollte, denn es wird sich ja wohl kaum einer ernsthaft vorstellen, dass sie allein mit Erdogan, in gemütlicher Runde, mal eben diese Aktion ausbaldowert hat – , also dieser Pakt ist doch nicht in Stein gemeißelt. Frei nach dem Motto: Bis dass der Tod euch scheidet soll er Geltung besitzen… das ist ja völliger Quark. Und eines ist er mit Sicherheit auch nicht: alternativlos. Warum? Weil nix im Leben alternativlos ist. Jedenfalls nicht, solange Leben da ist. Wir haben immer mindestens die Wahl zwischen Ja und Nein. Und zum Flüchtlingsdeal mit Erdogan sollten wir jetzt dringend und entschieden, laut und deutlich und eher früher als später NEIN sagen.

Selbstverständlich hat jede Entscheidung ihren Preis. Bisher zahlen wir mit schnödem Mammon. Wirklichen Eurostückchen, die wir in die Türkei schicken und virtuellen, die wir für die vielen Augenbinden, Ohrenstöpsel und Maulkörbe innerlich ausgeben müssen, um die Abmachung im Anblick der Menschenrechts-, Freiheits- und Rechtsstaatlichkeitsvergewaltigungen ertragen zu können!

Ganz ehrlich, die paar Millionen Echtgeld sind mir herzlich egal, aber die Kosten für mein/unser europäisches Gewissen steigen ins Unermessliche. Ich fühle mich schon völlig ausgezehrt.

Kurzer Rückblick, worüber wir hier eigentlich reden:

  1. Die Türkei nimmt illegal nach Griechenland geflohene Flüchtlinge zurück. Mit der Sondervereinbarung für Syrer, für jeden syrischen Flüchtling, den die Türkei zurücknimmt, kann ein syrischer Flüchtling aus der Türkei direkt in ein  EU Land ausgeflogen werden. Quid pro quo.
  2. Sollte die Migrationswelle über den Balkan so zum Erliegen kommen, nimmt die EU weitere zusätzliche Flüchtlinge, die sich bereits in der Türkei befinden, auf.
  3. Die EU zahlt sowohl für die Rückführung der Flüchtlinge in die Türkei als auch einen zusätzlichen Betrag von 6 Milliarden Euro
  4. Die Beitragsverhandlungen Türkei-EU werden wieder aufgenommen und unter bestimmten Voraussetzungen, die die Türkei erfüllen muss, soll es Visafreiheit für türkische Staatsbürger geben.

Was bisher geschah – Auszüge:

  1. 2015 suchten etwas mehr als 1 Million Menschen Schutz in der EU.
  2. Von den 18.000 von der EU bereitgestellten Plätzen für syrische Flüchtlinge wurden bisher lediglich knapp 800 verteilt (Stand Juli 2016, ZEIT online)
  3. Der UNHCR kann nicht mehr entscheiden, wer aus der Türkei umgesiedelt werden kann, Akademiker „behält“ Erdogan für sich.
  4. Die Türkei hält sich nicht an die vereinbarten Regeln zur Erlangung der Visa-Freiheit, droht aber, das Abkommen platzen zu lassen, wenn diese nicht in Kraft tritt.
  5. Die Griechen schicken keine Unmengen von Flüchtlingen zurück, aus Mangel an Personal (und wer weiß, am Ende sogar aus Gewissensgründen).
  6. Erdogan verklagt Böhmermann, greift das deutsche Parlament an, verweigert Abgeordneten den Besuch von Incirlik…
  7. Höchst aktuell: Erdogan spricht nicht nur von Säuberungen, er führt sie auch durch! Mehrere zehntausend Beamte aus Justiz, Kultur und Bildung wurden entlassen oder verhaftet.

Natürlich gäbe es dazu noch viel mehr zu sagen, zum Beispiel auch, dass die Türkei ohne weiteres Tamtam seit Beginn der Flüchtlingswelle aus Syrien Millionen Menschen aufgenommen und versorgt hat. Da haben wir uns hier noch über ein paar Tausend gestritten. Es gibt also viele Für´s und Wider´s, viele Informationen, viele Vermutungen, viele Unterstellungen. Eins gibt es aber nicht: einen Zwang, das Flüchtlingsabkommen aufrecht zu erhalten und sich somit von Erdogan und seinen Vorstellungen und Wünschen abhängig zu machen.

Ziemlich sicher scheint zu sein, dass In der Türkei zurzeit um die 3 Millionen Flüchtlinge sind, das entspricht knapp 4% der Bevölkerung. Im Libanon zum Beispiel, wo es große Flüchtlingslager gibt, sind es über 20%. Bei uns sind zurzeit etwa 1,2 Millionen Menschen, also ungefähr 1,5% der Bevölkerung

Bis Ende 2017 schätzt die EU-Kommission die Anzahl der Asylbewerber auf etwa 3 Millionen. In der EU! Fairerweise muss man aber hier klar sagen: Asylbewerber ist nicht gleich Flüchtling. Vermutlich sind die Flüchtlingszahlen deutlich höher. Aber auch bei 5 Millionen Menschen wäre das, gemessen an der Bevölkerungsanzahl, lediglich 0,1 %.

Das ist lächerlich. Und sich deswegen in die Hände, oder sollte ich besser sagen, Fänge?, eines Despoten zu begeben ist nicht lächerlich sondern entsetzlich und dumm. Entsetzlich dumm eben! Wenn wir Europäer mal aufhörten, immer nur auf unsere eigenen Fußspitzen zu starren würden wir vielleicht feststellen, dass der Fußabdruck, den wir auf der Welt gerade hinterlassen, jämmerlich klein und unscharf ist.

Es ist an der Zeit, Herrn Erdogan zumindest die Macht aus der Hand zu nehmen, die wir ihm gegeben haben. Die Amerikaner haben uns im letzten Jahrhundert gezeigt, dass man monatelang Rosinenbomber losschicken kann, da sollte es uns, Jahrzehnte später doch gelingen, ein paar Wochen lang ein Luft-Sammel-Taxi für die Flüchtlinge aus der Türkei und Griechenland zu organisieren. Und diese dann auf alle Staaten zu verteilen, die sich daran erinnern können, was Menschenrechte und Mensch-sein bedeutet. Vielleicht ziehen dann ja sogar noch ein paar andere nach.

Nachtrag:

Ich finde im Übrigen auch die Aussage diverser Politiker, dass die Einsetzung der Todesstrafe in der Türkei deren Beitritt in die EU zunichtemachen würde unsäglich. Nicht das Verabschieden der Todesstrafe disqualifiziert die Türkei, sondern bereits die Bereitschaft, darüber zu diskutieren. Man stelle sich vor, die AfD und ähnlich Gesinnte schlügen vor, die Pressefreiheit hierzulande abzuschaffen und die deutsche Politik würde einen ernsthaften Diskurs darüber anfangen! Undenkbar, oder?

Noch ´n Nachtrag:

Warum der Titel? Nun, es gibt einen Karnevalsschunkler von den Höhnern. „Die Karawane zieht weiter, der Sultan hat Durst“. Ich habe aber jahrelange gehört „… der Sultan dreht durch!“ Hat mich etwas verwundert, aber nun gut, Karneval eben. Nie hätte ich mir träumen lassen, dass ich anscheinend über die Gabe der Weitsicht verfüge! 🙂

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Bedingungslose Intelligenzverteilung

In unserer Lokalzeitung stand neulich ein Bericht über eine Familie mit 2 Kindern, deren IQ deutlich über 130 liegt. Eines hat im zarten Alter von 15 Jahren bereits ein 1,0 Abitur in der Tasche und ist auf dem Sprung an die Uni. Das zweite ist auf dem besten Wege, es dem ersten gleich zu tun. Hier scheint der Herrgott verschwenderisch mit Intelligenzmolekülen umgegangen zu sein. Ich gönn´s den beiden.

Trotzdem, mit 15 darf man nicht ohne Begleitung der Eltern in eine Disco – und dann auch höchstens bis 22 Uhr. Selbst ein Kinofilm muss um diese Uhrzeit zu Ende sein, will der Jugendliche ihn ohne Aufsicht angucken. Mit 15 darf man weder den Führerschein machen noch eine Wohnung mieten. Man darf  kein Konto eröffnen oder wählen gehen. Und das alles ist auch gut so. Nicht nur, weil Jugendliche in diesem Alter manchmal nicht so ganz zurechnungsfähig sind (nichts deutet daraufhin, dass sich das mit 18 schlagartig änderte!), sondern in meinen Augen vor allem deshalb, weil die Jugendlichen eins auszeichnet: sie sind jugendlich. Also irgendwie doch noch Kinder. Sie sollten diese Jahre eher im Modus „unbeschwert ausprobieren“ verbringen, statt als Mikro-Erwachsene Verantwortung für ihre Zukunft übernehmen zu müssen. Die Tatsache, dass Kinder immer mehr gefördert – um nicht zu sagen getriezt – werden, dass es für Erstsemester in den Unis Elternabende gibt, weil immer mehr Studenten auf Grund des leidigen G8 unter 18 sind, scheint mir das Tüpfelchen auf dem „i“ des Verjüngungswahns zu sein. Die heutigen Studienanfänger brauchen Papas Fahrdienste und Mamas Unterschrift auf Miet- und Bankunterlagen, da wird der Bildungsgedanke doch ad absurdum geführt: Autofahren is nich… aber euch für den Wirtschaftskreislauf fit machen dürft ihr schon mal. Was soll das? Wer braucht das? Und wohin führt das?

Auf der anderen Seite kommt die Bildungsgerechtigkeit ins Spiel. Es ist längst bestens untersucht, wie die Chancen da verteilt sind: nämlich sehr ungleich. Der Zusammenhang zwischen Herkunftsfamilie und Schulerfolg ist belegt, Akademikerkinder haben bereits nach den ersten vier Schuljahren einen deutlichen Vorsprung vor Migranten – und Arbeiterkindern. Das ist kein Wunder, frühkindliche Förderung ist kein Ausdruck für den Besuch beim Logopäden sondern ein „Chinesisch-Klavier-und-wasweißich-lernen Muss“ für alle, die es sich leisten können. Im monetären und intellektuellen Sinn. Der Nachhilfemarkt boomt – auch für Grundschüler. Und auch bereits für Schüler, die gute bis befriedigende Noten haben. Gut ist eben noch lange nicht gut genug. Fragt sich zwischendurch auch mal jemand, welche Werte wir da als Gesellschaft der nächsten Generation vermitteln? Der Leistungsgedanke scheint bereits vorgeburtlich einzusetzen…

Ja, wir brauchen dringend Nachhilfe, aber eher für Eltern, Lehrer und Bildungspolitiker! Und zwar in den vernachlässigten Ü-Ei Fächern „Spiel, Spaß, Spannung“.

Für den schulischen Erfolg (und ich schreibe hier absichtlich „schulisch“ und nicht Bildungserfolg – Schule hat mit Bildung nur peripher zu tun) ist durchaus nicht nur der IQ zuständig, das belegen zahllose Hochbegabte, die die Schulen mit einem schlechten oder gar keinem Abschluss verlassen. Entscheidend sind auch soziale Herkunft, Klima der Schullandschaft und eine Erziehung, die Möglichkeitsräume schafft, statt Wege zu verschließen. Die Familie aus dem Anfangsbeispiel ist eine typische Akademikerfamilie; Zeit, Wissen und Finanzen gewährleisten somit genau das! Das ist wunderbar für die Betroffenen und führt direkt zu meiner These der bedingungslosen Intelligenzverteilung.

Die ungleiche Verteilung der Gelder im Lande sind die  Grundlage für die Forderung nach dem bedingungslosen Grundeinkommen, mehr Steuergerechtigkeit und Änderungswünsche beim Rentensystem. Nun lassen sich selbstverständlich Geldströme leichter in viele kleine Nebenflüsschen aufteilen als Intelligenz. Nichts desto trotz könnte man doch darüber nachdenken, ob man diejenigen, die leicht, schnell und womöglich mit Begeisterung lernen, nicht etwa mit 15, 16, 17 bereits den Universitäten einverleibt, sondern sie statt dessen den Schwerlernern für einige Zeit an die Seite stellt. Aktives Mentoring, bereits in der Grundschule, wenn nötig. Im Laufe ihres Schullebens könnten diese Kinder Praktika an ihren Schulen absolvieren, den Lehrern beim Unterrichten zur Hand gehen, einen „Lernbeistandspakt“ schmieden und für ihre Mitschüler so einen Ausgleich schaffen, Balance herstellen und Gerechtigkeitslücken schließen.

Davon würden alle profitieren: die einen, weil sie die Unterstützung kriegten, die sie brauchen. Die Klassen, weil ein ganz neues Gemeinschaftsgefühl entstehen könnte und das Lernen fröhlicher und dadurch erfolgreicher würde. Die Lehrer, weil sie so eine dringend benötigte Unterstützung bekämen und auf einmal Partner im Klassenraum hätten, die auch ein gemeinsames Lehren ermöglichten. Und nicht zuletzt die Helfer, die Verantwortung für andere übernehmen dürfen, soziale Kompetenzen erwerben, Reife erlangen, vermutlich Freude und Stolz auf „ihre“ Schüler erleben und somit haufenweise Glücksgefühle geschenkt bekämen.

Ich kann mir viele Modelle dazu vorstellen. Von Unterstützung nur einiger Stunden, über Monatspraktika bis hin zum Unterbrechen der Regelschulzeit und einjährigem Mentoringprogramm. Das Auslandsjahr mal anders gedacht. Unser unsäglicher Leistungsgedanke könnte sich wandeln zum Gemeinschaftsgedanken. Ja, die Schulzeit würde vermutlich wieder länger –  aber wem schadet das? Statt sich mit der 16jährigen die Wochenenden über auf  Wohnungssuche in der nächsten Universitätsstadt herumzuplagen können Eltern ihren erwachsenen Kindern den Autoschlüssel in die Hand drücken, „mach mal“ sagen und sich an die Ostsee verkrümeln.

Dann hieße es nicht mehr „wer hat, dem wird gegeben“ sondern „wer hat, gibt ab!“     Wäre das nicht ein schönes Motto für das junge 21. Jahrhundert?

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