Hast du schon Ubuntu?

Reisen bildet, das weiß jedes Kind. Wer reist, erfährt viel über andere Kulturen, lernt neue Sprachen, sieht seltsame Tiere und erlebt hautnah, wie unterschiedlich Montezumas Rache ausfallen kann. Andere Länder, andere Suppen eben.

Ich war vor Kurzem in Südafrika. Das ist nun ein Land, das von dem unseren nicht nur entfernungstechnisch ziemlich weit weg ist, sondern auch in vielen anderen Hinsichten. Land und Leute sind sehr anders. Es gibt lustige Tiere und gefährliche Tiere, die Küste lässt sich mit der unsrigen so wenig vergleichen wie eine Lachsforelle mit einem Fischstäbchen, „zack-zack“ heißt auf Afrikaans „sham-scham“ und  der Cappuccino kostet die Hälfte. Die Toiletten auf den Rasthäusern können sich mit denen von 4 Sterne Hotels vergleichen und der Südafrikaner liebt Biltong – getrocknetes Rindfleisch, dessen Qualitäten ich auch nach langem Suchen nicht gefunden habe. Am Bemerkenswertesten fand ich jedoch Haltung und Lebenseinstellung der schwarzen und farbigen Bevölkerung. Die Fröhlichkeit und Freundlichkeit der bis heute noch nicht gleichberechtigten und sozial abgehängten Langzeitbewohner Südafrikas ist beeindruckend.

Unsere Reiseleiterin hat diese erstaunliche Lebenseinstellung oft und ausführlich erwähnt und belegt. Sie hatte auch ein Wort dafür. Ubuntu.

Und das hat sogar entfernt etwas mit dem Ubuntu zu tun, das uns hier viel geläufiger ist, nämlich dem kostenlosen Computer Betriebssystem, das auf dem Gedanken des gemeinsamen Verbesserns und Teilens basiert. (Und übrigens von einem Südafrikaner ins Leben gerufen wurde).

Ubuntu ist ein alter Begriff aus den Bantusprachen Zulu und Xhosa und ein Synonym für eine afrikanische Lebensphilosophie. Es bedeutet so viel wie „Menschlichkeit“ und „Nächstenliebe“, geht aber darüber noch weit hinaus.

Desmond Tutu, ehemaliger Erzbischof von Kapstadt, definierte Ubuntu folgendermaßen:

„Ein Mensch ist ein Mensch durch andere Menschen. Damit ich ich sein kann, musst du du sein können.“

Diese Haltung ist tief in der afrikanischen Mentalität verwurzelt. Wir könnten weder laufen noch sprechen, wenn wir nicht miteinander verbunden wären und voneinander lernen würden. Tutu hat eine weite – und weise – Sicht: Jungen Menschen sagte er, „die Zukunft der Welt liegen in euren Händen und darum müsst ihr dafür sorgen, dass die Welt heute sich so entwickelt, dass sie zu einer Welt wird, in der ihr eure Kinder aufwachsen sehen wollt.“ Sie sollten von einer Welt ohne Armut, Krieg und Hungersnöten träumen und diesem Traum mit ihrem Verhalten, ihrem Leben, immer ein Stückchen näher zu kommen versuchen.

Ich höre sie schon, die Skeptiker und Realisten. „Träume sind Schäume“. Na und? Selbst wenn, der blödeste Tag lässt sich in einem duftenden Schaumbad besser beenden als mit Verbitterung auf dem Sofa. Und ganz abgesehen davon, hat die Wissenschaft längst belegt, dass ein Träumen oder So-tun-als-ob ganz reale Auswirkungen hat.

Wer schon einmal dem Neurobiologen Gerald Hüther zugehört oder eins seiner Bücher gelesen hat weiß, dass die Hirnforschung uns heute genau das bestätigt. Wir denken in Bildern und die haben dann wiederum einen nicht unerheblichen Einfluss auf unsere Handlungen und Haltungen. Unser Gehirn ist weniger ein Denkapparat als ein Beziehungsorgan und miteinander wachsen und trotzdem Raum für individuelle Entwicklung haben zu können ist ein menschliches Grundbedürfnis. Der Psychiater Helm Stierlin hat dafür den Begriff „Bezogene Individuation“ geprägt, andere sprechen von der Balance zwischen dem Ich und dem Wir.

Wer Ubuntu hat (das kann man nämlich nicht sein, es ist eine innere Haltung, die man entwickelt und dann eben „hat“ – sie kann daher auch wieder verschwinden, wenn man nicht achtgibt), der lebt in der Gewissheit, dass eine Menschlichkeit, die es wert ist, so genannt zu werden, sich nicht im Spenden von Geldbeträgen, Mitgefühl oder ordnungsgemäßer Mülltrennung erschöpft. Ein Mensch mit Ubuntu kümmert sich, teilt mit dem Nachbarn mehr als nur die Haustür, hat ein natürliches Verständnis von der Ganzheit aller Lebewesen und freut sich für seinen Nächsten, wenn dieser Glück und Erfolg hat. Wohl wissend, dass es ihm selbst nicht schlechter geht, wenn es der andere besser hat, sondern dass dies im Gegenteil eine gute Auswirkung auf ihn selbst haben kann.  Wir sind in unserer westlichen Neidgesellschaft weiter davon entfernt, als ich darüber nachdenken möchte!

Es gibt auch in anderen Kulturen eigene Worte für diese Art von Lebens-Haltung. „Abrazo“ aus dem Spanischen heißt nicht nur Umarmung, sondern beschreibt auch die sehr intime Erfahrung von Verbindung, Gemeinschaft und Akzeptanz, die in bestimmten Momenten entstehen kann, und das daraus erwachsende Gefühl von Sinnerleben und Zugehörigkeit.

Indianische Stämme aus Arizona und NW Mexiko haben dafür den Begriff „himdag“. Er bezeichnet ein Geschenk des Schöpfers, welches aus einer lebenslangen Reise besteht, während der der Mensch  Wege zu finden sucht, um nicht nur mit sich selbst in Balance zu sein, sondern auch mit seinen Mitmenschen, der Natur allgemein und natürlich Gott.

Die Holländer benutzen das uns bekannte Wort „gezellig“, welches jenseits von weinseligen Tafelrunden eine Zusammenkunft und ein Zusammensein meint, in dem wir uns aufgehoben fühlen, zeitlos, willkommen und beschützt, wo Toleranz und Offenheit herrschen. Ganz allgemein gesprochen: ein Ort, eine Begegnung, wo uns Gutes umgibt und gute Dinge passieren.

Im Zeitalter von Bürgerkriegen, Hungersnöten, und einer weltweiten Flüchtlingsbewegung, wäre es da nicht wunderbar, wenn die Menschheit eine Grundhaltung entwickelte, die auf wechselseitigem Respekt beruht? Auf gegenseitiger Anerkennung und der Zugrundelegung der Menschenwürde für jeden von uns?

Zum Abschluss daher der ultimative Tipp für den Fall, dass euch mal ein Dschinn begegnet, der euch einen Wunsch erfüllen wollte: Nehmt euch ein Beispiel am südafrikanischen Verfassungsgericht, welches diese Haltung in der Verfassung verankern möchte: Wünscht euch Ubuntu für alle.

Ach ja, und noch ein Nachsatz. In der ruandischen und burundischen Sprache bedeutet Ubuntu auch „gratis“. Wenn das die Sache mal nicht vereinfacht!

 

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