Das Grauen hört nicht auf

In der ZEIT vom 20.10.16 beschäftigt sich der politische Teil ausführlich mit dem Krieg in Syrien. Entsetzliche Bilder sind zu sehen, die mit der Frage daherkommen, ob es gut oder schlecht ist, sie zu zeigen. Im Sinne von hilfreich oder entwürdigend. Keiner weiß eine endgültig wahre und richtige Antwort darauf – aber die Aussage: wenn der Krieg kein Bild hat, findet er in unseren Wohnzimmern nicht statt erscheint mir so tiefgreifend, dass sich die Frage in meinen Augen gar nicht mehr stellt. Veränderung geht nur über Entsetzen. Also Welt, entsetz dich. Und zwar ganz wörtlich: ent-setz dich. Setz dich woanders hin, nicht auf  die gemütliche Couch, mit dem Cabernet Sauvignon im Kristallglas vor dir auf dem von Kerzen beleuchteten Tisch, sondern mitten hinein in den Schrecken und das Grauen.

Hinein in den Tod, die Verzweiflung, die Ohnmacht und die Wut. Die Hilflosigkeit und das Leid. Ja, ich gucke auch weg. In der ZEIT ist ein Foto, da ragt ein Kinderfuß, ein sehr kleiner Kinderfuß, von unten nach oben durch den Schutt. Man kann die Zehen erkennen. Ich muss mich überwinden, um diese Zeilen hier hinzuschreiben und meine Seele schreckt vor der Aufgabe des sich Erinnerns zurück. Ich muss sie zwingen, dazubleiben, hinzu sehen, nicht zurück zu zucken. Dabei wäre das so leicht – es gab ja schon Hunderte solcher Bilder, die konnte ich auch alle wegschieben und vergessen. Und es ändert ja auch nichts. Ob ich mir das Unansehbare und ansehe oder nicht, nicht wahr?

Wenn wir das Grauen nicht sehen, findet es nicht statt. Natürlich, wir lesen darüber, wir hören Berichte in den Nachrichten. Auch in der ZEIT stehen wohlfeile Worte von Politikern. Von Schlaflosigkeit ist die Rede, von dem steten Bemühen, den Dialog zwischen den Kriegsparteien und der UN, Europa und sonst wem aufrecht zu erhalten. Das erinnert mich an eine Formulierung, die früher in Zeugnissen stand: „Er bemühte sich stets“ und was so viel hieß wie, der bringt nichts zustande, das aber geduldig immer wieder. Schön ist auch  “ Wir müssen den größtmöglichen Druck ausüben und alles tun, um die Menschen dort zu schützen“. Schön stereotyp. Das sagen wir, das hören wir seit 5 Jahren. Und  es ändert sich auch viel – es wird immer schlimmer! Ich bin kein Politiker, ich kann nicht entscheiden, welches der beste Weg wäre, Sanktionen, Flugverbotszonen, Druck oder Dialog. Und so gern ich die Verantwortung auch an unsere oberste Riege abgeben würde, auch die sind nicht allwissend und müssen aus ihren jeweiligen Kontexten heraus Entscheidungen treffen, von denen man oft nicht wissen kann, wie das Ergebnis aussehen wird.

Und wir Bürger? Mal ehrlich, was sollen wir auch tun, hier im sicheren Deutschland? Ich persönlich kann die Flüchtlinge unterstützen, Geld spenden, mich in Diskussionen stark machen für Menschenwürde und gegen Menschenfeindlichkeit aber ich kann den Krieg „da unten“ nicht beenden. „Da unten“ klingt gut… so schön weit weg.

Was ich aber kann, ich kann mich aktiv dazu entschließen, nicht wegzuschauen, mich den vielen „na ja, schon schlimm, aber ich kann ja sowieso nichts tun und die Bilder machen mich nur depressiv“- Sagern nicht anzuschließen. Ich kann meine Augen bitten, sich die Bilder des Unansehbaren anzusehen und meine Seele, sich nicht vor dem Undenkbaren zu verschließen, sich dem Tod, der Verzweiflung, der Ohnmacht und der Wut, der  Hilflosigkeit und dem Leid der Menschen in Syrien und anderswo auszusetzen. Wenn auch mit dem Luxus, das nur für eine kurze Zeit zu tun, bevor mich mein langweiliger, sicherer, behüteter Alltag wieder einholt. Aber wenigstens in diesem Moment habe ich mich zu ihnen in den Schutt der Straße gesetzt und ihnen ihre Menschlichkeit und ihre Würde zurück gegeben. Ein kleiner Preis. Eigentlich beschämend.

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