Ich bin ein Dinosaurier!

Vor einigen Tagen saß ich mit einer Freundin im Café. Da piepte mein Handy, eine Whats App – Nachricht von einem gemeinsamen Freund trudelte ein. Der schrieb, er habe uns eine Mail geschickt. Das habe ich der Freundin erzählt und das Telefon weg gepackt. Sie blickte mich daraufhin erstaunt an und fragte, ob ich die Mail jetzt nicht gleich lesen wollte?

„Äh, nein“, erwiderte ich, „ich habe kein Mailprogramm auf meinem Handy.“ Sie guckte womöglich noch erstaunter. Ich erklärte ihr, dass ich weder Mails noch Facebook  mit meinem Handy abrufen könne und das das auch so gewollt und Absicht sei. Ihr Erstaunen wurde immer größer und sie sagte, DAS könne sie sich nun überhaupt nicht vorstellen und dazu hätte man ja schließlich sein Smartphone!

Dazu kann ich nur sagen, ich habe keine Lust, mir von allen möglichen Leuten und Posts diktieren zu lassen, wann ich was lese. Mails beantworte ich grundsätzlich nur vom heimischen Schreibtisch aus und auch Facebook sieht mich nur zu Hause – ich bin sicher, die können das! Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter, und lese meine Zeitung noch in Papierform. Mit weit ausgebreiteten Armen, raschelnd und knisternd, die Seiten immer passgerecht zusammenfaltend ist das für mich das halbe Lesevergnügen.

Heute war ich einkaufen, Samstag halb eins. Die Schlangen an den Kassen waren entsprechend lang. Fast jeder Zweite vertrieb sich die Wartezeit mit dem Handy. Das habe ich auch schon gemacht, nur diesmal hatte ich das Teil zu Hause vergessen. Kurze Schrecksekunde, und nun? Was soll ich nur machen, bis ich mit dem Bezahlen dran bin? Es blieb mir nichts anderes übrig als meine Mitmenschen anzugucken. Und siehe da, das war äußerst unterhaltend. Von der Mutter mit Vorschulkind, deren Diskussion über den Kauf eines kassennahen Ü-Ei´s ich mit Spannung verfolgen durfte über das Zählen der über ihre Telefone gesenkten Köpfe (es waren acht) bis hin zum Verfolgen des Begutacherprozesses von Hokaido versus Butternutkürbissen an der Gemüsetheke…Alles spannender und vor allem lebendiger als das Starren in das kleine Display.

Zu Hause las ich dann in der ZEIT vom 03.11.16 (mit breiten Armen und entsetztem Kopfschütteln) im Artikel „Ich“ von den Plänen von Google, Facebook und Co, in den „echten“ Journalismus einzusteigen. Verteilen tun sie die Nachrichten ja schon. Nun stelle ich mir vor, sie stellen sie auch her und verteilen sie dann zielgruppengerecht an den Leser. Nutzerdaten haben sie ja genug und die nötigen Algorithmen auch.  Gemäß Artikel könne das sogar so weit gehen, dass ich genau dann, wenn ich Samstag um halb eins an der Supermarktkasse stehe, eine Meldung angezeigt bekomme, die über die Genveränderung von Lebensmitteln berichtet und vielleicht sogar über bestimmte Hersteller informiert, die dieser Supermarkt zufälligerweise auch im Sortiment hat. Und das genau in der zeitlichen Länge, die ich in der Schlange stehe.

Ein Hurra auf die totale Personalisierung der Nachrichten! Jeder Nutzer erfährt genau das, was er sowieso schon weiß oder denkt. So geht dann Information: Mehr Desselben und dauernde Bestätigung der eigenen Meinung. Das sind die Social Network Scheuklappen für das Volk.

Da möchte ich doch mal an Gregory Bateson (Philosoph und Kommunikationstheoretiker – unter anderem), erinnern. Der sagte: „Informationen bestehen aus Unterschieden, die einen Unterschied machen.“ Wenn wir aber eine Gesellschaft wollen, die mit Unterschieden nicht leben will oder kann, dann sind solche Personalisierungsmaßnahmen genau der richtige Weg.

Ich will´s nicht! Da aber auch für mich gilt, der Geist ist willig aber die Gewohnheit stark, wehre ich mich gegen entstehende Gewohnheiten, die mein eigenes Denkvermögen beschränken könnten und bleibe lieber Dinosaurier.

like and share