Ene mene meck und sie sind weg!

Der Räuber kam langsam, heimlich, sukzessive aber unaufhaltsam. Und auf einmal, in einem Moment, in dem ich nicht aufpasste, schlug er zu – ohne Erbarmen oder Rücksicht.

Lange hatte ich gebraucht, um meinen Schatz zusammenzutragen. Jahre! Und als er da war, begann ich ihn zu vermehren, liebevoll und beständig. Anfänglich eher noch ein kleines Schätzchen wuchs und wuchs er, erhielt mehr Substanz und Inhalt, wurde schöner und schöner und bemerkenswerter. Andere beneideten mich um ihn während ich ihn hegte und pflegte, meine Lebenszeit, ja, mein ganzes Dasein daran gab, ihn zu voller Blüte heranreifen zu lassen.

Wie Dagobert Duck in seinem Goldspeicher badete ich in ihm, umhüllte und erfüllte mich mit ihm und wie der Ring  für Gollum ist mein Schatz ein Teil von mir, dessen Verlust mich auf alle meine Urängste zurück wirft.

Und der Räuber kam leise, fast mit freundlichem Gesicht, und Stückchen für Stückchen nahm er mir das, was mir das Liebste und Teuerste ist in meinem Leben. Erst ganz unaufgeregt und später mit immer mehr Kraft und Gewalt. In kleinen Häppchen, sozusagen, bis zum unabwendbaren Finale, das an Energie und Auswirkungen einem Erdrutsch nachkommt. Und das, obwohl ich es in der letzten Zeit kommen sah…

Perspektivwechsel:

Uff, das hat jetzt echt lange gedauert. Jahre! Klar, es war auch schön, den Schatz zusammen zu tragen, ihn zu hüten und wachsen zu lassen. Aber, du lieber Himmel, es war auch anstrengend. Ich hätte nie geglaubt, wie viel Kraft, Energie, Tatkraft und Tränen es kostet, eine solche Verantwortung zu übernehmen. Und nirgends ein anderer Hüter in Sicht – für solche Schätze kann man nur selber sorgen.

Mein ganzes Leben habe ich darauf ausgerichtet, mich selber zurück genommen, verleugnet,  Wünsche und Träume verschoben oder ad acta gelegt – nur um dieses hungrige Schatz-Wesen zu füttern. Klar, es hat sich gelohnt, schön ist er geworden und ich bin der reichste Mensch auf der Welt – aber der Preis ist auch nicht gerade niedrig. Da ist zwischendurch die Frage, ob das Leben ohne diesen Schatz nicht auch ganz schön hätte sein können, ja wohl erlaubt.

Aber nun hat es sich ausgehütet, mein Schatz ist mir gestohlen worden, samt der dazugehörigen Verantwortung. Obwohl, letzteres stimmt nicht so ganz, verantwortlich fühle ich mich noch immer…und ob das jemals aufhören wird, weiß ich nicht. Ich habe da meine Zweifel. Nichtsdestotrotz, das Leben hat mich wieder, ich bin unabhängiger und freier als in den vielen Jahren meines Erwachsenen – Daseins und kann machen, was ich will. Endlich!

Der Schatz: Meine Kinder     Der Räuber: Die Zeit

Meine Kinder sind ausgezogen! Gestern. Angekündigt und unerwartet. Und ich schwanke heftig zwischen diesen beiden Gefühlslagen. Wird lange dauern, bis ich meine Balance wiedergefunden habe. Und es ist gut so, dass es so ist!

 

 

 

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