Wenn´s unstimmig sein darf wird´s stimmig!

Was irgendwie wie ein Paradoxon klingt ist eigentlich ganz logisch. Man muss es nur mal durchdenken. Aber von Anfang an.

Neulich habe ich die Ergebnisse einer Umfrage gesehen, die von einer psychosomatischen Gesundheitsklinik bei deren Klienten durchgeführt wurde. Darin werden diese mit verschiedenen Fragen dazu animiert, über ihr Erleben und ihre Zufriedenheit sowohl mit den therapeutischen Handlungen, als auch den Grundsätzen und Haltungen, die im Hause gelebt werden und der Umsetzung dessen durch die Mitarbeiter eine Bewertung abzugeben. Das Ergebnis war beeindruckend. In Schulnoten gesprochen erhielt die Klinik bei jeder Fragestellung eine 1 minus bis 2 plus.

Dementsprechend groß war verständlicherweise die Freude aller Beteiligten. Bis einige erzählten, dass es ihnen doch ab und an während des Aufenthaltes und bei Abschlussgesprächen passiere, dass Klienten gar nicht so wunderglücklich seien, sondern vielmehr auch eine Menge Kritik an den Mann brächten.

Wie kommt das? Trauen die Klienten sich nicht, am Ende mal so richtig „vom Leder zu ziehen“ und die Ergebnisse sind somit verfälscht? Diese Annahme konnte verschiedentlich widerlegt werden und ein Erklärungsmodell für die Abweichung von rummeckern hier und loben da ist folgende:

Wenn Menschen den Raum erhalten, ihrer Kritik Ausdruck zu geben, wenn sie dafür Wertschätzung statt Abwertung erfahren, dann ändert sich zwar der Grund für besagte Kritik nicht, sehr wohl aber die Bedeutung, die jemand diesem Grund oder der Tatsache an sich zu schreibt. Aus einem Gefühl der Hilflosigkeit, Wut oder Enttäuschung kann dadurch ein Gefühl des Verständnisses und verstanden werdens entstehen, so dass der Ärger abflacht. Und nicht mehr als Elefant trampelt, sondern nur noch als süße kleine Maus trippelt.

Das heißt also da, wo ich etwas als nicht in Ordnung, nicht stimmig, nicht gut empfinde und die Möglichkeit habe, das zu benennen – ohne mich rechtfertigen, schief ansehen oder gar beschimpfen lassen zu müssen, weil ich es wage, Kritik zu üben, – findet eine wundersame Verwandlung so ziemlich ohne weiteres Zutun statt und es wird eben dann besonders stimmig wenn es auch mal nicht stimmig sein darf.

Wir verabschieden uns hier von der Perspektive des 100%igen, der Vorstellung, es müsse alles immer perfekt sein, dem Gedanken, dass Fehler möglichst zu vermeiden und wenn vorhanden, so zumindest geschickt vertuscht oder im Nachhinein mit phantastischen Rechtfertigungen und Entschuldigungen versehen werden, nur damit alles fein säuberlich rosarot und himmelblau ist. Ja, wir kennen ein solches Verhalten aus Politik und Wirtschaft nur allzu gut, aber deshalb muss es ja nicht passend sein.

Es ist auch nicht nötig, sogleich in tiefschürfende Erklärungen zu versinken oder gar nach anderen Lösungen zu suchen. Nein, es reicht für den Anfang völlig aus, wenn man dem Unstimmigen liebevoll einen Platz auf dem Sofa anbietet und ein Tässchen Kaffee einschenkt.

Nun könnte man einwerfen, es sei ja logisch, dass in einer Klinik eine solche Atmosphäre herrscht, denn schließlich ist der Umgang mit Befindlichkeiten ja deren Tagesgeschäft. Stimmt. Und es stimmt auch, dass das durchaus nicht in allen Kliniken so ist. Jetzt haben aber sicher die wenigsten Leser täglich mit Häusern dieser Art zu tun und es stellt sich daher die Frage nach der Relevanz dieses Artikels. Was aber für Kliniken gilt, gilt für alle anderen Organisationen genauso. Ob es das Finanzamt, das Bürgerbüro, der Handwerksbetrieb, das Großunternehmen oder Kita, Schule und Familienverbände, sind, überall, wo wir Menschen miteinander menscheln täte uns die Bereitschaft, Kritik anders als mit Ablehnung – und damit einhergehend meist mit Abwertung der Person des Kritikers – zu begegnen, äußerst gut.

Meckerer aller Länder – her mit euch! Hier seid ihr kritisch, hier dürft ihr´s sein! So lange ihr eure Anmerkungen wohlwollend und freundlich von euch gebt, seid ihr mir in meiner guten Stube herzlich willkommen. Und wer keinen Kaffee mag, der kriegt auch einen Tee!

 

 

 

 

 

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