Schatz, zeig doch mal Kontur…. ein Appell zur Bundestagswahl

Szenen einer Ehe:

Das Zusammenleben  zweier Menschen ist nicht immer vom Glück beseelt, geschweige denn einfach und leichtgängig. Da murkelt man so gemütlich vor sich hin, denkt, alles wäre wunderbar und plötzlich stehen da Dinge im Raum, spürbar, sichtbar aber – da unausgesprochen – auch prima übersehbar, die für Unsicherheit in der bis dato so sicheren Gewissheit sorgen. Wo isser denn hin, der Typus von dem Typen mit dem man da sein Leben teilt? Wie ausgewechselt, völlig anders… echt seltsam… und so gar nicht, wie man ihn gern hätte. Oder sie eben, ist völlig geschlechtsunspezifisch.

Und statt dann über das Wahrgenommene zu reden, schweigt man lieber. Was soll man auch sagen? Dass der Liebste sich gerade vom Prinzen in eine unbestimmte Mischung aus Frosch, Kröte und Lurch verwandelt? Schweigen ist generell die bessere, weil einfachere Lösung. Und im Probleme unter den gestylten Fußbodenbelag Kehren sind wir alle ziemlich versiert. So geht es auch eine ganze Weile ganz gut weiter. Beide stellen zwar eine leichte Schräglage fest, aber hey, zieht man halt statt den Tanzschuhen die Wanderstiefel an, die groben Sohlen geben dann schon Halt. Ist man eben nicht ganz so leichtfüßig unterwegs, so what!

Wunderbar, so kann man es sich gemeinsam gut einrichten. Nur, die Elefanten, die da im Raum herumlaufen, die sind ja immer noch da…und wir werden so geschmeidig und biegsam, durch die permanenten Ausweichmanöver, die wir fahren, dass wir mit der Zeit mit uns selbst gar nichts mehr zu tun haben. Wir werden zu Wackelpudding – einfach nicht zu fassen. Aber, als Wackelpudding lebt es sich ja auch nicht schlecht und so regieren manche Parteien – pardon, leben manche Paare – ihr ganzes Leben im Schleimzustand.

Es sei denn, ein Partner sagt mal die folgenschweren Worte: „Schatz, zeig doch mal Kontur.“ Dann kann es glatt passieren, dass die herum strolchenden Elefanten bemerkt, und die Themen, für die sie stehen, endlich sicht- und besprechbar werden. Und mit der Zeit verwandeln sich die Schleimbeutel zurück in handfeste Typen, mit Ecken und Kanten, Charakter und Zielen und einer Standfestigkeit, die dem jeweils anderen die Sicherheit und das Vertrauen geben, gemeinsam auch die gefährlichsten wilden Tiere befrieden zu können. Klar, das kostet Zeit, Nerven, Bemühungen. Vermutlich einhergehend mit Streit und Verletzungen. Aber sind die Versöhnungen danach bekanntlich nicht wunderschön? Ist es nicht besser, die Probleme beim Namen zu nennen, so dass sie weniger Angst machen, sondern eher die Lust auf Lösungen wecken?

Das, was jeder Paartherapeut seinen Klienten empfehlen würde, kann ziemlich eins zu eins auf unsere derzeitige politische Paarlandschaft bezogen werden. Wer nicht gänzlich verblödet oder desinteressiert ist, weiß, dass wir weder den kommenden Flüchtlingsströmen mit Mauern, noch den sozialwirtschaftlichen Ungerechtigkeiten mit Kindergelderhöhungen beikommen können. Und die  Kriegs-, Umwelt- und vom Westen verursachten Wirtschaftskatastrophen in Afrika werden binnen der nächsten Legislaturperiode genauso wenig verschwinden, wie sich die Autoindustrie nach dem Dieselskandal von schlechtem Gewissen geschüttelt läutert oder die Banken ihre cum-ex-und-hopp Geschäfte zugunsten ethischer ökonomischer Anlagemöglichkeiten aufgeben. Da treiben nicht nur Elefanten, sondern auch Nashörner und Wasserbüffel ihr Unwesen. Und dass die Globalisierung die Machtverhältnisse der Konzerne gegenüber den Nationalstaaten bis aufs Unerträglichste verschiebt ist auch nicht ganz neu.

Ebenso wenig wie die erfreuliche Tatsache, dass da eine junge, politische Generation heranwächst, die sich einmischen will, neue Wertemaßstäbe entwickelt und über so komisches Zeugs wie ein bedingungsloses Grundeinkommen, Carsharing (unglaublich, des Deutschen liebstes Spielzeug… teilen… mit fremden Menschen…und kein kleinkindhaftes „haben will“ mehr…) und mehr Sinnerleben als Markenerleben im Job nachdenkt. Eine Generation, die offen ist für Veränderungen, auch, wenn es sie persönlich etwas kostet.

Und alle diese Themen spazieren seit Jahren durch die politische Landschaft, ohne dass sie gesehen werden oder Gehör fänden. Stattdessen schwadronieren unsere Politiker über minimale Steuersenkungen, Digitalisierung, und Autobahnprivatisierung. Die Parteiprogramme taugen wunderbar als Grundlage für die nächsten Schildbürgerstreiche aber nicht als zukunftsweisende, kreative und ehrliche Strategien für die nächsten Jahrzehnte. Kein Wunder, dass man allenthalben hört, „ich habe keine Ahnung, wen ich wählen soll“. Die gängigste Erklärung ist die, dass die Parteien sich alle allzu ähnlich sind – alles Wackelpuddinge, nicht zu fassen.

Ich stell mir gerade vor, was passieren würde, wenn eine von ihnen sich tatsächlich dem unsäglich inhaltsleeren Geseiere entziehen würde, Tacheles redete, unbequeme Wahrheiten ausspräche, den Wähler (in anderen Worten: den Partner) ehrlich herausforderte, um dann gemeinsam nach Lösungen zu suchen und nach der Wahl Versöhnung respektive einen Wahlerfolg zu feiern.

Dann wüsste man, wen man wählen möchte und könnte sagen: „Schatz, schön, dass du Kontur zeigst“.

like and share