Warum lieber „wofür“.

Nach den furchtbaren Anschlägen in Paris vermehren sich die Beileidsbekundungen in den sozialen Netzwerken. Auf Twitter, Facebook und Co erscheinen Unmengen von Friedenszeichen mit Eiffelturm, pray for paris – Kommentare und Profilbilder mit Trikolore.

Nur um das von Anfang an klar zustellen, ich bin genauso schockiert wie der Nächste neben mir, ich verurteile Anschläge, Terrorismus und Gewalt in fast jeder Form. (Falls der eine oder andere Leser sich fragen sollte, warum „fast“, gebe ich zu bedenken, dass ich mir durchaus Kontexte vorstellen kann, wo ich Gewalt für das Gebot der Stunde halte. Im Verteidigungsfall zum Beispiel…). Und ich kann auch verstehen, was die Menge der sozialen Netzwerknutzer dazu treibt, sich dieser Bewegung anzuschließen.

Ich möchte es aber nicht. Und fühle mich daraufhin auch gleich ein bisschen schuldig. Fehlt mir etwa doch das Mitgefühl? Bin ich zu blöde oder zu borniert, um den Sinn des Ganzen zu verstehen? Warum kann ich mich einer so gut gemeinten und solidarischen Aktion nicht einfach anschließen? Bin ich schlicht ein Querulant? Und wenn ja, wäre das gut oder schlecht?

Ich habe mich hinterfragt und festgestellt, dass mir die „warum“- Frage nicht wirklich weiterhilft. Warum soll ich mein Profilbild hinter die Trikolore packen? Weil das jemandem hilft? Nein. Weil ich mich damit als Gegner des Terrorismus oute? Und dann, wer hat was davon? Die, die mich kennen, wissen das ohnehin und die, die mich nicht kennen, kriegen es nicht mit. Das „Warum“ hilft mir also nicht weiter.

Ich denke dann aber an Gunther Schmidt, unter anderem ein bekannter deutscher Hypnosystemiker, dessen Stimme ich ziemlich oft im Ohr habe, wenn jemand fragt, warum.

„Nicht das Warum ist entscheidend. Wir müssen fragen wofür, wofür, wofür!“

Also, wofür sollte ich mich der Paris-Bewegung anschließen? Da fällt mir besonders ein Grund ein, nämlich um mich mit anderen in eine Gemeinschaft zu begeben. Die Gemeinschaft der Mitfühlenden, Sozialen, Entsetzten. Wir Menschen sind soziale Wesen, für unser Wohlgefühl ist es eminent wichtig, sich einer Gemeinschaft zugehörig zu fühlen. Dafür also wäre es gut, Friedenszeichen und Co zu teilen.

Nun stellt sich mir aber die Frage: „brauche ich das“ und meine Antwort ist ein ziemlich klares Nein. Ich stelle mich also bewusst außerhalb einer Gemeinschaft. Nicht, weil ich deren Anliegen nicht verstünde. Sondern weil ich für mich persönlich keinen Sinn darin sehe. Das ist natürlich eine ganz individuelle Entscheidung und soll in keinster Weise die Bewegung an sich kritisieren. Interessant in diesem Zusammenhang ist für mich jedoch die Erkenntnis, dass ich das Gefühl habe, mich rechtfertigen zu müssen. Warum? Weil andere mich schief angucken. Hm.. also, wofür? Um mich mit Hilfe eine Erklärung eben doch nicht so ganz und gar außerhalb der Gruppe stellen zu müssen. Und wofür brauche ich das? Für mein seelisches Wohlbefinden.

Dieses innere Gedankenkarussell zeigt mir mal wieder deutlich, was ich theoretisch ja längst weiß: wie viel Macht Gruppen und Bewegungen haben! Und wenn ich mich mit diesem Gedanken im Hinterkopf frage, wie es kommt, dass so viele Menschen bei den Montagsdemonstrationen mit laufen, wenn ich frage: „wofür laufen die mit“, dann könnte eine Antwort sein, sie laufen mit, weil der Nachbar hingeht und sie wollen in der Nachbarschaft integriert bleiben. Und vielleicht geht der Nachbar, weil der von gegenüber geht, der wiederum sich dem Ersten anschließt. Könnte doch so sein. Und wenn es so wäre, und alle Laufenden mal über das „wofür“ sprächen, könnte es auch sein, dass der eine oder der andere montags zu Hause bliebe.

Und wenn dem so wäre, würde ich gern für mehr Mut, Individualität und Querdenkertum werben. Für mehr kritisches „wofür“ als gewohntes „warum“. Denn dann könnte es passieren, dass ich mich, aus ganz persönlichen Gründen, dafür entscheide, einer Gruppe NICHT anzugehören. Und das wäre manchmal vermutlich gar nicht so schlecht!

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