Nach Halloween gruselt´s mich noch mehr…

Im Internet bin ich auf die für mich verblüffende Tatsache gestoßen, dass die Halloween Kostüme, von denen ich bisher immer dachte, sie dienten dazu, andere ordentlich das Fürchten zu lehren, an den Unis der USA nur nach strengen Vorschriften ausgewählt werden sollen. Und zwar möglichst so, dass sich niemand in irgendeiner denkbaren (und wohl auch nicht denkbaren!) Form durch eine solche Verkleidung,  ja… äh… wie soll ich es ausdrücken…. emotional berührt fühlen könnte.

So steht auf mehreren Seiten zu lesen (z.B. auf https://www.thefire.org/college-students-should-be-scared-to-celebrate-halloween/), dass bestimmte Kostümierungen andere Menschen, Kulturen oder Religionen diffamieren könnten. Rastalocken, dunkle Haut, Gefängniskleidung oder die Darstellung von Depression und Co sowie verlotterten Halunken wären demnach alles: von fragwürdig bis verboten. (Ein kreatives „Doppelherz, die Kraft der zwei Herzen“-Kostüm würde vermutlich sofort wegen der ICD 10  Diagnose „Persönlichkeitsstörung“ geächtet. Und wenn man auf ein harmloses Katzenoutfit ausweicht, verklagen einen die Allergiegeplagten…).

Na, jedenfalls finde ich die Überlegung, ein Kostüm könne andere Menschen in ihrer tiefsten Seele und Persönlichkeit verletzen ziemlich hanebüchen, aber es sind ja schon merkwürdige Dinge in dieser Richtung passiert. Die Negerküsse meiner Kindheit sind auch längst verschwunden und ich verweise hier auf meinen Artikel „Von Schokokönigen und Südseeküssen“ vom Januar 2013. Die Regelwut und die Befindlichkeiten kennen keine Grenzen!

Es gibt jedoch etwas, das mich noch viel mehr entsetzt… erstaunen wäre hier echt der falsche Ausdruck. Auf der Seite:                                                               http://www.huffingtonpost.com/entry/yale-student-halloween-costumes-christakis_5644baa8e4b045bf3dedfe1e                                                                               ist zu lesen, dass das Ansinnen, Studenten mögen beim sich-fürchten-lernen bitte Vorsicht walten lassen mitnichten von überaltertem Unipersonal stammt, sondern eine breite Zustimmung, ja sogar den Anstoß dazu in der Studentenschaft hat!!!

Und je mehr ich gelesen habe, um so schlimmer wurde es. Die (amerikanischen) Studenten leiden offensichtlich unter allen Arten von psychischen Problemen, was irgendwie dazu führt, dass die Begegnung mit einem Halloween-Afro-Outfit sie in die tiefsten Depressionen stürzen könnte. Das Trauma lauert ja bekanntlich überall. Ich frage mich schon gar nicht, was diese Zartbesaiteten beim Anblick eines echten Afro-Amerikaners empfinden würden, der, womöglich rastalockenschwingend, eine Art ritualen Stammestanz aufführt (bei manchen Veranstaltungen kommen einem solche Vergleiche ja unweigerlich in den Sinn). Einfach nur so. Aus guter Laune.

An anderer Stelle lese ich, dass  es mittlerweile an US-Universitäten teilweise mehr Coaches und Berater als Professoren gäbe. Weil die Studenten mehr psychische, soziale und Selbstfindungsprobleme haben als Wissenslücken. Und nein, das soll nicht heißen, dass sie alle Überflieger und nahezu allwissend sind. Es zeigt vielmehr deutlich, dass wir in einer Gesellschaft leben, die voller Ängste steckt. Angst, zu versagen. Angst vor dem Fremden. Angst, nicht dazu zu gehören. Angst, nicht gut genug zu sein. Angst, nicht man selbst sein zu dürfen, falsch zu sein, nicht passend. Und wenn ich nicht passend bin, habe ich drei Möglichkeiten: ich rebelliere (Quer- und andere Andersdenker), ich füge mich oder ich flüchte. In besagte Ängste zum Beispiel. Fight-flight-freeze heißt das auf Englisch.

Und die Neurobiologen erklären das damit, dass unser Gehirn sich bei jedweder Art von Stress Stück für Stück in den Urlaub verabschiedet… angefangen mit dem Präfrontalen Kortex. Das ist echt blöd, denn da sitzt unser Bewertungssystem, unsere Fähigkeit, Konsequenzen zu erkennen und entsprechende Handlungen vorzunehmen. Wenn der Teil des Hirns nun bei den Studenten – und sonstigem Weltpersonal – auf Tahiti in der Sonne liegt, kann so ein Halloween-Westernheld mit Bärentöter einen jungen Menschen mit einem Achtel Kiowablut schon in eine traumatische Situation bringen. Klar.

Nein, nicht die Möchtegern Gruselfetzen sind erschreckend, sondern unsere Unfähigkeit, mit uns selbst zu leben. Und mit unserem Nächsten. (Vielleicht hülfe  etwas Calgonit zum Entkalken des Oberstübchens. Dann klappte es auch mit dem Nachbarn :-))

Eigentlich wollte ich an Fasching ja als Universitätsprofessor ausrücken, aber das lasse ich lieber. Am Ende traumatisiere ich damit noch die Grundschüler. Ne, da gehe ich doch besser als Gargamel, auf echte Schlümpfe werde ich ja wohl kaum treffen 🙂

 

 

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Ein Gedanke zu “Nach Halloween gruselt´s mich noch mehr…

  1. Der erste Schluß, sozusagen der Kurzschluß, würde lauten: Amerika braucht DIch! Gaaanz dringend. Rette die Welt! Vermutlich wird aber bei näherer Überlegung klar, daß Du gar nicht so weit ausrücken mußt, um die Gestörten zu finden. Du, es gab in Berlin zwar total wahnwitzige Halloween-Events und die Nacht war echt voll mit grausig reellen Gestalten – aber das ist Oberfläche. Wenn Du Gelegeheit hast, mit unseren zukünftigen Akademikern zu reden – von Selbstsicherheit, ausgeprägter Persönlichkeit oder Zielorientierung ist gut die Hälfte verschont geblieben. Ganz schmerzliche Erkenntnis… Die wissen unheimlich viel, können aber nicht damit umgehen. Wie mit Mitmenschen und anderen Problemen. Aber: läuft!

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