Etwas mehr Humboldt bitte!

Oder Gauss, oder Kepler. Wie wäre es mit Aristoteles? Ja, in der Antike gab es sie schon, die Bildungskultur, die gleichberechtigt aus Bildung und Kultur bestand. Aristoteles kennen wir vornehmlich als Philosoph, aber er hat sich auch mit Biologie, Physik, Ethik, Staats- und Wissenschaftstheorien  beschäftigt. Und wer weiß, womit sonst noch.

Johannes Kepler, auf den die „Keplerschen Gesetze“ über die Bewegungen der Planeten um die Sonne zurückgehen, war Philosoph, Mathematiker, Astronom, Astrologe, Optiker und Theologe.

Carl Friedrich Gauß, obwohl am bekanntesten als Mathematiker, studierte auch Astronomie, Physik und Geodäsie (Wissenschaft von der Vermessung der Erdoberfläche). Und dass Alexander von Humboldt sich nicht nur mit dem Pflanzen sammeln begnügte, dürfte hinlänglich bekannt sein. Er, der Naturforscher par excellence, erwarb sich Kenntnisse in der Medizin, der Physik, der Mathematik und dem Bergbau, er studierte auch  bei Zoologen, Biologen und Geologen.

Von der Antike bis zur Aufklärung gab es keine Trennung von Bildung und Kultur. Danach ging es mit diesem Traumpärchen allerdings bergab. Aus der Bildungskultur wurde eine kleine Bildung mit großer KULTUR, dann verschwand die Kultur kurzzeitig ganz. Als ich mein Abitur machte waren bildung und kultur beide kleingeschrieben und heute sieht das ungefähr so aus: b..du..skulu.r.

Ich habe meinen Kindern immer gesagt, geht an die Uni, studiert, nie wieder werdet ihr ein so schönes Leben haben, Freiheit, Bildung, Kultur, Gleichgesinnte, Diskurs und Diskussion, Vielfalt und Artenreichtum allenthalben…die Freuden des Studentendaseins eben.

Heute sehe ich ein, meine Kinder sind intuitiv intelligent. Sie haben irgendwie schon vor langer Zeit, vermutlich bereits in der zweiten Klasse, begriffen, dass sich das mit der Bildungskultur in Deutschland, wo sie mal gut ausgebildet war, nun ja, „aus- gebildet“ hat. Zu Ende ist. Futschikato und vorbei. Seit Bologna geht es vehement bergab mit Bildung und Kultur in unseren Universitäten.

Und die Zeit spielt heute eine wichtige Rolle. Hat sie früher selbstverständlich auch schon. Zeit, um sich zu finden, sich zu orientieren, sich auszuprobieren. Zeit, um in andere Fakultäten rein zu schnuppern, mal ein oder zwei Semester fremd zu gehen, kurz, um den eigenen Horizont (und damit auch den der Kommilitonen, der Freunde, der Familie) zu erweitern.

Heute geht es vor allem um Zeitmanagement. In möglichst kurzer Zeit an der besten Uni den besten Abschluss. Zielgerichtet, geradeaus, zack-zack. Bloß keine Umwege machen – abgesehen vom freiwilligen Auslandssemester, das aber irgendwie auch schon zur Pflichtveranstaltung verkommt. Also:  Gehen Sie nicht über Los (am besten, Sie gehen überhaupt gar nicht erst los, zumindest nicht eigenständig, eigen denkend!), gehen Sie direkt ins Gefängnis.

Auf die Spitze getrieben wird das nun mit Hilfe der online Vorlesungen. Alles virtuell, alles im Netz. Die Gemeinschaft der Studenten ist perdu, findet höchstens noch im Internetcafe statt, beim zu murmeln des WLAN Passwortes. Es treffen sich nicht mehr Menschen mit Wissen, Leidenschaft und Lebenserfahrung (es soll solche Professoren ja noch geben) mit dem Jungvolk, es trifft das Jungvolk auf Bits and Bites. Das ist schön bequem, muss ich nicht mehr morgens um acht mit der U-Bahn durch die Stadt, sondern schalte vor meinem heimischen Schreibtisch einfach vom play- in den learnmodus am PC um. Cool! Und so viel effizienter. Und so viel armseliger. Da bleibt nämlich Bildung auf der Strecke. Es ist nicht zwingend das Fachwissen, dass dann fehlt. Nein, aber der Austausch, die Streitgespräche, das Vermischen verschiedener Meinungen und Ansichten – und der neue Gedanke, der daraus entstehen kann. Wir züchten auf den Zehenspitzen balancierende Akadamiker heran, statt welche, die „breit aufgestellt“ sind.

Und mit dem homelearning geht auch die Kultur flöten. Wunderschöne alte und neue Prachtbauten, Bibliotheken zum Verlieben (wie die von Yale), Vorlesungssäle, die noch den Staub und Geist und Charme aus Humboldts Zeiten verströmen, Mensen und Aulen (ich habe noch gelernt, im Duden zu gucken: man könnte auch Mensas und Aulas sagen :-)), die geradezu danach schreien, sich hier mit Mitstudenten auszutauschen… Es ist ein Jammer. Und für mich völlig unverständlich. Erst haben wir unser Diplom verkauft und nun verwaisen unsere Heiligen Hallen.

Ich wünsche mir für 2016, dass wir am Ende des Jahres nicht eine B…….k…. haben, sondern wieder eine stand- und handfeste Bildungskultur. Auch wenn sie klein anfängt, zumindest wäre sie vollständig.Humboldt, Kepler und Co würde es freuen.

 

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8 Gedanken zu “Etwas mehr Humboldt bitte!

    • :-). Und wie du aus dem Rabenkommentar entnehmen kannst, gibt es auch gute Gründe für das Lernen mit und am PC. Schade nur, dass wir in Deutschland scheinbar immer gleich zu den Extremen neigen. Nach dem Motto „jeder wie er es braucht“ könnten doch beide Möglichkeiten (oder besser noch mehr) gleichberechtigt nebeneinander stehen. Aber es muss ja immer ein Richtig und ein Falsch geben…. grrr…

  1. Also…. Du hast ja wie immer so recht. Ich kann ja schlecht was gegen Bildungskultur sagen…! … Außer vielleicht, daß diese sich verändert, mit der Zeit geht. Die gnadenlose Hetze durch Lehrpläne meine ich damit nicht. Die schönen Seiten einer von Dir noch erlebten Studienzeit sollten weiter Teil dieses Lebensabschnittes sein. Aber nicht Selbstzweck und nicht für alle und jeden. Mein Jüngster bekommt wie Du weißt online-Unterricht und bekommt stimmt zweifach: bekommt ihm nämlich richtig gut. Mir hätte er zu meiner Zeit auch gefallen. Nicht verteufeln, bitte! Das Diplom wird in einigen Studiengängen nach und nach wieder eingeführt. Aus Fehler gelernt…. Und immer mehr Leute studieren dual, neben dem Job. Habe ich auch gemacht, würde heute nicht noch einmal so entscheiden. Es sei denn, die Rahmenbedingungen änderten sich gravierend. Es ist ein weites Feld, das wir hier beackern. Ich sehe wie Du die vielen Unzulänglichkeiten und Verschlimmbesserungen, die im Bereich Bildung passieren. Ich sehe aber auch ganz viel Land – gerade wegen der neuen Wege, die teilweise sehr engagiert beschritten werden. Humboldt schadet nicht. Birgt viel Gutes. Aber heute könnte er nicht html-Programmieren…;-))

    • Natülich hast du auch Recht 🙂 und ich will mich auch nicht gegen den Fortschritt stellen (wobei.. hm.. wenn ich an meinen Artikle zum Smarthome denke… vielleicht doch gegen die eine oder andere Errungenschaft…). Ich bin ja meist für ein „sowohl als auch“, eine gute Balance. Und im Augenblick scheint mir die Waagschale ziemlich schief Richtung Technikhörigkeit geneigt zu sein. Und wer weiß, ob Humboldt nicht heute ein so guter offline Prof wäre, dass die Studenten freiwillig lange Anreisen in Kauf nähmen? 🙂

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