Schieflage in Studentenköpfen

Oder: Halloween…grusel, Teil 2

Im Dezember 2015 habe ich hier über amerikanische Studenten geschrieben, die sich von bestimmten Halloween Kostümen in ihrer Psyche verletzt fühlen und fordern, nur politisch, eth(n)isch und sonst wie korrekte Kostüme auf dem Campus zuzulassen. Die Professorin, um die es bei diesen Protesten ging, hat sich übrigens inzwischen von ihrem Lehramt verabschiedet.

Es folgt nun in der ZEIT vom 14.Januar 2016 eine Erweiterung dieser untypischen Studentenrevolten. Unter dem Titel, „Die Debatten-Polizei“ beschreibt ein Professor, welche Auswüchse die Ängste und Unsicherheiten der Studenten annehmen. Und das tut er anonym, da er um seinen Arbeitsplatz fürchtet! Was mir wiederum Angst macht. Er führt unter anderem folgende Beispiele auf:

Studenten erwirken ein Disziplinarverfahren gegen eine Professorin, die der Meinung war, man solle vorsichtig mit dem Vermischen von Liebesgeschichten und Missbrauch sein.

Ein Mensa-Chef, der internationale Küche servierte, erntete Wut und Beschwerden, da das Essen nicht der Güteklasse des entsprechenden Landes entsprach und somit die dortige Kultur verfälsche. Eine Anmaßung des Chefs und eine Abwertung der jeweiligen Ethnien.

Studenten verlangen von ihren Professoren, sie sollen Warnhinweise bei bestimmter Lektüre formulieren. Sonst könne es beim Lesen zu Traumata kommen.

Für Letzteres gibt es einen Begriff im Englischen. „Trigger – warning“, was so viel heißt wie, jeder Text, jeder Film, jede unterrichtsrelevante Äußerung soll, fragt man die beteiligten Studenten, mit einem Warnhinweis versehen werden, der, bevor überhaupt ein Wort gelesen wird, darauf hinweist, dass der Text irgendwie verstörende Inhalte enthalten könnte. (Im Grunde finde ich die Idee gar nicht schlecht, würde sie aber gern im Besonderen auf die Trivialliteratur und diverse Fernsehsender ausweiten. „Achtung: der Inhalt dieses Buches/dieser Sendung ist so inhaltsleer, dass die Tatsache, dass es Mitmenschen gibt, die dies lesen oder sehen, verstörend auf Sie wirken könnte“. Oder so ähnlich.)

Auch schön ist der Begriff „microagression“, also Miniagression. Das bezieht sich auf Bemerkungen, die meist gar keinen ethischen, politischen, kulturellen oder gender Hintergrund haben, denen dies aber unterstellt wird. Wie zum Beispiel: „Der qualifizierteste Bewerber soll den Job erhalten“. Hier wird unterstellt, dass Hautfarbe oder Geschlecht niemals nicht eine Rolle spielen. Was, wie wir alle wissen, nur bedingt stimmt und daher ist ein solcher Satz ein no-go und universitär verpönt.

Das mag ja alles ganz lustig klingen, es stellt sich jedoch die Frage wie es kommt, dass die studentische Landschaft in den USA sich auf solch frappierende Art und Weise verengt hat. Sollte man doch davon ausgehen, dass die Universitäten eher Brutstätten von Freiheit, Weite, Quer- und Andersdenkertum sind. Was geht in den Köpfen – und in der Psyche – dieser jungen Leute vor, dass sie solche Angst vor einer untypisch gewürzten, glutamatfreien Frühlingsrolle haben? Woher kommen Angst vor Offenheit und Freizügigkeit? Haben heutige Studenten Panik vor einer eigenen Meinung? Und geht damit nicht Angst vor Verantwortung und also Verlust derselben einher? Andererseits, rufen wir nicht alle im Gegenzug nach mehr Verantwortung für unser eigenes Leben? Woher kommen solche Paradoxien?

Diese Studentenproteste haben etwas Kleinkindhaftes. Wenn ich mich nicht traue, eigenständig und selbstverantwortlich zu denken und zu handeln, wie alt bin ich dann? Drei? Fünf? Sieben? „Mami, ich habe mich gestern mit Inga gestritten, soll ich heut zu ihrer Geburtstagsfeier gehen? Mami, sag mir, was ich tun soll.“

Das, so scheint es mir, ist ein gesellschaftliches Problem, das wir nicht auf die leichte Schulter nehmen sollten. Zumal sich auch bei uns Ähnliches abzeichnet. Denke man nur an die Geschichte mit Prof. Herfried Münkler von der Humboldt Universität Berlin.

Aus all dem entnehme ich, dass das Studium nicht so beschwingt und gefahrlos ist, wie ich bisher immer gedacht habe. Bevor ich also meine Kinder in diesen Dschungel entlasse, habe ich für sie  einen Beipackzettel geschrieben. So, wie man bei Medikamenten, die ja gut gemeint die Gesundheit wieder herstellen sollen, vor Nebenwirkungen warnt, so sollte man das inzwischen wohl auch für den Aufenthalt an unseren Hochschulen tun.

Studienbeipackzettel

Wenn Sie die Universität, deren Hörsäle und Mensen betreten und dabei womöglich mit andern Menschen ins Gespräch und anderen Meinungen in Kontakt kommen, dann tun Sie das ausschließlich auf eigene Gefahr!

Bitte bedenken Sie, dass das Lesen von bereits nur einem Wort, ganz besonderes jedoch das Lesen mehrerer Worte hintereinander (Sätze) in x% der Bevölkerung Emotionen auslöst. Dies können auch zunächst unerwünschte Emotionen sein. Ähnlich wie in der Homöopathie spricht man hier auch von Erstverschlimmerung. Durch nachträglich einsetzendes Denken kann diese jedoch in kurzer Zeit behoben werden. Sollte das nicht gelingen hilft nur, in Zukunft jedes Wort nicht als Ganzes zu lesen, sondern zu buchstabieren. Dies hat allerdings ebenfalls Nebenwirkungen zur Folge, meist äußern sich diese dadurch, dass das Gelesene kaum oder gar nicht verstanden wird.

Der sprachliche und gedankliche Austausch mit Professoren (durch das Betreten der Hörsäle ohne Ohropax oder das Lesen der von diesen verfassten Artikel, Bücher etc.) und Mitstudenten kann zu veränderten Bewertungen der eigenen Lebenswirklichkeit führen. Emotionale Verletzungen und Irritationen sind dabei nicht ganz auszuschließen.

Warnhinweise auf Büchern, Texten, Filmen und Ähnlichem, im Sinne von trigger-warning, oder, auf Deutsch, vorauseilender Zensur, können die eigene Denkfähigkeit einschränken. Derartige Warnhinweise sollten also mit einem eigenen Warnhinweis versehen werden: „Achtung: Denkfähigkeitsgefährdung!“

Besonders für Professoren gilt folgendes:

Das Hinwegsetzen über jeden einzelnen kleinen Wunsch und jede einzelne kleine Befindlichkeit jedes einzelnen kleinen Studenten, kann zum Verlust von Ansehen bei Dogmaten und ähnlich Beschränkten führen.

Das Vorwegnehmen des Denkprozesses oder das vorauseilende Meinungsbilden durch Vorab-Warnungen führt zu intellektueller Stimulationsunterdrückung bei den Studenten und zunehmenden Frustrationserlebnissen beim Lehrkörper. Professoren verkommen zu Hofnarr-ähnlichem Dienstpersonal und verlieren ihre inspirierende Wirkung. Auch hier muss die nicht unerhebliche Nebenwirkung des fluchtartigen Verlassens der höheren Lehranstalten und das Veröden derselben Erwähnung finden.

Abschließend soll noch das einzig bisher als wirksam bekannte Gegenmittel vorgestellt werden. Es ist das Bewusstmachen, Akzeptieren und Integrieren folgender Wahrheit:

DIE  BEDEUTUNG  DER  BOTSCHAFT  BESTIMMT  IMMER  DER  EMPFÄNGER

In diesem Sinne, verstehen Sie doch, was Sie wollen.

 

 

 

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3 Gedanken zu “Schieflage in Studentenköpfen

  1. Attention, attention please! This is a trigger-warning! … Die Urheberin dieser Zeilen, dieses Artikels, ach was sage ich – dieses ganzen Blogs legt gnadenlos und frei von Furcht ihren kleinen bösen Zeigefinger in die offenen Wunden der Gesellschaft in allen ihren Ausprägungen. Kenntnisnahme dieser satirisch-zynisch-komplexen Gedankengänge könnte unter gewissen Umständen Nebenwirkungen und Spätfolgen haben: Bewußtseinserweiterung nicht ausgeschlossen. Wer dieses Risiko bereit ist einzugehen, tut dies auf eigene Gefahr und entbindet die Urheberin und alle ihre Kommentatoren von jeglicher Haftung für plötzlich einsetzende Denkprozesse… Gott, Mädel – Du bist ja sooo gut !!

    • Dearest, you are quite unfair….. dein Kommentar ist deutlich besser als der ganze Artikel. Der Beweis: Tim findet ihn Spitze. Und zu meinen
      Artikeln sagt er immer nur, „ja, schön:-)

      • Bei Dir muß er nicht schleimen – Du bist die Muddi…;-)) Aber der hat Spaß gemacht, das soll man dann schon auch lesen. Alles prima, Ihr Süßen!

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