Die Insel der Glückseligen

In den Zeitungen ist zu lesen, dass die Sorgen vor der Zukunft und die Angst vor den Flüchtlingen in Deutschland auf über 50 Prozent gestiegen sind. Das heißt, mindestens jeder zweite Deutsche schleppt solche Ängste mit sich herum. Wo sind die? Es muss Städte geben, die sozusagen die gesamte Angst eines Landkreises tragen, mit gebeugten Schultern und sorgenvoll gerunzelter Stirn (oder, um im Bild zu bleiben, mit geknickten Laternenpfählen und löcherigen Straßen) in der Landschaft stehen und verzweifelt in einen trüb grauen Himmel stieren. Das ist sehr lobenswert und ich bedanke mich herzlich bei den Bürgern all dieser Städte, die laut klagend all diese niederdrückenden Probleme schultern.

Denn nur dadurch erscheint es mir möglich, dass mein Erleben in meiner Stadt ein so ganz anderes ist. Offenbar haben sich die restlichen Prozente unter anderem hier niedergelassen. Ich habe mit vielen Menschen über dieses Thema gesprochen, keiner zeigte angstbehaftete Reaktionen. Im Gegenteil, offene Arme und Unverständnis über die Obergrenzendebatte allenthalben. vielleicht lebe ich ja auf der Insel der Glückseligen. Verfolgt man die Diskussionen im Fernsehen hat es den Anschein, als gäbe es noch weitere solche Inseln und manchmal frage ich mich, wo diese über fünfzig-Prozentigen alle sind. Irgendwo müssen sie ja sein, steht doch neulich wieder zu lesen, dass der Umsatz von Pfefferspray gegenüber dem Vorjahreswert um 700 in Worten: siebenhundert! Prozent gestiegen ist. Das Zeug muss ja irgendwer gekauft haben. Und die Nachfrage nach Waffen steigt ebenso. Wer, zur Hölle, braucht in Deutschland eine Knarre? Da regen wir uns über die Amis mit ihrem idiotischen und gefährlichen WaffenUNgesetz auf und kaum lesen wir was über (angebliche) Überfälle von (angeblich) den Flüchtlingen, rüsten wir auf. Also natürlich nicht wir, auf unserer Insel, sondern die da, die über fünfzig-Prozentigen, wo auch immer sie sein mögen.

Ich verstehe das nicht. Unsere Insel-Flüchtlinge sind hilfsbedürftige, traumatisierte, dankbare und auch manchmal anspruchsvolle oder unverständige Menschen. Ist eben alles dabei, bunte Palette. Klar, nicht alle sind gleich sympathisch, aber Angst habe ich vor keinem. Oder jedenfalls nicht mehr, als ich sonst vor anderen Menschen habe.

Wobei, wenn ich genau darüber nachdenke, stimmt das nicht so ganz. Neulich zum Beispiel: ich gucke leidenschaftlich gern Talkshows. Da saß vor kurzem Beatrix von Storch drin, offensichtlich auch eine von Sorgen und Ängsten arg Geplagte, ihr Gesichtsausdruck erinnerte mich vage an das Volk der Klingonen. (Für alle Enterprise Unkundigen, die haben so Sorgenrunzeln auf der Stirn). Nachdem ich ihr eine Weile zugehört hatte, musste ich aber den Fernseher ausschalten, es packte mich das kalte Grauen. Diese Frau mit ihren Anschauungen macht mir mehr Angst als sämtliche Flüchtlinge zusammen es je könnten.

Ähnliches passiert mir neuerdings immer öfter auf Facebook, auch hier spinnt das Grauenhafte immer dickere Fäden, durchzieht scheinbar mühelos immer mehr posts, likes und ähnliches, so dass ich mir jedes Mal schon ein Schlückchen Tequila genehmigen muss, bevor ich mich traue, die Seite aufzurufen. Das mit dem Tequila ist übrigens ein guter Tipp, es schränkt die Zeitspanne auf FB extrem ein. Wenig-Trinkern reicht ein Gläschen am Tag und die Schnapsdrosseln sacken alsbald über der Tastatur zusammen.

Selbst meine geliebte ZEIT scanne ich mit Argusaugen, ob mir nicht wieder ein Satz über Deutsche, die Asylheime anzünden oder die Grenzen schließen wollen ins Auge sticht. Denn das macht mir Angst

Neid, Missgunst, Hass und Abschottungswahn machen mir Angst. Dummheit und Borniertheit machen mich gruseln und Egoismus und Konkurrenzdenken lassen mich verzweifeln.  Dagegen helfen allerdings weder Pfefferspray noch 9mm Geschosse. Und ich stelle fest, auf meiner glückseligen Insel gibt es auch Ängste, Sorgen, Unmut und Verzweiflung. Nur eben anders gelagert. Probates Mittel gegen solche unliebsamen Erscheinungen ist das Einschalten des Denkapparates, das Betrachten der Fakten, das Bilden einer EIGNEN möglichst fundierten Meinung und das Erkennen, dass Konflikte nicht dadurch weggehen, dass wir „weg, weg mit dir, du Konflikt, du blöder“ denken sondern akzeptieren, dass Konflikte zum Leben gehören wie Lebkuchen im Supermarkt im September. Man muss sie ja da noch nicht kaufen. Stattdessen betrachtet man sie jede Woche, wählt einige aus und vernichtet sie dann erfolgreich bis Weihnachten. Es folgt eine kurze Pause, bis Ende Januar die nächsten Probleme in Form von Osterhasen um die Ecke kommen…Mit denen verfahre man dann auf gleiche Weise.

Vielleicht entstehen so noch ein paar mehr Inseln, die am Ende die Größe eines Kontinents erreichen. Wer weiß.

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Ein Gedanke zu “Die Insel der Glückseligen

  1. Was für ein Blog… Was für ein Thema! Und EIN Thema stimmt schon mal gar nicht – viele Themen. Viele Probleme, viele Eindrücke, viele Bilder im Kopf… Alle in einem Kessel Buntes, gut umgerührt – und wir haben eine instabile, unbefriedigende und beängstigende Situation. Hilfe – uns geht’s schlecht! Bei genauerer Betrachtung kommt mir mein Morgenkaffee wieder hoch: nichts, aber auch rein gar nichts paßt in diesem Gebilde. Zueinander. Ja, es gibt Ängste vor Flüchtlingen, Zuwanderern, Ausländern. Ja, es gibt eine aktive Welcome-Bewegung, Hilfsbereitschaft und Anteilnahme. ja, es gibt Panikmache und immer neue häßliche Meldungen über: Übergriffe hierzulande, Terroranschläge auswärts und womöglich hierzulande, Politiker-Bashing überall (vor allem hierzulande)… Und man fragt sich: was war zuerst da – die Henne oder das Ei? Wer hat etwas von einer Panik und Unzufriedenheit unter der Bevölkerung? Wer hat Mittel und Möglichkeiten, Meldungen zu lancieren und zu verbreiten, die für eine Verschärfung der Unruhe sorgen? Was wird fast zwingend in Folge passieren? Jede einzelne Antwort macht mich bekümmert. Gezielte Desinformation, Propagandazauber hatten wir schon. In Deutschland. Öfter… Hat nichts Gutes gebracht. Wir sind wieder auf dem besten Weg, uns global das eigene Grab zu schaufeln. Diesmal können es vielleicht wirklich nur einige wenige Aufrechte, Standhafte und Stimmgewaltige richten: bitte meldet Euch jetzt zu Wort! Bitte gebt uns eine Richtung, die wir verstehen und annehmen können! Künstler und Freidenker – Ihr habt die Chance und die Aufgabe, das Kind aus dem Brunnen zu holen…!

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