Lieber ein pädophiler Pauker als gar kein Abi!

In der ZEIT vom 18.2.16 gibt es in der Rubrik „Chancen“ den Artikel: „Wer war dieser Mann“ über Gerold Becker, der die Odenwald Schule nicht nur lange leitete, sondern auch Schüler lange missbrauchte. Über das wie, wann und warum will ich hier gar nicht reden. Es gibt aber neben all den Widerlichkeiten, die in diesem Artikel auftauchen, einen Satz, der an Furchtbarem in meinen Augen gar nicht zu überbieten ist. Ich möchte zuerst aber ganz klar stellen, dass ich nicht die Eltern furchtbar finde, sondern die gesellschafts- und vor allem schulpolitischen Umstände, die uns alle so prägen!

Zitat: „Manche Kinder haben sich sehr wohl ihren Eltern anvertraut, hörten dann aber: „Du willst dein Abitur machen? Dann hab dich nicht so.“

Dieser Satz, in seiner Schlichtheit und logischen Konsequenz ist für mich eine entsetzlichere Aussage, als alles andere, was ich da gelesen habe. Wie weit sind wir mit unserem Leistungsgedanken in unserer Leistungsgesellschaft, wo nichts anderes als Erfolg, Knete und Aufstieg zu zählen scheinen gekommen, dass Eltern der Abschluss der Schule wichtiger ist, als die körperliche und seelische Unversehrtheit ihrer Kinder? (Hier wäre, glaube ich, das inflationäre Nutzen des Frage-  und Ausrufezeichens durchaus angebracht!)

Und welchen Blick wirft dieser Satz auf unser Schulsystem, so dass für diese Eltern ein Wechsel auf eine staatliche Schule offensichtlich überhaupt keine Option darstellte?

Ich habe selbst einige kurze Erfahrungen mit der Odenwaldschule, allerdings zu einer Zeit, bevor die Missbrauchsskandale an die Öffentlichkeit kamen. Ich habe die Schule zweimal besichtigt und wenn mein Sohn nicht klar gesagt hätte, dass er sich dort überhaupt nicht wohlfühlt, hätte ich ihn vielleicht angemeldet. Trotz hoher Kosten und weiter Wege. Warum? Ganz sicher nicht aus Begeisterung für Internate und elitäres Gehabe. Sondern weil Kinder, die nicht in die üblichen Schubladen passen, in unseren typischen Regelschulen versickern. Sie gehen erzwungenermaßen dorthin, Jahre um Jahre, und verlieren sich dabei. Erst kommt ihnen ihr Lachen abhanden, dann ihre Identität.

Und gerade diese Kinder, die permanent erleben müssen, dass sie „irgendwie anders“ sind, dass sie „nicht passen“, diese jungen Menschen landen dann in Einrichtungen wie der Odenwaldschule. Wo es ein Leichtes ist, sie zu Opfern von Begehrlichkeiten, welcher Art auch immer, zu machen.

Nach der Lektüre eines solchen Artikels überkommt mich ab und an Verzweiflung ob unserer gesellschaftlichen Unfähigkeit. Wir wissen, wie es anders und besser sein könnte. Wissenschaftler zu Hauf schreiben Bücher, geben Interviews, rufen Institutionen und Stiftungen ins Leben, um nicht nur unsere Schullandschaft, sondern unsere Lebenslandschaft zu verändern.  Um sie den veränderten Umweltbedingungen anzupassen, die der Rest der Menschheit partout nicht wahrnehmen  will. Weggucken und Nicht-Denken ist ja auch immer einfacher, nicht wahr? Es geht aber nicht mehr hierarchisch, linear, kausal. Es geht nur noch, wenn wir endlich anfangen, auf Augenhöhe miteinander umzugehen.

Ich wünsche mir, dass zumindest wir Eltern lernen – mich eingeschlossen -, hinzugucken und unsere Kinder so wahrzunehmen, wie sie sind und nicht als zu klein (oder zu groß!) geratener Inhalt für fragwürdige aber gesellschaftlich anerkannte Schablonen. Dann wäre das Abi im Vergleich zu einer glücklich-geglückten (Er-) Wachsenzeit nämlich scheißegal!

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Ein Gedanke zu “Lieber ein pädophiler Pauker als gar kein Abi!

  1. Eben habe ich einen langen, detaillierten Kommentar hierzu geschrieben: weißt ja, daß ich mit dem Thema und meinen Kindern auch einen ellenlangen Stiefel durchhabe. Dann – habe ich ihn wieder gelöscht. Ehrlich gesagt ist das Resignation: ich denke nicht, daß es hier jemals einen so weltoffenen und individuellen Zugang zu Bildung geben wird, den wir uns wünschen. Wer seinen Kindern andere Chancen eröffnen will als das normgerechte 08/15-Paket, wird weiter Spießruten laufen und mit der eigenen Verzweiflung bezahlen. Es ist einfach nicht gewollt, daß herausragende Persönlichkeiten herangezogen werden! Armes Deutschland!

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