9 von 10 meiner Patienten kriegen Ohrenschmerzen…

… na, wenn das mal kein „Qualitäts“urteil ist. Oder eher die Gabe der Weissagung?

Was ficht Ärzte an, ihren Patienten solche „Wahrheiten“ um die Ohren zu hauen? Es gibt heute nur wenig Zweifel darüber, dass Worte wirken. Manchmal wahre Wunder, öfter aber  Ungewolltes. Ein wenig mehr Offenheit, Neugier und die Bereitschaft, sich auch mal bisher Ungewohntem zuzuwenden, würde diesen Menschen in Weiß gut zu Gesicht stehen. Und ihren Patienten vermutlich gut tun!

Anlass für diesen Artikel ist folgende Geschichte: meine Tochter musste sich mit 17 die Mandeln entfernen lassen. Wir hatten es lange genug hinaus gezögert. Letztes Jahr im September begann das Ärztekarussell. Zuerst zum HNO. Der hat ihr erklärt, dass es in der Tat nötig ist. Und nicht so ohne. Aber sie bekäme Schmerzmittel für die zwei Wochen nach der OP. Die würden ganz gut helfen. Also, wehtun würde es dann zwar immer noch, aber es wäre erträglich.

Ich saß daneben und war entsetzt. Als Hypnotherapeut reagiere ich allergisch auf solche Aussagen.  Meine relativierende Bemerkung, das würde schon nicht so schlimm werden und die Medikamente zeigten ja allgemein doch eine gute Wirkung quittierte der Arzt mit einem, nun ja, eine Mandel OP in dem Alter sei eben schwieriger und Schmerzen würde sie schon haben. Als ich ihn dann fragte, ob ihm klar sei, was Worte so bewirken könnten antwortete er lapidar: „Ich muss meinen Patienten doch die Wahrheit sagen“. Bitte, lieber Gott, nimm den Dottores doch endlich diese Ausreden!

Das war im September, die OP war für Januar angesetzt und ich dachte bei mir, bis dahin hätte ich noch genügend Zeit, hypnotherapeutisch für gute Gesundung meiner Tochter zu sorgen.

Im Januar, am Tag vor der OP, war die  Voruntersuchung. Mit der Bemerkung des Arztes, die wären ja ganz schön groß, die Mandeln, aber das ginge schon. Es gäbe ja Schmerzmittel!

Nach der OP kam abends der Operateur noch mal ins Krankenzimmer, blickte meine Tochter an und sagte: „Die OP ist gut verlaufen. Du wirst mich sicher hassen in den nächsten zwei Wochen aber die Mandeln waren so groß, die mussten raus. Und da musst du jetzt durch, das tut mir leid. Aber in vier Wochen ist alles wieder ok.“

Am nächsten Tag Nachuntersuchung. Mittlerweile bei Arzt Nummer 4. Der meinte, sähe alles gut aus. Dann hörte ich, wie er sagte, „in der fünften Nacht wirst du starke Ohrenschmerzen bekommen. Ein paar Tage später nochmal.“  Ich dachte, ich höre nicht richtig. „Meine Tochter nicht“, sagte ich laut und deutlich zu ihm. „Doch, natürlich, Ihre Tochter auch. Neun von zehn meiner Patienten kriegen Ohrenschmerzen. Nach Tausenden von OP´s weiß ich das.“ „Nun“, entgegnete ich, „meine Tochter wird keine Ohrenschmerzen haben.“  Was ihn nicht weiter beeindruckte.

Am nächsten Tag gleicher Arzt, gleicher Kommentar. Auch von mir. Ich erzählte ihm, dass ich Hypnotherapeutin bin und ob ihm nicht klar sei, welche Wirkung seine Worte auf das Unbewusste haben könnten. Die Antwort, die er mir gab, kannte ich schon. „Ich muss meinen Patienten doch die Wahrheit sagen.“ Das ginge auch anders, entgegnete ich, stieß aber nicht auf eine irgendwie geartete Neugier.

Bei der Entlassung aus dem Krankenhaus sahen wir Arzt Nummer 5. Der fragte, ob wir noch genügend Schmerzmittel für zu Hause hätten. Auf meine Antwort, meine Tochter nähme bereits seit dem Tag nach der OP keine Medikamente mehr meinte er nur, dass es jetzt erst richtig schlimm werden würde, wenn die Beläge anfingen, sich abzulösen. Danke für dieses Gespräch.

Fazit:

Ich habe mit meiner Tochter vor der OP, direkt danach und in den Folgetagen mit verschiedenen Trancen gearbeitet. Das hatte ich im Vorfeld bereits vorbereitet. Die Ohrenschmerzen kamen da etwas überraschend. Wir improvisierten. Da ich da zum Glück bei besagtem Termin anwesend war, konnte ich sofort mit einer Geschichte über Dampfmaschinen (hatte sich meine Tochter in Anlehnung an die Feuerzangenbowle gewünscht) aufwarten. Am Ende hat sie nach dem zweiten Tag keine Schmerzmittel mehr gebraucht, die Wunden sind gut verheilt, sie konnte bereits am dritten Tag feste Nahrung zu sich nehmen und abgesehen von Langeweile und Genervt sein war alles gut auszuhalten. Ohrenschmerzen bekam sie übrigens auch nicht!

Beim letzten Termin, vier Wochen später, habe ich dem Ohrenschmerzenarzt unser Krokodilbuch geschenkt. Mit der Bitte, ob wir uns nicht mal zusammen setzen könnten, um gemeinsam zu überlegen, wie den restlichen neun Patienten zu helfen wäre. Das war vor 2 Monaten. Leider habe ich bis heute nichts von ihm gehört…

 

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2 Gedanken zu “9 von 10 meiner Patienten kriegen Ohrenschmerzen…

  1. Guten Morgen! Mit Genuß las ich diesen Beitrag und war trotzdem sofort zwiegespalten: natürlich neige ich zur medikamentenfreien Behandlung und bewundere Deine Arbeit. Erfolg gibt recht, gerade beim Heilen und Helfen… Aber von einem Arzt erwarte ich genau das, was er getan hat: die schonungslose Aufklärung über seine Veranlassungen und die Folgen. „Das tut gar nicht weh!“ und die spätere Enttäuschung und Frustration waren Ursache für viele Generationen Arztangst – geschürt aus dem bewußten Kleinreden der Schmerzen und Belastungen, um keine unnötige Sorge zu erzeugen. DIese Philosophie hat sich Gott-sei-Dank in den neunziger Jahren verabschiedet und dem Realismus Platz gemacht. Jetzt treffen Deine Methodik und die brutal ehrliche Ansprache aufeinander…: eine wunderbare Wendung wäre es tatsächlich gewesen, wenn der betreffende Mediziner den Kontakt zu DIr aufgenommen hätte, um ein Konzept zu erarbeiten, wie man dem Patienten ehrlich begegnen kann, ohne die Selbstheilungskräfte und die Imagination zu blockieren. Sehr schade, kann ich nur sagen – das wäre ein fortschrittlicher und zugewandter Ansatz gewesen, neue Wege zu gehen, das Vertrauen in die Arztperson zu stärken und ggf. damit unnötige Medikamentengaben generell zu reduzieren. Zu diesem Happy End wird es auch im Nachhinein nicht kommen, fürchte ich. Es bleibt zu bedauern…

    • Ich danke dir für diese Worte, denn sie geben mir Gelegenheit, noch mal etwas klarzustellen. Denn du hast natürlich absolut recht, das Verharmlosen und Ausblenden von Nebenwirkungen kann nicht das Ziel sein. Aber, wie du richtig schreibst, gäbe es ein wunderbares Dazwischen. Im Sinne von, „Es könnte sein, dass Sie ein Druckgefühl oder Ähnliches an den Ohren merken. Manchmal ist das eine Nachwirkung, weil …..“ und dann eine entsprechende kurze hypnotische Intervention am Schluss (…wenn Sie beim Ein- und Ausatmen bewusst die Verbindungen zwischen Ohr- und Rachenraum mit Luft füllen, tun Sie sehr viel als Vorbeugung … ) je nachdem, was der medizinsche Hintergrund eben ist. Insofern hätte ich einen Austausch auch sehr gut – und vielleicht sogar sehr produktiv – gefunden.

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