Bedingungslose Intelligenzverteilung

In unserer Lokalzeitung stand neulich ein Bericht über eine Familie mit 2 Kindern, deren IQ deutlich über 130 liegt. Eines hat im zarten Alter von 15 Jahren bereits ein 1,0 Abitur in der Tasche und ist auf dem Sprung an die Uni. Das zweite ist auf dem besten Wege, es dem ersten gleich zu tun. Hier scheint der Herrgott verschwenderisch mit Intelligenzmolekülen umgegangen zu sein. Ich gönn´s den beiden.

Trotzdem, mit 15 darf man nicht ohne Begleitung der Eltern in eine Disco – und dann auch höchstens bis 22 Uhr. Selbst ein Kinofilm muss um diese Uhrzeit zu Ende sein, will der Jugendliche ihn ohne Aufsicht angucken. Mit 15 darf man weder den Führerschein machen noch eine Wohnung mieten. Man darf  kein Konto eröffnen oder wählen gehen. Und das alles ist auch gut so. Nicht nur, weil Jugendliche in diesem Alter manchmal nicht so ganz zurechnungsfähig sind (nichts deutet daraufhin, dass sich das mit 18 schlagartig änderte!), sondern in meinen Augen vor allem deshalb, weil die Jugendlichen eins auszeichnet: sie sind jugendlich. Also irgendwie doch noch Kinder. Sie sollten diese Jahre eher im Modus „unbeschwert ausprobieren“ verbringen, statt als Mikro-Erwachsene Verantwortung für ihre Zukunft übernehmen zu müssen. Die Tatsache, dass Kinder immer mehr gefördert – um nicht zu sagen getriezt – werden, dass es für Erstsemester in den Unis Elternabende gibt, weil immer mehr Studenten auf Grund des leidigen G8 unter 18 sind, scheint mir das Tüpfelchen auf dem „i“ des Verjüngungswahns zu sein. Die heutigen Studienanfänger brauchen Papas Fahrdienste und Mamas Unterschrift auf Miet- und Bankunterlagen, da wird der Bildungsgedanke doch ad absurdum geführt: Autofahren is nich… aber euch für den Wirtschaftskreislauf fit machen dürft ihr schon mal. Was soll das? Wer braucht das? Und wohin führt das?

Auf der anderen Seite kommt die Bildungsgerechtigkeit ins Spiel. Es ist längst bestens untersucht, wie die Chancen da verteilt sind: nämlich sehr ungleich. Der Zusammenhang zwischen Herkunftsfamilie und Schulerfolg ist belegt, Akademikerkinder haben bereits nach den ersten vier Schuljahren einen deutlichen Vorsprung vor Migranten – und Arbeiterkindern. Das ist kein Wunder, frühkindliche Förderung ist kein Ausdruck für den Besuch beim Logopäden sondern ein „Chinesisch-Klavier-und-wasweißich-lernen Muss“ für alle, die es sich leisten können. Im monetären und intellektuellen Sinn. Der Nachhilfemarkt boomt – auch für Grundschüler. Und auch bereits für Schüler, die gute bis befriedigende Noten haben. Gut ist eben noch lange nicht gut genug. Fragt sich zwischendurch auch mal jemand, welche Werte wir da als Gesellschaft der nächsten Generation vermitteln? Der Leistungsgedanke scheint bereits vorgeburtlich einzusetzen…

Ja, wir brauchen dringend Nachhilfe, aber eher für Eltern, Lehrer und Bildungspolitiker! Und zwar in den vernachlässigten Ü-Ei Fächern „Spiel, Spaß, Spannung“.

Für den schulischen Erfolg (und ich schreibe hier absichtlich „schulisch“ und nicht Bildungserfolg – Schule hat mit Bildung nur peripher zu tun) ist durchaus nicht nur der IQ zuständig, das belegen zahllose Hochbegabte, die die Schulen mit einem schlechten oder gar keinem Abschluss verlassen. Entscheidend sind auch soziale Herkunft, Klima der Schullandschaft und eine Erziehung, die Möglichkeitsräume schafft, statt Wege zu verschließen. Die Familie aus dem Anfangsbeispiel ist eine typische Akademikerfamilie; Zeit, Wissen und Finanzen gewährleisten somit genau das! Das ist wunderbar für die Betroffenen und führt direkt zu meiner These der bedingungslosen Intelligenzverteilung.

Die ungleiche Verteilung der Gelder im Lande sind die  Grundlage für die Forderung nach dem bedingungslosen Grundeinkommen, mehr Steuergerechtigkeit und Änderungswünsche beim Rentensystem. Nun lassen sich selbstverständlich Geldströme leichter in viele kleine Nebenflüsschen aufteilen als Intelligenz. Nichts desto trotz könnte man doch darüber nachdenken, ob man diejenigen, die leicht, schnell und womöglich mit Begeisterung lernen, nicht etwa mit 15, 16, 17 bereits den Universitäten einverleibt, sondern sie statt dessen den Schwerlernern für einige Zeit an die Seite stellt. Aktives Mentoring, bereits in der Grundschule, wenn nötig. Im Laufe ihres Schullebens könnten diese Kinder Praktika an ihren Schulen absolvieren, den Lehrern beim Unterrichten zur Hand gehen, einen „Lernbeistandspakt“ schmieden und für ihre Mitschüler so einen Ausgleich schaffen, Balance herstellen und Gerechtigkeitslücken schließen.

Davon würden alle profitieren: die einen, weil sie die Unterstützung kriegten, die sie brauchen. Die Klassen, weil ein ganz neues Gemeinschaftsgefühl entstehen könnte und das Lernen fröhlicher und dadurch erfolgreicher würde. Die Lehrer, weil sie so eine dringend benötigte Unterstützung bekämen und auf einmal Partner im Klassenraum hätten, die auch ein gemeinsames Lehren ermöglichten. Und nicht zuletzt die Helfer, die Verantwortung für andere übernehmen dürfen, soziale Kompetenzen erwerben, Reife erlangen, vermutlich Freude und Stolz auf „ihre“ Schüler erleben und somit haufenweise Glücksgefühle geschenkt bekämen.

Ich kann mir viele Modelle dazu vorstellen. Von Unterstützung nur einiger Stunden, über Monatspraktika bis hin zum Unterbrechen der Regelschulzeit und einjährigem Mentoringprogramm. Das Auslandsjahr mal anders gedacht. Unser unsäglicher Leistungsgedanke könnte sich wandeln zum Gemeinschaftsgedanken. Ja, die Schulzeit würde vermutlich wieder länger –  aber wem schadet das? Statt sich mit der 16jährigen die Wochenenden über auf  Wohnungssuche in der nächsten Universitätsstadt herumzuplagen können Eltern ihren erwachsenen Kindern den Autoschlüssel in die Hand drücken, „mach mal“ sagen und sich an die Ostsee verkrümeln.

Dann hieße es nicht mehr „wer hat, dem wird gegeben“ sondern „wer hat, gibt ab!“     Wäre das nicht ein schönes Motto für das junge 21. Jahrhundert?

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2 Gedanken zu “Bedingungslose Intelligenzverteilung

  1. Um die anregende und partiell aufgeregte Livediskussion auch hier noch einmal ins Rollen zu bringen: ich bin kein Freund der Aussicht, daß Kindern per Erlaß der Zugang zu höherer Bildung vor Erreichen eines Stichalters verwehrt und statt dessen ein vielleicht willkommenes, vielleicht aber auch verhaßtes Engagement für die u.a. aus lernschwächeren Schülern bestehende Allgemeinheit aufzuoptruieren. Wir sind uns einig, was die unzureichenden individuellen Angebote angeht, die unser Bildungssystem leider nach wie vor nicht zu bieten hat. Reformen und Reförmchen verschlimmbessern bislang einen untragbaren Zustand. Untragbar zumindest für jeden, der sich dem allseits beliebten Schema F nicht unterordnen mag. Der aus der Reihe tanzt, herausragend per Super-IQ oder eben anders funktionierenden Verknüpfungen im Gehirn, die gerne als Behinderung abgestempelt werden. Egal – das Problem bleibt, allen Bedürfnissen gerecht zu werden. Das kann schlußendlich nur über eine Wahlfreiheit zwischen unzähligen gestaltbaren Varianten gelingen und nicht durch Verbote und Regulierung. Wann hat so etwas schon jemals einen gewünschten Effekt gebracht – so langfristig, wie unsere Welt, unser Leben, unsere Zeit es erfordern würden? Die superintelligenten Schulversager gibt es immer wieder, aber sicher nicht einer fehlenden Sozialisierung mit vergleichsweise langsam Lernenden wegen. Eine bedarfsgerechte und neigungsorientierte Förderung ist der einzige Weg, Bildung (sprich: Schule) spannend und aufregend zu gestalten. Wie es die Norm sein sollte und eigentlich keiner Debatten bedarf. Wunschdenken…?! Hier und heute: ja. Ausnahmen ausdrücklich ausgenommen. Utopie? Mitnichten. Ich bin optimistisch, daß eine Interessenverlagerung von Militär und Rüstung auf Familien und Bildung, von Fremdbestimmung auf freiheitlich organisiertes Leben und Lernen, von Vereinheitlichung auf Individualisierung, von Abstrafung von Regelbrüchen hin zu positiver Bestärkung mehr Sinn macht als… Deine Idee. Und dabei bin ich sogar überzeugt, daß Dir mein Ansatz ebenso gefällt und entspricht und wir uns in der Sache eigentlich einig sind. Nur unsere Wege… Aber bekanntlich führen ja alle irgendwie nach Rom…;-))

  2. Klar sind wir uns einig und ich gebe dir auch völlig recht. Ich glaube, wenn wir uns auf ein „sowohl als auch“ statt auf ein „entweder-oder“ einlassen könnten, also nicht nur du und ich sondern alle denkenden Wesen, dann wäre die Umsetzung von erfolgversprechendem Was-auch immer sehr viel leichter. Und gerade dann, glaube ich, hätte ein Vorschlag wie meiner (abzüglich aller Überspitzung) eine hohe Sogwirkung auf die Beteiligten und wäre dann eben nicht aufoktruiert, sonder ganz und gar freiwillig – weil sinnmachend!

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