Der Apfelkuchen Effekt

Es ist ein Phänomen: manchmal sind wir hoch effektiv, arbeiten zügig, entscheiden  schnell und zu anderen Zeiten zögern wir mit einer unglaublichen Entschlossenheit alle mögliche Entscheidungen hinaus, überlegen, wägen ab, finden wichtiger Dinge zu tun – kurz, wir verhalten uns, als wären wir beim Casting für die Hauptrolle in  Samuel Becketts  „Warten auf Godot“.

Wie die Darsteller in Godot er-finden auch wir in dieser Warteschleife dringende Aufgaben, die uns davon abhalten, uns mit dem anliegenden Thema auseinander zu setzen. Ich habe zum Beispiel eine ganze Palette von solchen Tätigkeiten: Bügeln, endlich die Marmelade aus den seit einem Jahr eingefrorenen Früchten kochen, im Internet  nach dem neuen PC suchen, zu dessen Kauf ich mich nun schon seit Monaten nicht entschliessen kann……das kreative Ausweichen setzt zu ungeahnten Höheflügen an. Nur weiter bringt uns das nicht – glauben wir.

Also ab in die Aktivität, energisch packen wir die Probleme des Alltags an, befassen uns endlich mit der Steuererklärung, den Urlaubsprospekten,  und wollten wir nicht doch noch eine Fortbildung machen? Äh.. in welchem Bereich noch mal? Egal, Entscheidung tut not, WIR lassen uns doch nicht von Unsicherheit und Unentschlossenheit behindern, überwältigen, niederdrücken! Ha, dem Mutigen gehört die Welt!

Natürlich gibt es Situationen, wo eine schnelle Entscheidung geradezu geboten ist. Oder vernünftig. Wer will schon von mittags bis Ladenschluss vor dem Marmeladenregal stehen und Menge, Preise und Inhaltsstoffe vergleichen?

Wenn es aber um Lebensentscheidungen geht, wie zum Beispiel, welche berufliche Richtung man einschlagen soll, sollte man sich – sofern unsicher ob der Wahl der Möglichkeiten – ruhig etwas Zeit nehmen.  Zeit, die uns in unserer hektischen Gesellschaft oft nicht gegönnt wird. Man denke nur an das umstrittene G8. (Als ich meinen Schulabschluss gemacht habe war ich 19 Jahre alt  und noch  keineswegs sicher, was ich mal werden will. Wie kann ich da von meinen Kindern erwarten, dass sie das mit 17 wissen? Und möchte ich wirklich von einem Arzt behandelt werden, der zwar ein bombiges Abi nebst Studium hingelegt hat, aber mit drei- oder vierundzwanzig Jahren über nur wenig Lebenserfahrung verfügt?)

Hier kommt nun der Apfelkuchen Effekt ins Spiel:

Wenn Sie einen Hefekuchen backen wollen, der dann möglichst auch leicht und locker wird, gilt es nicht nur, alle Zutaten zusammen zu mischen, sondern auch, dies in einer bestimmten Reihenfolge zu tun. Sie können ja mal ausprobieren was passiert, wenn Sie die Eier erst dann zum Teig geben, wenn dieser schon fertig geschlagen ist…… Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, mit viel Liebe und Mühe wird dann doch noch ein vernünftiger Teig daraus, aber, es dauert……. unendlich viel länger!

Und wenn Sie sich selbst und besagtem Teig nicht zwischendurch die Zeit gönnen, in der er „gehen“ (oder „reifen“) kann, dann wird daraus zwar vermutlich noch ein essbarer Kuchen, aber doch nur eine Kümmerversion dessen, was er hätte werden können, hätte man ihn gehen lassen……

Wenn du es eilig hast, gehe langsam“ sagt ein chinesisches Sprichwort.

In Zeiten, wo wir das Gefühl haben, jetzt aber endlich, endlich, endlich eine Entscheidung treffen zu müssen (und nicht sosehr, treffen zu dürfen), sollten wir an diesen klugen Satz denken. Ich stelle mir dann zwei Apfelkuchen vor, einen, der nirgendwohin gehen durfte und einen, der Zeit genug hatte, sich zu entwickeln……

Welchen hätten Sie wohl lieber auf dem Teller?

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