Einen Labello vom Bund.

Der Kollege meines Nachbarn hat einen Freund, der hat eine Tochter. Die Tochter hat einen Klassenkameraden, der im gleichen Verein ist wie ein Mädchen, deren Cousine neulich eine alte Freundin aus Grundschultagen getroffen hat. Da haben sich die beiden gefreut und ein wenig miteinander geplaudert. Und die Geschichte, die die Grundschultagefreundin erzählt hat, ist auf diese, total gut nachzuvollziehende Weise, bei mir gelandet. Ich verbürge mich also fast für den Wahrheitsgehalt.

Besagte junge Dame, kurz vor dem schulischen Abschluss stehend, hat sich für eine Ausbildung bei der Bundeswehr beworben. Für welche, weiß ich nicht. Aber das spielt hier auch nur eine wenig tragende Rolle. Jedenfalls lud man sie offensichtlich zu einem Beratungsgespräch ein. Wie informativ das war, weiß ich auch nicht. Aber auch das ist für den Fortgang der Geschichte nicht entscheidend.

Entscheidend ist, dass der Bundeswehrberater ihr zum Abschied nicht nur einen Werbekugelschreiber, sondern auch einen Werbe-Labello überreicht hat. Und zwar mit den Worten: „Da können Sie sehen, wohin Ihre Steuergelder fließen“.

Nun hat sicher nicht jeder einen Lippenpflegestift, der in Tarnfarben gestaltet ist. Die Hülle. Nicht das Innere. Und bestimmt wäre der eine oder andere durchaus bereit, ein paar Euro für so ein besonders, hm, individuelles Stück auszugeben. Ich muss gestehen, ich wäre es nicht, aber ich bin modisch auch nicht so ganz auf dem Quivive.

Bei meiner Recherche nach weiteren Werbeartikeln der Bundeswehr  im Netz stieß ich auf so feine Sachen wie zum Beispiel die „TOP GUM Gummibärchen. Haribo macht Kinder froh, und Soldaten ebenso“, verpackt in eine nette Camouflage Tüte mit hübschen Panzern, Jeeps, Fregatten und ähnlichem Verteidigungsgerät garniert. Auch schön ist der Herr Bert,  ein knuffiger kleiner Gummimann, erinnert ein wenig an die Mainzelmännchen. Der steht  gleich für mehrere öffentliche Dienste bereit. „Zum Knautschen, Schmusen und Erinnern“.  Da passt so ein Lippendings prima ins Programm.

Der Spiegel schrieb am 23.11.2014, dass der Werbeetat der Bundeswehr für 2015 um 18% auf 35,3 Millionen Euro steigen sollte. Nimmt man einen ungefähren Einkaufspreis von 1 Euro an, so könnten 35,3 Millionen Lippenpflegestifte in Tarnmontur verteilt werden. Da auch ich einen Beitrag zum deutschen Steueraufkommen leiste, lässt mich das hoffen. Vielleicht kriege ich ja mal irgendwo einen zu Gesicht. Und wer weiß, am Ende erstreckt sich das „Tarnen und Täuschen“ gar nicht nur auf die Plastikhülle, sondern die Pflege im Lippenstift tarnt meine Fältchen und täuscht ein jugendlicheres Alter vor? Dann wären meine Steuergelder echt gut angelegt.

Schieflage in Studentenköpfen

Oder: Halloween…grusel, Teil 2

Im Dezember 2015 habe ich hier über amerikanische Studenten geschrieben, die sich von bestimmten Halloween Kostümen in ihrer Psyche verletzt fühlen und fordern, nur politisch, eth(n)isch und sonst wie korrekte Kostüme auf dem Campus zuzulassen. Die Professorin, um die es bei diesen Protesten ging, hat sich übrigens inzwischen von ihrem Lehramt verabschiedet.

Es folgt nun in der ZEIT vom 14.Januar 2016 eine Erweiterung dieser untypischen Studentenrevolten. Unter dem Titel, „Die Debatten-Polizei“ beschreibt ein Professor, welche Auswüchse die Ängste und Unsicherheiten der Studenten annehmen. Und das tut er anonym, da er um seinen Arbeitsplatz fürchtet! Was mir wiederum Angst macht. Er führt unter anderem folgende Beispiele auf:

Studenten erwirken ein Disziplinarverfahren gegen eine Professorin, die der Meinung war, man solle vorsichtig mit dem Vermischen von Liebesgeschichten und Missbrauch sein.

Ein Mensa-Chef, der internationale Küche servierte, erntete Wut und Beschwerden, da das Essen nicht der Güteklasse des entsprechenden Landes entsprach und somit die dortige Kultur verfälsche. Eine Anmaßung des Chefs und eine Abwertung der jeweiligen Ethnien.

Studenten verlangen von ihren Professoren, sie sollen Warnhinweise bei bestimmter Lektüre formulieren. Sonst könne es beim Lesen zu Traumata kommen.

Für Letzteres gibt es einen Begriff im Englischen. „Trigger – warning“, was so viel heißt wie, jeder Text, jeder Film, jede unterrichtsrelevante Äußerung soll, fragt man die beteiligten Studenten, mit einem Warnhinweis versehen werden, der, bevor überhaupt ein Wort gelesen wird, darauf hinweist, dass der Text irgendwie verstörende Inhalte enthalten könnte. (Im Grunde finde ich die Idee gar nicht schlecht, würde sie aber gern im Besonderen auf die Trivialliteratur und diverse Fernsehsender ausweiten. „Achtung: der Inhalt dieses Buches/dieser Sendung ist so inhaltsleer, dass die Tatsache, dass es Mitmenschen gibt, die dies lesen oder sehen, verstörend auf Sie wirken könnte“. Oder so ähnlich.)

Auch schön ist der Begriff „microagression“, also Miniagression. Das bezieht sich auf Bemerkungen, die meist gar keinen ethischen, politischen, kulturellen oder gender Hintergrund haben, denen dies aber unterstellt wird. Wie zum Beispiel: „Der qualifizierteste Bewerber soll den Job erhalten“. Hier wird unterstellt, dass Hautfarbe oder Geschlecht niemals nicht eine Rolle spielen. Was, wie wir alle wissen, nur bedingt stimmt und daher ist ein solcher Satz ein no-go und universitär verpönt.

Das mag ja alles ganz lustig klingen, es stellt sich jedoch die Frage wie es kommt, dass die studentische Landschaft in den USA sich auf solch frappierende Art und Weise verengt hat. Sollte man doch davon ausgehen, dass die Universitäten eher Brutstätten von Freiheit, Weite, Quer- und Andersdenkertum sind. Was geht in den Köpfen – und in der Psyche – dieser jungen Leute vor, dass sie solche Angst vor einer untypisch gewürzten, glutamatfreien Frühlingsrolle haben? Woher kommen Angst vor Offenheit und Freizügigkeit? Haben heutige Studenten Panik vor einer eigenen Meinung? Und geht damit nicht Angst vor Verantwortung und also Verlust derselben einher? Andererseits, rufen wir nicht alle im Gegenzug nach mehr Verantwortung für unser eigenes Leben? Woher kommen solche Paradoxien?

Diese Studentenproteste haben etwas Kleinkindhaftes. Wenn ich mich nicht traue, eigenständig und selbstverantwortlich zu denken und zu handeln, wie alt bin ich dann? Drei? Fünf? Sieben? „Mami, ich habe mich gestern mit Inga gestritten, soll ich heut zu ihrer Geburtstagsfeier gehen? Mami, sag mir, was ich tun soll.“

Das, so scheint es mir, ist ein gesellschaftliches Problem, das wir nicht auf die leichte Schulter nehmen sollten. Zumal sich auch bei uns Ähnliches abzeichnet. Denke man nur an die Geschichte mit Prof. Herfried Münkler von der Humboldt Universität Berlin.

Aus all dem entnehme ich, dass das Studium nicht so beschwingt und gefahrlos ist, wie ich bisher immer gedacht habe. Bevor ich also meine Kinder in diesen Dschungel entlasse, habe ich für sie  einen Beipackzettel geschrieben. So, wie man bei Medikamenten, die ja gut gemeint die Gesundheit wieder herstellen sollen, vor Nebenwirkungen warnt, so sollte man das inzwischen wohl auch für den Aufenthalt an unseren Hochschulen tun.

Studienbeipackzettel

Wenn Sie die Universität, deren Hörsäle und Mensen betreten und dabei womöglich mit andern Menschen ins Gespräch und anderen Meinungen in Kontakt kommen, dann tun Sie das ausschließlich auf eigene Gefahr!

Bitte bedenken Sie, dass das Lesen von bereits nur einem Wort, ganz besonderes jedoch das Lesen mehrerer Worte hintereinander (Sätze) in x% der Bevölkerung Emotionen auslöst. Dies können auch zunächst unerwünschte Emotionen sein. Ähnlich wie in der Homöopathie spricht man hier auch von Erstverschlimmerung. Durch nachträglich einsetzendes Denken kann diese jedoch in kurzer Zeit behoben werden. Sollte das nicht gelingen hilft nur, in Zukunft jedes Wort nicht als Ganzes zu lesen, sondern zu buchstabieren. Dies hat allerdings ebenfalls Nebenwirkungen zur Folge, meist äußern sich diese dadurch, dass das Gelesene kaum oder gar nicht verstanden wird.

Der sprachliche und gedankliche Austausch mit Professoren (durch das Betreten der Hörsäle ohne Ohropax oder das Lesen der von diesen verfassten Artikel, Bücher etc.) und Mitstudenten kann zu veränderten Bewertungen der eigenen Lebenswirklichkeit führen. Emotionale Verletzungen und Irritationen sind dabei nicht ganz auszuschließen.

Warnhinweise auf Büchern, Texten, Filmen und Ähnlichem, im Sinne von trigger-warning, oder, auf Deutsch, vorauseilender Zensur, können die eigene Denkfähigkeit einschränken. Derartige Warnhinweise sollten also mit einem eigenen Warnhinweis versehen werden: „Achtung: Denkfähigkeitsgefährdung!“

Besonders für Professoren gilt folgendes:

Das Hinwegsetzen über jeden einzelnen kleinen Wunsch und jede einzelne kleine Befindlichkeit jedes einzelnen kleinen Studenten, kann zum Verlust von Ansehen bei Dogmaten und ähnlich Beschränkten führen.

Das Vorwegnehmen des Denkprozesses oder das vorauseilende Meinungsbilden durch Vorab-Warnungen führt zu intellektueller Stimulationsunterdrückung bei den Studenten und zunehmenden Frustrationserlebnissen beim Lehrkörper. Professoren verkommen zu Hofnarr-ähnlichem Dienstpersonal und verlieren ihre inspirierende Wirkung. Auch hier muss die nicht unerhebliche Nebenwirkung des fluchtartigen Verlassens der höheren Lehranstalten und das Veröden derselben Erwähnung finden.

Abschließend soll noch das einzig bisher als wirksam bekannte Gegenmittel vorgestellt werden. Es ist das Bewusstmachen, Akzeptieren und Integrieren folgender Wahrheit:

DIE  BEDEUTUNG  DER  BOTSCHAFT  BESTIMMT  IMMER  DER  EMPFÄNGER

In diesem Sinne, verstehen Sie doch, was Sie wollen.

 

 

 

Bodo Wartke, die Wise Guys und ich.

Uns vereint die Begeisterung an der Schieflage der Deutschen Bahn. Konstruktivistisch und systemisch gedacht und gehandelt, setzen wir die ärgerlichen Begegnungen mit dieser Institution irgendwie künstlerisch um. Die Wise Guys in ihrem im wahrsten Sinne des Wortes bahnbrechenden Lied „Sänk ju for trävelling wis Deutsche Bahn“

Bodo Wartke verarbeitet seine Erlebnisse in seinem Reisetagebuch, in dem er erklärt, wie man sich gut auf Verspätungen und andere Problematiken vorbereitet. Als Stichpunkt seien hier nur Zelt und Campingkocher genannt.  Oder wie man im Zug Fahrkarten für die in der Zwischenzeit dort geborenen Kinder löst.

Ich schreibe einfach darüber. Folgendes passierte neulich:

Ich fahre mehrmals im Monat nach Frankfurt. Ab und an tue ich das so oft, dass es sich rentiert, eine Monatsmarke des örtlichen Verkehrsverbundes zu erwerben. Bis zum 31.12.15 war das kein großes Problem. Ich ging an den Automaten bei mir zu Hause (kleiner Bahnhof, verständlicherweise wurden Fahrkartenschalter dort schon vor vielen Jahren abgeschafft), touche mit dem Finger auf dem screen herum, bis die richtige Anzeige erscheint, zahle und kriege ein papiernernes Ticket ausgedruckt. Wobei, kleine Bemerkung am Rande, dass mit dem Bezahlen klappt nicht immer problemlos. Neulich fraß der Automat meine 130 Euro einfach und weigerte sich, mir ein Ticket auszudrucken. Die Rückgabe des Geldes verweigerte er allerdings auch. War aber kein Problem, anhand der auf der Kiste stehenden Telefonnummer erhielt ich die Auskunft, sobald ein Techniker geprüft habe, dass der Automat einen Defekt hat, bekäme ich mein Geld auf das Konto überwiesen. Bis dahin solle ich doch einfach noch einmal 130 Euro vorstrecken… Es dauerte auch lediglich zwei Wochen aber dann war das ganze Geld wieder da. Und das ohne Abzug von Bearbeitungsgebühren!

So, zurück zum Thema. Ab Januar 2016 gibt es das Papier Ticket nicht mehr, man muss jetzt ein sogenanntes E-Ticket, also elektronisches Ticket haben. Das kriegt man natürlich nicht am Automaten, sondern an einem Fahrkartenschalter oder im Büro des Verkehrsverbundes. Wie bereits erwähnt, gibt es diese Einrichtung nicht in meinem Bahnhof. Das macht auch nichts, denn im Moment benötige ich lediglich Einzelfahrscheine. Die sind übrigens teurer geworden. Ich vermutete daher, dass sich auch der Preis der Monatskarte erhöht hat und wollte zumindest schon mal gucken, wie viel Geld ich für das nächste Mal einstecken muss. (Ja, ich bin notorischer Barzahler…). Der Automat verweigerte mir jedoch die Auskunft, weil ich noch nicht im Besitz eines E-Tickets war, das ich dafür an die entsprechende Stelle auf dem Touchscreen hätte halten müssen.

Kein Problem, ich habe abends einfach bei der Rückfahrt auf dem Bahnhof in Frankfurt nachgefragt. Der ist ziemlich groß, da fahren S-Bahnen, Regionalzüge und sogar der ICE. Es gibt dort daher zwar keine Fahrkartenschalter aber einen Informationsstand der Deutschen Bahn. Da saß des Abends ein Jüngelchen drin, welches freundlich sein Privatgespräch auf dem Handy unterbrach, als ich mich näherte. Ob er mir sagen könne, was eine Monatskarte koste? Nein, könne er nicht, da müsse ich am Automaten gucken. Auf meine Erklärung, dass und warum das nicht ginge erwiderte er freundlich, dass ihm das leid tue aber er könne keine Preisauskunft geben, er sei nur für Informationen zuständig.??. Aber am Automaten könne ich… Ich bat ihn daraufhin, mich zum Automaten zu begleiten, um mir zu zeigen, wie ich dort an die gewünschte Information kommen könne. (Manchmal hat es durchaus Vorteile, jenseits der 50 zu sein, man kann so herrlich unwissend tun.) Etwas weniger freundlich verließ er sein Kabuff, gab irgendwas auf dem Touchscreen ein und sagte, da stünde es ja, 65 Euro. Meinen Einwand, dass das unmöglich die richtige Monatskarte sein könne, da diese früher 130 Euro gekostet hätte und eine Halbierung des Fahrpreises gerade bei der Deutschen Bahn doch sehr unwahrscheinlich sei, wischte er ungnädig beiseite. Außerdem, ließ er mich wissen, könne ich eine Preisauskunft am besten am Fahrkartenschalter erhalten. Auf meine leise gemurmelte Bemerkung hin, dass es hier am Bahnhof ja aber doch keinen gäbe zuckte er die Schultern und verkündete lapidar: „Dann gehen Sie doch zum Hauptbahnhof“. Klar, der liegt ja nur etliche Kilometer weit weg. Ich begann langsam, ein wenig ärgerlich zu werden.

Aber da ich ja weiß, dass der Empfänger stets die Bedeutung der Botschaft bestimmt, blieb ich ruhig und bat ihn lediglich, seinem Vorgesetzten doch die Problematik einmal zu schildern, damit dieser wenigstens Kenntnis davon erlange. Die Antwort des Jünglings erstaunte mich. Er habe keinen, ließ er mich wissen. Du lieber Himmel, wenn der gesamte Servicebereich der DB in derart jungen, unwissenden und, ich muss es in diesem Fall leider sagen, unwilligen Händen liegt, wundert es mich, dass da überhaupt noch irgendetwas klappt. Die ganze Geschichte endete mit seinem Angebot, mir einen Zettel mit Telefonnummer zwecks Möglichkeit zur Beschwerde zu geben. Auf diesem stand dann nicht nur die angekündigte Nummer, sondern auch die Information, dass ein Anruf per Festnetz 20 Cent pro Minute kostet. Das nenne ich mal gelungenes Beschwerdemanagement!

Eine Anmerkung zum E-Ticket sei mir aber noch gestattet. Es wird alle potentiellen Schwarzfahrer erfreuen zu hören, dass das Kontrollieren dieses Tickets ca. 10-15 Mal so lange dauert, wie der bisherige kurze Blick auf das Papierteil. Ich habe es nachgemessen! Und das auch nur, sofern das Lesegerät überhaupt funktioniert! Ein Schaffner erzählte mir, dass er es früher schon kaum geschafft habe, durch den ganzen Zug zu kommen, mit dem E-Ticket sei das nun völlig unmöglich geworden. Es gilt also:

Das neue E-Ticket der Deutschen Bahn: Schwarzfahren leicht gemacht.

Auf diese Weise bringt die Bahn mehr Spiel, Spaß und Spannung in unser Leben. Das Ü-Ei der Bahnfahrer. Vielleicht ist das ja der eigentliche Service 🙂

 

 

Etwas mehr Humboldt bitte!

Oder Gauss, oder Kepler. Wie wäre es mit Aristoteles? Ja, in der Antike gab es sie schon, die Bildungskultur, die gleichberechtigt aus Bildung und Kultur bestand. Aristoteles kennen wir vornehmlich als Philosoph, aber er hat sich auch mit Biologie, Physik, Ethik, Staats- und Wissenschaftstheorien  beschäftigt. Und wer weiß, womit sonst noch.

Johannes Kepler, auf den die „Keplerschen Gesetze“ über die Bewegungen der Planeten um die Sonne zurückgehen, war Philosoph, Mathematiker, Astronom, Astrologe, Optiker und Theologe.

Carl Friedrich Gauß, obwohl am bekanntesten als Mathematiker, studierte auch Astronomie, Physik und Geodäsie (Wissenschaft von der Vermessung der Erdoberfläche). Und dass Alexander von Humboldt sich nicht nur mit dem Pflanzen sammeln begnügte, dürfte hinlänglich bekannt sein. Er, der Naturforscher par excellence, erwarb sich Kenntnisse in der Medizin, der Physik, der Mathematik und dem Bergbau, er studierte auch  bei Zoologen, Biologen und Geologen.

Von der Antike bis zur Aufklärung gab es keine Trennung von Bildung und Kultur. Danach ging es mit diesem Traumpärchen allerdings bergab. Aus der Bildungskultur wurde eine kleine Bildung mit großer KULTUR, dann verschwand die Kultur kurzzeitig ganz. Als ich mein Abitur machte waren bildung und kultur beide kleingeschrieben und heute sieht das ungefähr so aus: b..du..skulu.r.

Ich habe meinen Kindern immer gesagt, geht an die Uni, studiert, nie wieder werdet ihr ein so schönes Leben haben, Freiheit, Bildung, Kultur, Gleichgesinnte, Diskurs und Diskussion, Vielfalt und Artenreichtum allenthalben…die Freuden des Studentendaseins eben.

Heute sehe ich ein, meine Kinder sind intuitiv intelligent. Sie haben irgendwie schon vor langer Zeit, vermutlich bereits in der zweiten Klasse, begriffen, dass sich das mit der Bildungskultur in Deutschland, wo sie mal gut ausgebildet war, nun ja, „aus- gebildet“ hat. Zu Ende ist. Futschikato und vorbei. Seit Bologna geht es vehement bergab mit Bildung und Kultur in unseren Universitäten.

Und die Zeit spielt heute eine wichtige Rolle. Hat sie früher selbstverständlich auch schon. Zeit, um sich zu finden, sich zu orientieren, sich auszuprobieren. Zeit, um in andere Fakultäten rein zu schnuppern, mal ein oder zwei Semester fremd zu gehen, kurz, um den eigenen Horizont (und damit auch den der Kommilitonen, der Freunde, der Familie) zu erweitern.

Heute geht es vor allem um Zeitmanagement. In möglichst kurzer Zeit an der besten Uni den besten Abschluss. Zielgerichtet, geradeaus, zack-zack. Bloß keine Umwege machen – abgesehen vom freiwilligen Auslandssemester, das aber irgendwie auch schon zur Pflichtveranstaltung verkommt. Also:  Gehen Sie nicht über Los (am besten, Sie gehen überhaupt gar nicht erst los, zumindest nicht eigenständig, eigen denkend!), gehen Sie direkt ins Gefängnis.

Auf die Spitze getrieben wird das nun mit Hilfe der online Vorlesungen. Alles virtuell, alles im Netz. Die Gemeinschaft der Studenten ist perdu, findet höchstens noch im Internetcafe statt, beim zu murmeln des WLAN Passwortes. Es treffen sich nicht mehr Menschen mit Wissen, Leidenschaft und Lebenserfahrung (es soll solche Professoren ja noch geben) mit dem Jungvolk, es trifft das Jungvolk auf Bits and Bites. Das ist schön bequem, muss ich nicht mehr morgens um acht mit der U-Bahn durch die Stadt, sondern schalte vor meinem heimischen Schreibtisch einfach vom play- in den learnmodus am PC um. Cool! Und so viel effizienter. Und so viel armseliger. Da bleibt nämlich Bildung auf der Strecke. Es ist nicht zwingend das Fachwissen, dass dann fehlt. Nein, aber der Austausch, die Streitgespräche, das Vermischen verschiedener Meinungen und Ansichten – und der neue Gedanke, der daraus entstehen kann. Wir züchten auf den Zehenspitzen balancierende Akadamiker heran, statt welche, die „breit aufgestellt“ sind.

Und mit dem homelearning geht auch die Kultur flöten. Wunderschöne alte und neue Prachtbauten, Bibliotheken zum Verlieben (wie die von Yale), Vorlesungssäle, die noch den Staub und Geist und Charme aus Humboldts Zeiten verströmen, Mensen und Aulen (ich habe noch gelernt, im Duden zu gucken: man könnte auch Mensas und Aulas sagen :-)), die geradezu danach schreien, sich hier mit Mitstudenten auszutauschen… Es ist ein Jammer. Und für mich völlig unverständlich. Erst haben wir unser Diplom verkauft und nun verwaisen unsere Heiligen Hallen.

Ich wünsche mir für 2016, dass wir am Ende des Jahres nicht eine B…….k…. haben, sondern wieder eine stand- und handfeste Bildungskultur. Auch wenn sie klein anfängt, zumindest wäre sie vollständig.Humboldt, Kepler und Co würde es freuen.

 

Adtzventzkrantzkertzen…

haben nicht nur zu viele Buchstaben, sondern auch zu viel Feuer.

Das findet zumindest die EU-Kommission, die sich bemüßigt fühlt, Kerzen sicherer zu machen. Also weniger feurig. Weniger Dochthöhe dafür mehr Gleichheit. Jawoll. Eine Kerze, wie die andere und achten wir darauf, dass kein Kind mehr das sinnliche Gefühl von Fingern im Kerzenwachs erfahren kann. Im Zuge der Gleichberechtigung machen die Kommissionäre auch vor den Kerzenhaltern, den Kerzenbehältern und dem Kerzenzubehör nicht halt. Na ja, kann sich wenigstens keiner benachteiligt fühlen.

Grund für die Brutstätte, ach nein, Brandstätte dieses Regulierungsbegehrens ist der Fall eines Zimmerbrandes mit tödlichem Ausgang. Auslöser war, na klar, der Adventskranz.

Ich vermute ja, dass unter die auslösenden Faktoren auch Unachtsamkeit, Spieltrieb, falsche Handhabung, oder schlicht Dummheit gehört haben könnte. Oder einfach nur Pech. Soll´s ja geben. Leider gibt es zu dessen Vermeidung noch keine Ideen, geschweige denn Richtlinien. Vielleicht war der Kranz auch schlicht längst vertrocknet und die Kerzen werden völlig zu Unrecht unter Generalverdacht gestellt? Ich fürchte, dass wir das niemals erfahren werden. Einmal Sündenbock, immer Sündenbock. Kennt man ja.

Jedenfalls habe ich den folgenden schönen Satz gefunden: es müssten, möglichst bereits bei der Herstellung, „Gefahren im Zusammenhang mit vernünftigerweise vorhersehbaren Verwendungsbedingungen umfassend berücksichtigt“ werden. Wieder was für meine Sammlung: wie sag ich´s inhaltsleer aber wortreich.

Ich will mich auch gar nicht über das Winzige im Kleinen echauffieren. Die Brüsseler Regulierungsbegeisterten können sicher selbst am besten entscheiden, für wie wertvoll sie ihre  Zeit einschätzen, die sie für den Vaterkontinent (ups, gender. Sagen wir lieber Elternkontinent) einsetzen. Und wir sollten uns nicht entsetzen, sondern lieber wichtige Themen besetzen damit die Brüsseler Spitzen sie dann umsetzen.

Zum Beispiel die Energiewende. Strom sparen, Öl und Kohle sparen, Heizkosten sparen. Für ein gut isoliertes Haus rechnet man zum Beispiel mit einem Heizbedarf von 100 W/m². Eine Kerze hat übrigens eine Heizleistung von 38-100 Watt. Bei einem Adventskranz am vierten Advent (und den Tagen danach!) wäre das, nähmen wir einen durchschnittlichen Wert von 60 Watt an, eine Heizleistung von 240 Watt. Das reicht locker für meine Sofaecke. Ich finde, in Anbetracht des Energiesparaspektes könnte man die Kerzendebatte unter gänzlich anderen Gesichtspunkten führen.

Gerade eben erreicht mich die Nachricht, dass besagtes Regulieren auch auf das Brauen von Feuerzangenbowlen ausgeweitet werden sollte. Aus Expertenkreisen ist zu erfahren, dass man während eines solchen Prozesses wunderbar das Wort  „Tortuga“ mit 80%igem Strohrum in Feuerschrift auf den Tisch schreiben kann… Über die Tatsache, dass die Flammen dabei fast Deckenhöhe erreichen können, breiten wir leise das Mäntelchen des Vergessens. Oder, in Anlehnung an meinen Artikel „Schlupfloch…“ aus dem September 2015 könnten wir auch fix ein solches für Bowlen im Allgemeinen und die mit Feuerzangen im Besonderen kreieren. In der Hoffnung, dass uns diese schöne Tradition erhalten bleibt: Feuerzangenbowle trinken und dabei die Feuerzangenbowle gucken gehört doch irgendwie auch zum Winter.

So wie die Kerzen zum Adventskranz.

 

 

 

Nach Halloween gruselt´s mich noch mehr…

Im Internet bin ich auf die für mich verblüffende Tatsache gestoßen, dass die Halloween Kostüme, von denen ich bisher immer dachte, sie dienten dazu, andere ordentlich das Fürchten zu lehren, an den Unis der USA nur nach strengen Vorschriften ausgewählt werden sollen. Und zwar möglichst so, dass sich niemand in irgendeiner denkbaren (und wohl auch nicht denkbaren!) Form durch eine solche Verkleidung,  ja… äh… wie soll ich es ausdrücken…. emotional berührt fühlen könnte.

So steht auf mehreren Seiten zu lesen (z.B. auf https://www.thefire.org/college-students-should-be-scared-to-celebrate-halloween/), dass bestimmte Kostümierungen andere Menschen, Kulturen oder Religionen diffamieren könnten. Rastalocken, dunkle Haut, Gefängniskleidung oder die Darstellung von Depression und Co sowie verlotterten Halunken wären demnach alles: von fragwürdig bis verboten. (Ein kreatives „Doppelherz, die Kraft der zwei Herzen“-Kostüm würde vermutlich sofort wegen der ICD 10  Diagnose „Persönlichkeitsstörung“ geächtet. Und wenn man auf ein harmloses Katzenoutfit ausweicht, verklagen einen die Allergiegeplagten…).

Na, jedenfalls finde ich die Überlegung, ein Kostüm könne andere Menschen in ihrer tiefsten Seele und Persönlichkeit verletzen ziemlich hanebüchen, aber es sind ja schon merkwürdige Dinge in dieser Richtung passiert. Die Negerküsse meiner Kindheit sind auch längst verschwunden und ich verweise hier auf meinen Artikel „Von Schokokönigen und Südseeküssen“ vom Januar 2013. Die Regelwut und die Befindlichkeiten kennen keine Grenzen!

Es gibt jedoch etwas, das mich noch viel mehr entsetzt… erstaunen wäre hier echt der falsche Ausdruck. Auf der Seite:                                                               http://www.huffingtonpost.com/entry/yale-student-halloween-costumes-christakis_5644baa8e4b045bf3dedfe1e                                                                               ist zu lesen, dass das Ansinnen, Studenten mögen beim sich-fürchten-lernen bitte Vorsicht walten lassen mitnichten von überaltertem Unipersonal stammt, sondern eine breite Zustimmung, ja sogar den Anstoß dazu in der Studentenschaft hat!!!

Und je mehr ich gelesen habe, um so schlimmer wurde es. Die (amerikanischen) Studenten leiden offensichtlich unter allen Arten von psychischen Problemen, was irgendwie dazu führt, dass die Begegnung mit einem Halloween-Afro-Outfit sie in die tiefsten Depressionen stürzen könnte. Das Trauma lauert ja bekanntlich überall. Ich frage mich schon gar nicht, was diese Zartbesaiteten beim Anblick eines echten Afro-Amerikaners empfinden würden, der, womöglich rastalockenschwingend, eine Art ritualen Stammestanz aufführt (bei manchen Veranstaltungen kommen einem solche Vergleiche ja unweigerlich in den Sinn). Einfach nur so. Aus guter Laune.

An anderer Stelle lese ich, dass  es mittlerweile an US-Universitäten teilweise mehr Coaches und Berater als Professoren gäbe. Weil die Studenten mehr psychische, soziale und Selbstfindungsprobleme haben als Wissenslücken. Und nein, das soll nicht heißen, dass sie alle Überflieger und nahezu allwissend sind. Es zeigt vielmehr deutlich, dass wir in einer Gesellschaft leben, die voller Ängste steckt. Angst, zu versagen. Angst vor dem Fremden. Angst, nicht dazu zu gehören. Angst, nicht gut genug zu sein. Angst, nicht man selbst sein zu dürfen, falsch zu sein, nicht passend. Und wenn ich nicht passend bin, habe ich drei Möglichkeiten: ich rebelliere (Quer- und andere Andersdenker), ich füge mich oder ich flüchte. In besagte Ängste zum Beispiel. Fight-flight-freeze heißt das auf Englisch.

Und die Neurobiologen erklären das damit, dass unser Gehirn sich bei jedweder Art von Stress Stück für Stück in den Urlaub verabschiedet… angefangen mit dem Präfrontalen Kortex. Das ist echt blöd, denn da sitzt unser Bewertungssystem, unsere Fähigkeit, Konsequenzen zu erkennen und entsprechende Handlungen vorzunehmen. Wenn der Teil des Hirns nun bei den Studenten – und sonstigem Weltpersonal – auf Tahiti in der Sonne liegt, kann so ein Halloween-Westernheld mit Bärentöter einen jungen Menschen mit einem Achtel Kiowablut schon in eine traumatische Situation bringen. Klar.

Nein, nicht die Möchtegern Gruselfetzen sind erschreckend, sondern unsere Unfähigkeit, mit uns selbst zu leben. Und mit unserem Nächsten. (Vielleicht hülfe  etwas Calgonit zum Entkalken des Oberstübchens. Dann klappte es auch mit dem Nachbarn :-))

Eigentlich wollte ich an Fasching ja als Universitätsprofessor ausrücken, aber das lasse ich lieber. Am Ende traumatisiere ich damit noch die Grundschüler. Ne, da gehe ich doch besser als Gargamel, auf echte Schlümpfe werde ich ja wohl kaum treffen 🙂

 

 

Von Partnerschaft und Partnerschaften.

Seit meiner Scheidung bin ich partnerlos. Nun ja, nicht so ganz. Eigentlich habe ich eine ganze Menge Partner. Und zwar im besten Sinne des Wortes:

Da gibt es meine Geschäftspartner. Man könnte auch Kollegen sagen, aber das würde unserem wirklich partnerschaftlichen Verhältnis nicht gerecht werden.

Dann sind da meine Mitautoren. Hätten wir nicht einen wirklich guten, konstruktiven und vertrauensvoll-partnerschaftlichen Umgang miteinander, das Krokodil wäre wohl niemals zum Fliegen gekommen.

Ich habe einen guten Freund, der, je nach unseren jeweiligen Terminmodalitäten, mal mein Montags- und mal mein Mittwochsdate ist. Manchmal entscheiden wir auch – sehr partnerschaftlich – dass wir ein Samstagsdate einschieben. Außerdem ist er mein Mentor, was alle Dinge, die mit Elektronik zu tun haben, betrifft. Geduldig und liebevoll erklärt er mir, seinem in diesen Bereichen völlig unbelehrbaren Partner, dass er die Fotos nicht extra mitbringen muss, weil er sie in der Cloud gespeichert hat. Und die Cloud ist….:-)

Ich habe alte Freundinnen, die Lebensbegleitungspartner im besten Sinne sind. Eine weitere, die mir durch einen irren Zufall zugeflogen und die beste Partnerin in puncto Schrägheit und verrückten Ideen ist, die man sich vorstellen kann und eine andere, deren Seele offensichtlich mit meiner in irgendeinem anderen Leben beschlossen hat, eine Partnerschaft einzugehen, die nicht einmal der Tod scheiden kann.

Meine Kinder sind in einem Alter, wo sie mir weniger Aufgaben als meine „Kinder“ stellen (es sei denn, sie brauchen mal Geld, müssen von A nach B gefahren werden, das Deo wäre alle, der Kühlschrank leer und eine Wasserkiste hätten sie auch gern mal wieder. Ach ja, und im Erkältungsfall ist Mama auch heiß begehrt). Also, wie gesagt, die brauchen mich kaum gar nicht fast nie und jedenfalls nicht täglich 24 Stunden lang. Statt dessen entwickelt sich unser Zusammenleben mehr in Richtung WG:

Wer putzt wann welches Bad? Welche Zimmer müssen aufgeräumt werden? Wie regeln wir das mit den Tellern, die sich auf der Minna stapeln und seltsamerweise nicht von allein hinein wandern? Und dann der Müll…

Ich gebe zu, das ist eine Art von Partnerschaft, an der wir noch viel arbeiten müssen.

Aber ich denke, Sie erkennen, was ich meine. Es mangelt mir nicht an Partnern aller Arten. Nein, ich schätze mich reich und glücklich, so viele verschiedene haben zu dürfen. Das – oder der – einzige, was mir fehlt, ist der dem Ehemann ähnlichen Lebensdauerpartner. Genau genommen bin ich mir nicht sicher, ob der mir wirklich fehlt. Da ist er aber jedenfalls nicht.

Vekuppelungsbitten vor Jahren an meine „alten“ Freundinnen waren erfolglos. Ich glaube, sie konnten nicht glauben, dass ich das tatsächlich ernst meinte. Und das war auch gut so, denn heute glaube wiederum ich nicht, dass das hätte gut gehen können. Außerdem fühle ich mich mit mir und meinen vielen unterschiedlich gestalteten Partnerschaften ganz wohl.

Neulich hat mir aber die Schräge einen Floh ins Ohr und ein Bild in den Kopf gesetzt, das mich nachhaltig beeinflusst hat. Das Bild eines Mannes nämlich und den Floh mit Namen Daniel. Der ist offenbar ein nicht ganz unbekannter, hm, wie soll ich es nennen, Weltenverbesserer. Jedenfalls scheint er nicht der klassische Haus-Hund-Hof Bankberater zu sein, sondern vielmehr das,  was  man allgemein und in meiner Familie besonders unter einem „Rumziehbesen“ versteht. Der dann auch noch als Umweltaktivist unterwegs ist, einen völlig unrunden Lebenslauf zu haben scheint und sehr sympathisch daher kommt.  Da dachte meine Freundin  wohl (zu Recht?), alles, was ein bisschen anders ist, ist gut für mich.

Mit Floh und Bild ging ich also ins Bett und dachte an Daniel, den Querdenker. Allerdings entpuppte sich mein Traum – Daniel als etwas völlig anderes. Er arbeitet nämlich bei der LBS und verkauft Bausparversicherungen. Er hat ein eigenes kleines Büro, das im Sommer eine Eisdiele ist. Da sitzt er, schaut mit seinem offenen Gesicht über die nun leere Eistheke nach draußen und nickt Vorbeigehenden freundlich zu. „Möchten Sie nicht vielleicht einen wohlschmeckenden kleinen Bausparvertrag abschließen? Wir bieten ihn in verschiedenen Geschmacksrichtungen an.“

In meinem Traum war ich von diesem Daniel schwer begeistert und wachte sehnsuchtsvoll auf. Nun – nach etlichen Tassen Kaffee – sitze ich hier und frage mich, was mir mein Unbewusstes wohl damit sagen möchte? Brauche ich zum Wohlfühlen doch eher den Biedermann als den Aussteiger? Den Braven statt des Ausgeflippten? Den Traditionalist statt des Nonkonformisten? Den Langeweiler statt des Schelms?

Im wachen Zustand würde ich ein klares, lautes und deutliches NEIN dazu sagen. Wenn ich aber meinem Unbewussten zuhöre, was dann?

Aber wie gut, dass sich dieses Thema im Augenblick nicht stellt. Da kann ich in Ruhe noch ein paar Träume abwarten. Mal sehen, wie Daniel sich entwickelt. In der Zwischenzeit genieße ich meine vielen unterschiedlichen Partnerschaften einfach nur so. Und wer weiß, vielleicht frage ich dann eines Tages meine Freundin mal nach dem Visitenkärtchen des Flohs…   🙂

Warum lieber „wofür“.

Nach den furchtbaren Anschlägen in Paris vermehren sich die Beileidsbekundungen in den sozialen Netzwerken. Auf Twitter, Facebook und Co erscheinen Unmengen von Friedenszeichen mit Eiffelturm, pray for paris – Kommentare und Profilbilder mit Trikolore.

Nur um das von Anfang an klar zustellen, ich bin genauso schockiert wie der Nächste neben mir, ich verurteile Anschläge, Terrorismus und Gewalt in fast jeder Form. (Falls der eine oder andere Leser sich fragen sollte, warum „fast“, gebe ich zu bedenken, dass ich mir durchaus Kontexte vorstellen kann, wo ich Gewalt für das Gebot der Stunde halte. Im Verteidigungsfall zum Beispiel…). Und ich kann auch verstehen, was die Menge der sozialen Netzwerknutzer dazu treibt, sich dieser Bewegung anzuschließen.

Ich möchte es aber nicht. Und fühle mich daraufhin auch gleich ein bisschen schuldig. Fehlt mir etwa doch das Mitgefühl? Bin ich zu blöde oder zu borniert, um den Sinn des Ganzen zu verstehen? Warum kann ich mich einer so gut gemeinten und solidarischen Aktion nicht einfach anschließen? Bin ich schlicht ein Querulant? Und wenn ja, wäre das gut oder schlecht?

Ich habe mich hinterfragt und festgestellt, dass mir die „warum“- Frage nicht wirklich weiterhilft. Warum soll ich mein Profilbild hinter die Trikolore packen? Weil das jemandem hilft? Nein. Weil ich mich damit als Gegner des Terrorismus oute? Und dann, wer hat was davon? Die, die mich kennen, wissen das ohnehin und die, die mich nicht kennen, kriegen es nicht mit. Das „Warum“ hilft mir also nicht weiter.

Ich denke dann aber an Gunther Schmidt, unter anderem ein bekannter deutscher Hypnosystemiker, dessen Stimme ich ziemlich oft im Ohr habe, wenn jemand fragt, warum.

„Nicht das Warum ist entscheidend. Wir müssen fragen wofür, wofür, wofür!“

Also, wofür sollte ich mich der Paris-Bewegung anschließen? Da fällt mir besonders ein Grund ein, nämlich um mich mit anderen in eine Gemeinschaft zu begeben. Die Gemeinschaft der Mitfühlenden, Sozialen, Entsetzten. Wir Menschen sind soziale Wesen, für unser Wohlgefühl ist es eminent wichtig, sich einer Gemeinschaft zugehörig zu fühlen. Dafür also wäre es gut, Friedenszeichen und Co zu teilen.

Nun stellt sich mir aber die Frage: „brauche ich das“ und meine Antwort ist ein ziemlich klares Nein. Ich stelle mich also bewusst außerhalb einer Gemeinschaft. Nicht, weil ich deren Anliegen nicht verstünde. Sondern weil ich für mich persönlich keinen Sinn darin sehe. Das ist natürlich eine ganz individuelle Entscheidung und soll in keinster Weise die Bewegung an sich kritisieren. Interessant in diesem Zusammenhang ist für mich jedoch die Erkenntnis, dass ich das Gefühl habe, mich rechtfertigen zu müssen. Warum? Weil andere mich schief angucken. Hm.. also, wofür? Um mich mit Hilfe eine Erklärung eben doch nicht so ganz und gar außerhalb der Gruppe stellen zu müssen. Und wofür brauche ich das? Für mein seelisches Wohlbefinden.

Dieses innere Gedankenkarussell zeigt mir mal wieder deutlich, was ich theoretisch ja längst weiß: wie viel Macht Gruppen und Bewegungen haben! Und wenn ich mich mit diesem Gedanken im Hinterkopf frage, wie es kommt, dass so viele Menschen bei den Montagsdemonstrationen mit laufen, wenn ich frage: „wofür laufen die mit“, dann könnte eine Antwort sein, sie laufen mit, weil der Nachbar hingeht und sie wollen in der Nachbarschaft integriert bleiben. Und vielleicht geht der Nachbar, weil der von gegenüber geht, der wiederum sich dem Ersten anschließt. Könnte doch so sein. Und wenn es so wäre, und alle Laufenden mal über das „wofür“ sprächen, könnte es auch sein, dass der eine oder der andere montags zu Hause bliebe.

Und wenn dem so wäre, würde ich gern für mehr Mut, Individualität und Querdenkertum werben. Für mehr kritisches „wofür“ als gewohntes „warum“. Denn dann könnte es passieren, dass ich mich, aus ganz persönlichen Gründen, dafür entscheide, einer Gruppe NICHT anzugehören. Und das wäre manchmal vermutlich gar nicht so schlecht!

Wir basteln uns da mal ein Problem…

Ein Leben ohne Probleme ist langweilig. Finden Sie das auch? Immer nur dröge vor sich hin zu leben, ohne Herausforderung, die es zu bewältigen, ohne Probleme, die es zu lösen gilt… wer will das schon?

Klar, es gibt die großen Themen wie Umweltkatastrophen, Klimawandel, Flüchtlingsströme, Euro-Krise, Terrorgefahr…. und auch ein paar kleinere wie Pegida, Politikverdrossenheit, Überalterung der Gesellschaft, Schulversagen (eher der Institution als der Schüler!)… oder noch kleiner, der nörgelnde Nachbar, Hundehaufen auf den Gehwegen und Wartezeiten allgemein.

Abgesehen davon ist es aber gar nicht so leicht, ein Problem zu haben. Das kriegt man nämlich nicht einfach so, es kommt nicht vorbeispaziert, klingelt und bittet um Einlass. Nein, nein, für ein gutes, anständiges Problem muss man werben, man muss sich anstrengen und eine Menge dafür tun. Darum hier mal eine Anleitung zum Probleme basteln:

Sie brauchen sich selbst, einen Ist-Zustand (z.B. ich schreibe total ungern) einen Soll-Zustand (ich will ein berühmter Autor werden) und einen inneren Beobachter, der nicht gelassen sagt „Quark, ist ja gar nicht dein Ding, geh lieber malen oder den Kühlschrank putzen“ sondern eher als antreibender Kritiker fungiert und permanent Sätze loslässt wie       “ Hopp,hopp, Morgenstund hat Gold im Mund – ab an den Schreibtisch“ oder „Nur ein Schriftsteller ist ein wahrer Mensch“ oder „Du kannst alles schaffen, wenn du nur willst“ und dergleichen hilfreichen Dinge mehr.

Erst dann kriegen Sie ein richtig schönes Problem hin. Nur die Differenz zwischen Ist und Soll ist da nicht ausreichend, es braucht auch eine ordentliche Portion Bewertung. Es gäbe keine Burn-outler, wenn diese sich im Wust der überhand nehmenden Anforderungen fröhlich einen Tee einschenkten, die Füße hochlegten und sich mit einem „na, mehr geht halt heute nicht“ pünktlich in den Feierabend verabschiedeten.

Sie sehen, ein veritables Problem kriege ich nur mit großer Anstrengung. Ist echte Arbeit und sollte als solche gewürdigt werden. Darum möchte ich hier an dieser Stelle auch die herausragende Leistung eines konservativen Christen namens Feuerstein erwähnen, auf das der geneigte Leser dessen Fähigkeit zur Problemerschaffung bewundere. Und nein, er heißt nicht mit Vornamen Fred. Schade, ein beherztes Wiiiillmaaa hätte vielleicht eine beruhigende Wirkung auf den streitbaren Herrn gehabt.

Mister Feuerstein ist es mit Hilfe seines inneren Beobachters (der offensichtlich noch viel konservativer angehaucht ist, als unsereiner sich vorzustellen vermag) gelungen, aus einem schlichten roten Pappbecher ein solches Problem zu kreieren, dass er zum Klickmeister auf youtube wurde und sogar die mächtige amerikanische Politik in Gestalt des zwar gestalt,- aber eher wenig geist-reichen Donald Trump, zu neuen Ideen inspiriert hat.

Es geht um den neuen Weihnachtspappbecher der Firma Starbucks. Der ist in diesem Jahr, entgegen früheren opulent mit Sternen und sonstigem weihnachtlichen Bohei (Verzeihung, ich meinte natürlich mit christlichen Wahrzeichen) verzierten Trinkgefäßen, in schlichtem aber strahlendem Rot gehalten. Die Diskrepanz zwischen rotem Ist und christlichem Soll hat besagten Herrn Feuerstein zu einer Kampagne gegen Starbucks bewegt. Ich zitiere aus der ZEIT vom 12.11.15:

„.. spricht ein konservativer Christ mit Baseballkappe in einem youtube Video von einem „Krieg gegen Christen“……Feuersteins Video wurde derweil über 14 Millionen mal angesehen – und der Milliardär Donald Trump rief sogar zum Boykott der minimalistischen Becher auf“.

Für alle, die sich das genauer anschauen möchten, es reicht die Sucheingabe von „Feuerstein und Starbucks“ bei youtube, um auf eine Vielzahl unterhaltsamer und lehr-(oder meine ich doch „leer“-) reicher Videos zu stoßen.

Alles in allem ein besonders gelungenes Beispiel dafür, wie man ohne große Mühe die wunderschönsten unnötigen Probleme basteln kann und es damit sogar in die Nachrichten schafft. Herzlichen Glückwunsch an H. Feuerstein an dieser Stelle 🙂

 

 

 

 

 

Schlupfloch, mein Unwort des Jahres 2015. Und 2014. Und 2013. Und……

Aber, bevor ich da in die Tiefe gehe, gucken wir doch erst mal bei Wikipedia, was ein Schlupfloch überhaupt ist:

„Ein Schlupfloch ist…ein Durchgang oder Ort, durch, aus dem oder in den man nur durch Verbiegen des Körpers gelangen kann, oftmals nur durch das Entlangschleifen des Körpers an den Wänden und/oder der Decke. Im weiteren… Sinn ist es auch eine Möglichkeit für Mensch oder Tier, knapp einer Gefahr, unangenehmen Situation, einem persönlichen Nachteil etc. zu entkommen.“

Man kann Schlupflöcher finden, sie schließen, erweitern oder auch kreieren. Auch Öffnungen in Vogelnestern nennt man so und im literarischen Kontext setzt man „dramaturgische Schlupflöcher“ ein, um Spannung zu erzeugen und scheinbar ausweglose Situationen (respektive Regelungen, Verordnungen, Gesetze)  entstehen zu lassen. Es handelt sich dabei also um Vorspiegelung falscher Tatsachen. Der Zuschauer (Bürger) wird dazu verleitet, zu glauben, der Held (das Gesetz) ginge nun endgültig drauf (wäre wasserdicht und gleich gültig. Statt gleichgültig!).

Johann Christoph Adelung, Germanist aus dem 18. Jh., hat bereits damals den Schlupfwinkel beschrieben als …“verborgener Ort, in welchem man sich aus schädlichen oder bösen Absichten verbirgt.“ Ein Schelm, der Böses   –   und politisch-wirtschafliches   –   dabei denkt!

Es gibt also seit kurzem ein neues Schlupfloch in unserem europäischen Weltgeschehen. Eines für Flüchtlinge. Nein, nicht die aus Syrien. Sondern für die Wirtschaftsflüchtlinge. Nein, auch nicht die aus den „sicheren“ Herkunftsländern, wie Afghanistan, Mazedonien oder Serbien. Nein, nein,  das Schlupfloch, das ich meine, ist für Wirtschaftsflüchtlinge aus den Telekommunikations- und Netzbereichfirmen.

Es geht um die vom EU-Parlament gerade beschlossenen „Netzneutralitätsregeln“.  Ich gebe zu, ich  liebe die Erfinder politisch nichtssagender Totschlagbegriffe. In Amerika gibt es zum Beispiel ein Wort für das Verhalten von Leuten, die andere mit kaum nachprüfbaren Statistiken zum hoffnungslosen Stillschweigen in jeder Diskussion verdammen: „wonk“. Man kann also jemanden mit irgendwelchen Zahlen „outwonken“, wenn einem selbst keine Argumente mehr einfallen. Für unsere deutschen Politik-(un)-fachbegriffe schlage ich daher das „ponk“ vor 🙂

Hinter den Netzneutralitätsregeln verbergen sich Sachen wie:

Roamingebühren. Die sollen ab 2017 endlich ganz abgeschafft werden, davor deutlich sinken. Die Voraussetzungen dafür sind aber noch nicht so ganz geschaffen… erinnert fatal an Bauprojekte an der Elbe und der  Spree….  Das hindert unseren allseits beliebten und streng logisch handelnden Verkehrsminister Dobrindt jedoch nicht daran, zu behaupten, dass es künftig für Nutzer völlig egal ist, über welche Ländergrenze sie gerade gefahren sind. Ist halt wie mit der Maut: gleiches Recht für alle. Außer für manche! (So heißt es sinnigerweise auch bei heise.de zum Thema, dass es „zu viele Schlupflöcher für Mautstraßen im Netz gebe“! Grins).

Und es geht um Neutralität im Netz, was soviel heißt, dass Datenpakete in gleicher Geschwindigkeit weitergeleitet werden, ungeachtet von Größe und Inhalt. Völlig neutral eben. Eine gute Erklärung findet man hier

Ein Schlupfloch für die Datenweiterleiter ist in diesen neu verabschiedeten Regeln zum Beispiel die Tatsache, dass Firmen wie die Deutsche Telekom sogenannte „Spezialdienste“ gesondert anbieten – und abrechnen! – dürfen. Diese Unternehmen können dann eine staufreie Überholspur im Netz vermarkten, sie können bestimmte Inhalte einfach nicht auf das verfügbare Datenvolumen des Nutzers anrechnen (passiert schon bei facebook und Konsorten),  andere Inhalte wiederum können beschleunigt, verlangsamt oder ganz gesperrt werden und, falls Telekom und Co das Gefühl haben, es könne eine Netzüberlastung drohen! (Im Zweifel für die Überlastung :-)), kann die Übertragungsgeschwindigkeit mal fix herab gesetzt werden. So sicherheitshalber mal zur Sicherheit!

Zusammenfassend könnte man sagen, den Netzbetreibern steht es frei, die Daten so zu benennen und zu behandeln, dass sie den maximalen Profit generieren. Kein Wunder dass der Telekom Chef Höttges den gefundenen Kompromiss für durchaus ausgewogen hält…

Auch die Rechtskonservativen in England sind recht(s) angetan von der neuen EU Regel,  getreu dem Motto:     „no sex please, we are british and very, very old— fashioned“,    freuen die sich besonders darüber, dass die nationalen! Porno-Filter zum Jugendschutz beibehalten werden dürfen. Auf der Insel muss sich anmelden, wer pornografische Seiten besuchen möchte – er muss sich also, passend zum Guckwunsch, nackig machen! Wer das nicht tut, kriegt Filter vor die virtuelle Nase gesetzt, die bestimmte Seiten sperren. Das hat absurde Auswüchse. So wurde zum Beispiel – Zitat von zeit.de, „…auch die Website der Parlamentsabgeordneten Claire Perry gesperrt wurde. Sie gehört zu den Befürwortern der Netzzensur, weshalb Begriffe wie Pornografie und Sex auf ihrer Seite vergleichsweise häufig zu lesen sind.“ 

Wer mag, kann auf zeit online noch mehr Vergnügliches dazu finden.

Und da sieht man es mal wieder, nicht alles, was der Staat regeln kann, sollte er auch regeln dürfen!

Und was die ponks betrifft, die findet man als Schlupfloch unter anderem auch bei der Rente, den Steuergesetzen, dem Mindestlohn, dem Kindesunterhalt, der Landwirtschaft und Tierhaltung, den Richtlinien der Abfallentsorgung, den Inhaltsstoffangaben bei Lebensmitteln, dem Datenschutz, dem Glühlampenverbot, den Finanzprodukten, der Energiesparverordnung, und diversen Gesetzen, Regelungen, Verordnungen aus 2012, 2011, 2010, 2009, 2008, 2007…………………………………………………………………………………